“Against All Enemies, Foreign And Domestic”

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Ab heute ist ER Präsident. Dagegen hilft Verfassungspatriotismus.

Vor vier Jahren wurde ich amerikanischer Staatsbürger. Es muss kurz nach der Hochzeit mit meiner Frau gewesen sein (ich war es ein bisschen leid, als ihr „boyfriend“ vorgestellt zu werden; ein Mann mittleren Alters ist kein „boyfriend“ mehr), und ich glaube, es war bevor sie schwanger wurde. Unser Sohn wurde dann 2013 geboren, er ist ein richtiger New Yorker. Meine Frau ist Amerikanerin der vierten Generation, ihre Vorfahren gehörten zu jenen Juden aus dem Zarenreich und der Habsburgermonarchie, die Ende des 19. Jahrhunderts hier einwanderten.

Nachdem ich meine Einbürgerungszeremonie hinter mich gebracht hatte, luden ein paar Freunde uns ein, unkoschere Steaks bei „Peter Lueger“ in Brooklyn zu essen. (Koschere Steaks gibt´s in New York natürlich auch: im „Marais“, einem Restaurant in der Nähe vom Times Square.) Ich erinnere mich, dass ich beim Essen einen feierlichen Eid ablegte: Nie im Leben würde ich das Wort „colour“ anders buchstabieren würde als so (mit einem „u“ nach dem „o“, wie es sich unter zivilisierten Menschen gehört); und das Wort „tomato“ würde ich immer nur wie die Briten aussprechen (und nicht „tomäidou“ wie die nordamerikanischen Barbaren). Darauf tranken wir dann ein Glas Champagner zusammen.

Dieser Eid ist wichtiger

An diesem Tag – dem 20. Januar 2017 – finde ich allerdings einen Eid wichtiger, den ich während meiner Einbürgerungszeremonie ablegte: dass ich die Verfassung der Vereinigten Staaten „unterstützen und verteidigen“ werde, und zwar gegen alle ihre Feinde, „sei es im Aus- oder Inland“.

Es gibt im Deutschen das Wort „Verfassungspatriotismus“ (das, glaube ich, Jürgen Habermas geprägt hat). In amerikanischen Ohren klingt es merkwürdig (noch merkwürdiger als ein britisch ausgesprochenes „tomato“). Denn in den Vereinigten Staaten gibt es ja gar keinen anderen Patriotismus als jenen, der sich auf die Verfassung bezieht. Das einzige, was uns als Nation zusammenhält, ist dieses Regelwerk aus dem 18. Jahrhundert – sonst nichts. Wir Amerikaner haben keine gemeinsame Herkunft, keine jahrhundertelangen gemeinsamen Kulturtraditionen, keine gemeinsame Religion; es gibt in den Vereinigten Staaten noch nicht einmal eine offizielle Landessprache. Ich hätte mich einbürgern lassen können, ohne ein Wort Englisch zu sprechen; es wäre in diesem Fall mein Recht gewesen, einen Übersetzer zu fordern.

Eine Schandtat

Wer ein Beispiel für amerikanischen Patriotismus sehen will, der möge sich bitte noch einmal dieses Video vom Parteitag der Demokraten im Sommer 2016 anschauen. Khizr Khan hat dort eine Rede gehalten, die einmal zu den großen Ansprachen der amerikanischen Republik zählen wird – vorausgesetzt, dass die Republik diese Krise (ihre schlimmste seit dem amerikanischen Bürgerkrieg) überlebt.

Zu den schändlichsten Dingen, die Donald Trump getan hat, gehört, dass er diesen Mann – den Vater eines gefallenen amerikanischen Soldaten – und seine Frau öffentlich beleidigt hat. In den kommenden vier Jahren werden wir sehen, wer stärker ist: Khizr Khan, der die amerikanische Verfassung in der Hand hält, oder Herr Trump, dem sie von Herzen gleichgültig ist. Ich jedenfalls habe geschworen, die amerikanische Verfassung gegen alle ihre Feinde zu verteidigen: sei es im Ausland oder im Inland. Und ich gedenke, diesen Eid zu erfüllen. Mein Sohn soll in einer liberalen, multiethnischen, multireligiösen Demokratie aufwachsen – nicht in einem grotesken autoritären System.

God bless the United States of America. And God help us all.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com