Normale Arbeitsbedingungen in Italien, ca. 1900 Public Domain

Der größte Medienmythos von allen

Ja, die die Medien verzerren die Realität – aber ganz anders als die Lügenpresse-Schreier glauben.

„Fake News“, „postfaktisch“, „Lügenpresse“: Das Thema falsche oder verzerrende Berichterstattung hat Konjunktur. Leute, die sich für das Volk halten, glauben, die Medien würden von der Regierung, von Konzernen oder finsteren Mächten gesteuert – oder womöglich von der Kanzlerin persönlich, die das arme Deutschland mit Hilfe von Flüchtlingen und anderen Einwanderern „umvolken“ will. Schon lange kursiert auch die linke Variante dieser Erzählung: Kapitalistische Verleger und mächtige Anzeigenkunden lullen die naiven Massen mit seichten Geschichten ein, damit diese nicht rebellieren.

Beides ist größtenteils falsch und ein bisschen richtig. Bunte Blätter mit seichten Geschichten gibt es natürlich zuhauf, aber es steckt kein Plan dahinter, außer dem damit möglichst viel Geld zu machen. Nichts ist opportunistischer als das Kapital, wusste schon Marx. Was heftig nachgefragt wird, wird auch gesendet und gedruckt. Wenn die Fernsehzuschauer morgen nach kritischer Theorie verlangen, würde RTL übermorgen Adorno-Vorlesungen senden.

Im Lügenpresse-Vorwurf steckt auch ein Körnchen Wahrheit: Zwar gibt es keine Marionettenspieler hinter den Kulissen. Doch ist es offensichtlich, dass bei machen Themen, über die im Ausland durchaus kontrovers diskutiert wird, in deutschen Medien – insbesondere in den Fernsehsendern – 99 Prozent Einigkeit herrscht. Krasse Beispiele dafür waren die Fukushima-Berichterstattung 2011, die Hysterie um eine kommende Klimakatastrophe 2007, die einseitige Amerika-Berichterstattung vor dem Einmarsch im Irak 2003, die Panik um den Rinderwahnsinn 2000, die ebenso gleichförmige wie falsche Thematisierung des Waldsterbens in den 80er-Jahren.

Immer wieder kommt es zu solchen Wellen selektiver Berichterstattung und einförmiger Kommentierung, bei denen fast alle Sender und Zeitungen die gleiche Sichtweise vertreten. Deutsche Medienleute haben einen seltsamen Hang zum Herdenverhalten. Nicht weil jemand sie steuert, sondern weil Journalisten – wie auch andere Berufe – in einem selbstreferenziellen Milieu leben. Sie beobachten und verstärken sich gegenseitig. Wer aus der Reihe tanz wird nicht unterdrückt, macht sich aber unbeliebt. Dieses Milieu könnte man als grün-protestantisch beschreiben. Man bestätigt sich gegenseitig in einer Wohlfühlweltanschauung, die wenig Wert auf Fakten und viel auf moralische Überlegenheit legt.

Es ist kein Zufall, dass der Lügenpresse-Vorwurf ausgerechnet beim Thema Flüchtlinge hochkam. Denn viele Zuschauer und Leser rieben sich die Augen, als dieselben Journalistinnen und Journalisten, die jahrelang behauptet haben, man müsse sich viel mehr Sorgen machen und viel mehr Angst haben vor Atomkraftwerken, Gift im Essen, der NSA und anderen Bösewichtern, plötzlich anfingen die offensichtliche Probleme mit den Flüchtlingsströmen zu verniedlichen. Die Zuhörer wurden misstrauisch, als das Panikorchester Wohlfühlmusik spielte.

Die Lügenpresse-Schreier von AfD, Pegida und Co. sind das Ergebnis von mehr als drei Jahrzehnten wechselnder Angstkampagnen. Jetzt erzeugen die Medienkonsumenten von gestern via Social Media ihre Panik selbst und wollen das Abendland vor dem Untergang retten. Die Massenmedien haben den Menschen unentwegt eintrichtern, alles würde immer schlechter und schlimmer. Das ist eine der Hauptursachen, sowohl für die Erfolge der rechtslinken Freiheits- und Fortschrittsgegner, als auch für die grün-protestantischen Möchtegern-Weltheiler.

Gut, dass es den jungen Ökonomen Max Roser und seine Website „Our World in Data“ gibt. Dort kann man sich die notwendige Medizin gegen die Seuche des Fortschrittspessimismus abholen.

Besonders eindrucksvoll ist eine kleine Sammlung von Grafiken, die die Entwicklung der vergangenen zwei Jahrhunderte anhand einer angenommenen Weltbevölkerung von 100 Menschen darstellen. Lebten 1820 noch 94 von ihnen in extremer Armut, so sind es heute noch zehn. Konnten damals 12 von 100 lesen, so können dies heute 85. Aber schauen Sie selbst:

Die Tatsache, dass die Welt sich in vielen Bereichen zum Besseren entwickelt, kommt in der Gedankenwelt der meisten deutschen Journalisten nicht vor. Und – was vielleicht noch viel schlimmer ist – auch nicht im geistigen Kosmos vieler Lehrer. Von den Pfarrern, Theater- und Filmleuten und Künstlern aller Gattungen ganz zu schweigen. Optimismus gilt in diesen Kreisen als eine Art Geisteskrankheit.

