Times Square in New York Pixelio

As time goes by

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Für die Lektüre dieses Textes werden Sie ungefähr fünf Minuten brauchen. Überlegen Sie sich also gut, ob Sie so viel Quality Time investieren wollen.

Wann genau hat es sich eigentlich eingebürgert, dass Online-Texte mit einem Hinweis auf die Lesedauer versehen werden? „Wie Sie mit optimalem Lauftraining länger leben“ wird mir der „Focus“ verraten, wenn ich „12 Minuten Lesedauer“ investiere. Mein innerer Homo oeconomicus soll dann fix überschlagen, ob die 12 Minuten gut angelegt sind. In dem Fall ja, denn wie ich 3,5 Minuten später erfahre, kann optimiertes Lauftraining nicht nur meine Figur verbessern, sondern auch meine Lebenszeit „signifikant steigern“, womit mehr als 12 Minuten gemeint sein dürften.

41 Millionen Minuten Lebenszeit

Einem Menschen, der 78 Jahre alt wird, stehen knapp 41 Millionen Minuten Lebenszeit zur Verfügung. Das klingt nach sehr viel, aber von dem Konto geht eine beträchtliche Zeit fürs Schlafen, Zähneputzen und Warten auf irgendetwas ab, grob geschätzt die Hälfte. Bleiben gut 20 Millionen Minuten für das eigentliche, das bewusste, gute Leben übrig, denn ich nehme an, dass der selbstoptimierte Homo oeconomicus einer Arbeit nachgeht, die ihn vollkommen erfüllt und die deshalb in die Sparte „Quality Time“ fällt.

20 Millionen Minuten Quality Time sind ein fettes Investment. Ich frage mich, weshalb andere Situationen mit Entscheidungszwang noch nicht mit einem solchen Zeithinweis versehen werden. Ein guter Anfang sind die Digitalanzeigen an manchen Straßen, die verraten, wie viele Minuten man sich noch aufregen und im Stop-und-Go-Verkehr fahren wird. Den Service könnte man auf Supermarktkassen und Postschalter ausweiten, dazu braucht man nur den statistischen Mittelwert für die Abfertigung einer Person an Kasse beziehungsweise Schalter zu wissen.

Ich bin ein 10-Minüter, und Du?

So könnte man viel faktenbasierter entscheiden, ob man das Waschpulver wirklich braucht und ob es zum Postpaket an Tante Hildegard keine Alternative gibt. Vieles Tun ist überflüssig und hält einer Überprüfung nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip nicht stand. Das gilt auch für leichthin konsumierte Lebenszeit durch Reden. Mit ein wenig Ehrlichkeit könnte jeder sagen, wie viele Minuten eine spontane Face-to-Face-Kommunikation mit ihm im Schnitt dauert und sich eine kleine Blechmarke mit einer Zahl ans Revers heften. Motto: „Ich bin ein 10-Minüter, und Du?“

Im Job wird immer noch viel Zeit vertan. Leider steht ein effizientes Zeit-Management oft im Spannungsverhältnis zur Hierarchie des Unternehmens. Einfacher ausgedrückt: Die Dinge und Personen, mit denen man sich lange beschäftigen möchte, sind oft nicht die, mit denen man sich tatsächlich lang und breit beschäftigt. Das plündert Millionen Zeitkonten und hinterlässt einen faden Geschmack.

Lesezeit: 18 Stunden

Ich verstehe, warum Buchverlage auf einen Aufkleber „Lesedauer: 18 Stunden“ lieber verzichten. Wer hat schon 18 Stunden Quality Time übrig. Andererseits könnten die Verlage bei kleineren Bändchen, Novellen usw., einen Nutzen ziehen, indem sie auf die Kürze der Konsumationszeit hinweisen. Weit vorn: Die voreilig als altmodisch abgestempelte Lyrik. Ein Gedicht von Ernst Jandl liest sich bequem in zwei Minuten. Natürlich gibt es auch längere Gedichte, wenn man Zeit hat.

Man sieht, dass das Gestrige und scheinbar Obsolete plötzlich ganz oben auf der Hitliste der Zeitökonomen stehen kann. Omis Fernsehzeitschrift zum Beispiel war schon immer ein minutiös getakteter Zeitplanhelfer, meiner Meinung nach ist sie zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Ich würde mir auch deutlichere Hinweise bei Konzerten und Theaterstücken wünschen, wenn diese über die eingeübten 90 Minuten Filmdauer hinausgehen; mehr ist einfach zu lang.

Was heißt schon lebenslänglich

Niemand weiß, um wieviele Minuten es geht, wenn er etwas für den Rest des Lebens zu tun beschließt. Im Strafvollzug heißt „lebenslänglich“ schon lange nicht mehr ein Leben lang. Wer heiratet, hofft, dass seiner Entscheidung viele Minuten des Glücks folgen. Es würde als unromantisch empfunden, sich im Voraus auf eine Dauer festzulegen. Als die damalige Fürther Landrätin Gabriele Pauli eine Befristung der Ehe auf sieben Jahre vorschlug, war sie die längste Zeit Landrätin gewesen.

Die Glücksforschung will wissen, dass große Zufriedenheit mit einem Verlust an Zeitempfinden einhergeht und nennt dieses Phänomen „Flow“. Wer im Flow ist, vergisst die Welt um sich herum und erlebt seinen Zustand als glückhaft. Man muss kein großer Geist sein um zu erkennen, dass Selbstvergessenheit und ein vernebeltes Zeitempfinden die natürlichen Feinde des Homo oeconomicus sind. Mit diesem Widerspruch muss man leben. Keiner sagt einem, wie lange.




Ellen Daniel begann ihr Leben im Taunus bei Frankfurt. Frankophil war sie schon als Elfjährige, nach dem Politik-Studium reichte es aber leider nur für Belgien: In Brüssel lernte sie erst als Journalistin, dann als Pressesprecherin die EU von innen kennen. Später ging sie zum "Focus", wo sie Redakteurin im Auslands- und im Kulturressort war und viel herumreiste. Heute arbeitet sie für SOS-Kinderdorf. Sie ist überzeugte Europäerin und bodenständige Internationalistin, im allgemeinen wie im kulinarischen Leben.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com