Erinnern Sie sich noch an das Paradies, das einstmals im Osten Deutschlands lag? Ein Land, in dem jeder genug zu essen hatte, in dem Brot und Wohnen billig waren, wo der Staat niemanden vergaß, wo Übergewicht kein Thema war und jeder Anrecht auf Urlaub hatte? Umweltschutz wurde dort eher als in der Bundesrepublik als Staatsziel verankert und als zweites Land Europas führte die DDR 1970 ein umfassendes Umweltrahmengesetz ein. Selbstverständlich gab es ein Tempolimit. Was ist aus diesem vorbildlichen Land geworden? Glyphosat-verseuchte Landstriche mit Menschen, die keine Perspektive haben. Die kapitalistische Maschinerie hat es sogar geschafft, die zweckmäßigen kleinen und sparsamen Autos aus regionaler Produktion vollständig zu verdrängen.

Das Gleiche droht jetzt Kuba, warnen westliche Initiativen, Agrarökologen und Experten für nachhaltiges Wirtschaften. Denn die von US-Präsident Obama betriebene Annäherung zwischen den USA und dem kleinen sozialistischen Nachbarland bringt ihrer Ansicht nach die beste Errungenschaft des Landes (nach dem Erhalt der wunderschönen Straßenkreuzer)  in Gefahr: die 100% bioorganische Landwirtschaft, ein Vorbild für die ganze Welt!

„Kubas nachhaltige Landwirtschaft ist mit der Tauwetter-Periode in Gefahr“, schreibt der Agrarökologe Miguel Altieri von der University of California in Berkeley, der Erstaunliches zu berichten weiß: Kuba hätte seit der Abkehr von großen Farmen und der Zuwendung zu kleinbäuerlicher Landwirtschaft von 1996 bis 2005 beeindruckende Zuwächse der pro-Kopf-Erzeugung von Lebensmitteln erzielt, und zwar 4,2% pro Jahr. Seit auch „urban farming“ dazu gekommen sei, würden diese neuen Formen der Landwirtschaft bis zu 1,5 Millionen Tonnen Gemüse pro Jahr erzeugen; in den großen Städten stammten bis zu 70% der dort konsumierten Gemüse und Früchte aus solchen Projekten. Jetzt hingegen sei der Druck groß geworden, Lebensmittel für den Export und für die Versorgung der Touristenmassen zu erzeugen, die nun nach Kuba strömten. Die großen Agrar- und Lebensmittelkonzerne stünden schon bereit, den kubanischen Markt zu stürmen und mit ihrem Bestreben nach „big business“ die Kleinbauern, ihre traditionellen Anbaumethoden und ihre lokalen Sorten vom Markt zu fegen.

„When agribusinesses invest in developing countries, they seek economies of scale. This encourages concentration of land in the hands of a few corporations and standardization of small-scale production systems. In turn, these changes force small farmers off of their lands and lead to the abandonment of local crops and traditional farming ways. The expansion of transgenic crops and agrofuels in Brazil, Paraguay and Bolivia since the 1990s are examples of this process.

If U.S. industrial agriculture expands into Cuba, there is a risk that it could destroy the complex social network of agroecological small farms that more than 300,000 campesinos have built up over the past several decades through farmer-to-farmer horizontal exchanges of knowledge. This would reduce the diversity of crops that Cuba produces and harm local economies and food security. If large businesses displace small-scale farmers, agriculture will move toward export crops, increasing the ranks of unemployed.“

Wenn stattdessen noch mehr Land mit den „agroökologischen Methoden“ bewirtschaftet würde, könnte Kuba nicht nur alle Einwohner versorgen und auf Lebensmittelimporte verzichten, sondern darüber hinaus die Touristen ernähren und dazu noch – wenn auch in geringem Umfang – ausgewählte Lebensmittel exportieren.

Altieris Warnungen erfahren derzeit großes Echo in einschlägigen Publikationen und im Web – schließlich wird schon seit 1997 behauptet, Kuba habe inmitten der Krise eine neue, nachhaltige und produktive Landwirtschaft erfunden. Jahr für Jahr pilgern Gruppen von NGOs nach Kuba, um dort zu lernen, wie man eine Bevölkerung mit naturnahen Paradiesgärten 100% bioorganisch und damit besonders gesund ernährt.  Das soll jetzt kaputt gemacht werden?

Es stimmt: Kubas Einwohner haben Erstaunliches geleistet. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stand die Agrarproduktion vor dem Nichts. Es gab keinen Treibstoff und keine Ersatzteile mehr für die Landmaschinen sowjetischer Bauart (die sich als weniger robust erwiesen als die noch heute reparablen PKW-Oldtimer aus kapitalistischer Produktion), es gab auch keine Pestizide und keinen Mineraldünger mehr. Die großen staatlichen Farmen brachen mehr oder weniger zusammen, und die Regierung initiierte eine Reihe von Reformen, in deren Verlauf sie interessierten Einwohnern Land zur Nutzung überließ und in bescheidenem Rahmen so etwas wie einen Markt gestattete.