Einst wurde der Überbringer schlechter Nachrichten geköpft oder endete im Kerker. Heute ist es umgekehrt. Schlechte Neuigkeiten scheinen ausgesprochen willkommen zu sein, frohe Botschaften lösen Verdacht aus. Die Nachricht „Atomkatastrophe in Fukushima“ wird mit wohligem Gruseln und einer gewissen Genugtuung aufgenommen. Wir haben ja schon immer gewarnt. Die Tatsache jedoch, dass dort kein einziger Mensch durch Strahlung zu Tode kam, führt – spricht man sie aus –  zu nachhaltiger Verärgerung der Gesprächspartner.

Wer in einer Runde deutscher Kulturpessimisten darauf hinweist, dass die wichtigsten Indikatoren für das Wohlergehen der Menschheit sich immer besser entwickeln, erntet Kopfschütteln. So einer ist entweder ein von dunklen Lobbys bezahlter Schönredner, oder ein Naivling mit rosa Brille, der nicht sehen will, wie schrecklich die Realität ist. Wo doch jeder weiß, dass unser Planet demnächst untergehen wird. Wer besonders Schlechtes erwartet, ist hierzulande stets auf der sicheren Seite. Das schlimmste Szenario für wahrscheinlich, ja wahr zu halten, gilt als Ausweis für Intellektualität und kritisches Bewusstseins.

Wer sich durch Max Rosers Website „Our World in Data“ klickt, kommt zu einer ganz anderen Erkenntnis: Die Welt wird besser! Entgegen dem Eindruck, den wir tagtäglich durch Zeitungen, Fernsehen und andere Medien vermittelt bekommen.

Obwohl es immer wieder zu Wirtschaftskrisen kommt, ist die Armut weltweit zurückgegangen. Und zwar sowohl prozentual als auch in absoluten Zahlen. Nahezu gleich viele Mädchen wie Jungen besuchen heute Grundschulen. Trotz Syrien, Irak und Afghanistan ist die Zahl der bewaffneten Großkonflikte seit mehr als einem halben Jahrhundert gesunken. Die Erde wird immer grüner. Satellitendaten belegen: Die Vegetation nimmt weltweit zu. Die Lebenserwartung steigt weiterhin und zwar auch in den armen Ländern. Im globalen Durchschnitt liegt sie heute bei über 70 Jahren, und damit höher als 1960 in Deutschland.

Ob Krieg, Hunger, Analphabetentum, politische Unterdrückung oder Umweltverschmutzung. Fast alle großen Übel dieser Welt schrumpfen. Immer weniger Menschen müssen darunter leiden. Und das gilt nicht nur für die alten reichen Staaten Europas und Nordamerikas, sondern global. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren fast alle Staaten nach heutigen Maßstäben Entwicklungsländer.  Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) stellte fest, dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die weltweite Armut stärker zurückgegangen ist, als in den 500 Jahren zuvor. In einem Satz: Es lebte sich früher deutlich ungemütlicher und gefährlicher.

Egal welchen Indikator man nimmt, Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Einkommen pro Kopf, Zahl der Kriegsopfer, Zahl der Opfer von Naturkatastrophen: Die Situation ist heute besser als vor 25, 50 oder 100 Jahren. Die Welt ist besser geworden, entgegen dem Weltbild deutscher Redaktionen und Lehrerkollegien.

Trotz der messbaren und sichtbaren Fortschritte, sind viele Deutsche von der fixen Idee besessen, wir leben in der schlechtesten aller Zeiten. Die Probleme seien noch nie so groß gewesen wie heute. Es war in den vergangenen 30 Jahren immer fünf vor zwölf. Raketenrüstung, Waldsterben, Atomstaat, vergiftetes Essen, Bevölkerungsexplosion, das Ende aller Ressourcen, Klimakatastrophe, Rinderwahnsinn, Finanzkrise, Flüchtlingskrise und viele andere Desaster drohten unentwegt mit dem Schlimmsten. Steigende Lebenserwartung und wachsender Wohlstand hingegen schafften es nie auf Seite Eins.

Gerade in Deutschland sind deshalb viele Menschen zutiefst davon überzeugt, dass die „gute alte Zeit“ besser war. Doch wer möchte ernsthaft mit den Lebensumständen seiner Großeltern tauschen oder gar mit deren Großeltern? Den klügsten Satz dazu hat der große bayerische Philosoph Karl Valentin gesagt: „Die Zukunft war früher auch besser.“

Ein rechthaberischer, faktenresistenter Pessimismus ist zur vorherrschenden Weltsicht geworden, sowohl in den Deutungsberufen, als auch bei denen, die sich für das Volk halten. Beide Gruppen haben lediglich andere Lieblingsteufel von denen sie den nahen Untergang erwarten. Nichts ist heute subversiver als Optimismus.




Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.


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