Die Delegationen westlicher NGOs, die die Lebensweise von Kleinbauern vergöttern, lassen sich gern von Offiziellen durch die Parzellen führen und sich erläutern, wie solidarisch, umwelt- und klimafreundlich, gesund und nahrhaft das alles ist. Landwirtschaft wie vor 100 Jahren! So idyllisch, und trotzdem wächst was! Ist das nicht der Beweis, dass ein Land mit Biolandbau blühen und gedeihen und zudem noch autark sein kann?

Diversifizierte Produkte statt Monokultur, kein Einsatz von Dünger und Bewässerung, Verzicht auf Pestizide und „Chemie“, statt Abhängigkeit von Großkonzernen nachhaltiges Wirtschaften –  eine echte »Revolution der Nachhaltigkeit«, die von westlichen Initiativen naturgemäß bewundert wird. Hier scheint der Sozialismus mit zwar nicht ganz menschlichem, aber doch immerhin agrarökologischem Antlitz verwirklicht. Humberto Rios Labrada, ein kubanischer Folksänger und Agrarwissenschaftler, der als erster die kubanische Realität mit den schönen Schlagworten verzuckerte und sie seither unermüdlich propagiert, erhielt 2010 denn auch den als »Grüner Nobelpreis« betrachteten Goldman Environmental Prize.

Kuba ist in der Landwirtschaft so erfolgreich wie die DDR auf den geführten Touren durch die VEB Kombinate Robotron und Mikroelektronik Erfurt Weltführer in der Halbleitertechnologie war. Die Realität sieht anders aus.

Nach dem Ende der Unterstützung durch das sozialistische Bruderland UdSSR wurde in Kuba aus schierer Verzweiflung fast alles, was mit den begrenzten Mitteln urbar zu machen war, für die Produktion von Nahrung genutzt. Das Ergebnis dieser „Revolution“: Die Landwirtschaft ist kleinteilig und ihre Methoden sind archaisch. Tiere ziehen den Pflug, Kinder müssen selbstverständlich von klein auf mitarbeiten, Unkraut wird manuell bekämpft, für Schädlingsbefall hat man sich auf Methoden verlegt, die auch im Biolandbau verwendet werden, aber nicht besonders effizient sind. Viele Menschen sind „Nebenerwerbslandwirte“, die Feierabend und Freizeit auf ihrer Scholle verbringen. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung ist ganz oder zeitweise mit der Produktion von Lebensmitteln beschäftigt. Selbst in den Städten wird jede verfügbare Freifläche für den Anbau von Gemüse und Obst genutzt. Man hält Kleinvieh auf den Balkonen. Das treibt Freunden von „urban gardening“ die Freudentränen in die Augen.

Dem World Food Programme (WFP) zufolge muss Kuba für seine ca. 11 Millionen Einwohner 70-80% der erforderlichen Lebensmittel importieren. Zwar ist es gelungen, Hunger und Armut größtenteils zu eliminieren (das Land liegt auf Platz 44 von 187 im UNDP Human Development Index von 2014), aber das geschieht vorwiegend durch importierte Lebensmittel. Das Land kann nicht einmal selbst genug Bohnen erzeugen, eine der wichtigsten Proteinquellen für die Bevölkerung. Zwar gibt es auf nicht subventionierten Märkten viel Gemüse und Obst zu kaufen, aber dort sind die Preise hoch und die Versorgungslage immer wieder prekär. Importiert werden müssen vor allem Reis, Getreide, Ölsaaten, Milch und Milchprodukte sowie Fleisch. Dafür gibt Kuba jährlich 1,5 Milliarden Dollar aus. Damit machen Lebensmittelimporte 20% aller Importausgaben des Landes aus.

Trotz des wöchentlichen, staatlich subventionierten Lebensmittelkorbs ist die Ernährung wenig abwechslungsreich. Viele Kubaner, vor allem Kleinkinder, Schwangere und Alte, leiden unter Anämie und Erkrankungen, die auf das Fehlen bestimmter Mikronährstoffe zurückgehen. Seit 2002 versucht die Regierung, durch Vitamingaben dagegen anzukämpfen, aber noch 2014 musste die Regierung zugeben, dass in den fünf östlichen Provinzen des Landes (dort, wo viel Landwirtschaft betrieben wird), 27% der Kinder unter fünf Jahren und bis zu 40% der Kinder unter sechs Monaten unter Blutarmut litten.

Ein Ingenieur und seine Frau, eine Kunsthistorikerin, erzählen, wie sie mit ihrem Monatsgehalt von 1.800 Pesos auskommen: “It is impossible to live on your salary alone. The food from the ration book only costs 35 pesos a month for three people, but with what you get in the ’basic basket’ you can’t live, much less if you have a baby. For fruits, vegetables, rice, chicken and pork we spend close to 900 pesos a month. With the hundred-odd pesos left over after paying the light bill, we have to pay for gas, water and transport. When our son is sick or some appliance breaks, we have to dip into our reserve or the extra money we keep in the cupboard.“

Über einen der vielen Ernährungspläne der Regierung spotten die Kubaner: „Das einzige, was dabei herauskam, war das Bild eines Bauern, der ein Bündel Bananen trägt, auf der Rückseite der 20-Peso-Note.“

Zwar hat die vorerst letzte der unzähligen Agrarreformen zu höheren Erträgen an Reis und Bohnen geführt (ein Plus von 29% bzw. 37%), aber diese Steigerung war auf die Ausweitung der Anbauflächen um 53% bzw. 48% zurückzuführen. Die Produktivität sank im gleichen Zeitraum (2007-2011) bei Reis um 16%, bei Bohnen um 8%.

Und wie sieht es mit den viel gerühmten „urban gardens“ aus? Havanna hat 97 Biogärten, 318 „Intensivgärten“, in denen entweder direkt in den vorhandenen Boden gesät und gepflanzt wird oder wo der Boden mit Erde aus Vermikultur („Wurmkisten“) angereichert wird. In ganz Kuba arbeiten etwa 40.000 Menschen in solchen städtischen Landwirtschaftsprojekten, die eine Fläche von etwa 33.000 Hektar einnehmen. Sie verteilt sich auf 145.000 Parzellen, 385.000 Familiengärten, 6.400 Intensivgärten und 4.000 städtische Biogärten. Alle Biogärten stehen unter Kontrolle des Landwirtschaftsministeriums.

Bei näherer Betrachtung erweisen sich auch die vorbildlichen „urban gardens“ als ein Desaster. Gedüngt wird bei der Vermikultur mit wurmbehandeltem Haushaltsmüll, der teilweise aus Deponien bezogen wird. Der ist oft reich an Cadmium, Blei und anderen Schwermetallen. Eine Studie, die 2012 von Wissenschaftlern des kubanischen „Institute of Soils“ in Biogärten von Havanna und Guantanamo durchgeführt wurde, ergab: “The compost obtained from the urban solid wastes originating in household trash extracted from landfills without prior sorting, and the subsoils prepared from them, contain heavy metals, especially cadmium and lead, above the maximum permissible levels.”

Hinzu kommt der Eintrag von Schadstoffen durch den Straßenverkehr – Katalysatoren sind in Kuba unbekannt. Zudem wird der Kompost oft nur unzureichend erhitzt, so dass Krankheitserreger nicht abgetötet werden. Völlig unkontrolliert ist der Einsatz von auf dem Schwarzmarkt besorgten oder selbst zusammengemixten Mitteln gegen Schädlinge und Unkräuter.

Ungeachtet dessen verkünden die Lobbyisten des Biolandbaus weiter ihre Märchen vom agroökologischen Paradies. Im Hintergrund wittert Big Organic bereits das große Geschäft: Wird Kuba „bioorganisch“ erhalten, möchten die großen Health Food-Ketten – darunter Honest Tea, Stonyfield Farm und Global Organics die Früchte der wunderbaren kubanischen Biolandwirte und ihrer urbanen Gärten auf dem US-Markt verkaufen, wo der Appetit auf Bioprodukte angeblich kaum noch gestillt werden kann. Und was kann es Schöneres geben als ein ganzes Land, das völlig unverdorben ist von Chemie, Pestiziden, Monsanto und Kapitalismus! „Made in Cuba“ könnte ein ganz besonderes Qualitätssiegel werden! Dieses Paradies muss erhalten werden, das sagen auch die NGOs für regionale, agrarökologische, nachhaltige und bioorganische Landwirtschaft, die mit Big Organic an einem Strang ziehen. Ob die Kubaner das wollen, steht in den Sternen. Eine jüngste Umfrage im Auftrag der Washington Post ergab, dass fast 80% der Kubaner mit dem Wirtschaftssystem ihres Landes unzufrieden sind und 70% darauf warten, endlich selbständig werden und ein eigenes Unternehmen gründen zu können. Es scheint, als wären sie schon verdorben und die Tage eines weiteren Paradieses gezählt.

Paradiese sind halt immer schöner, wenn man nicht in ihnen leben muss.