Der Imam A. im Sommer 2015 in der Fussilet-Moschee
Imam A. im Sommer 2015 in der Fussilet-Moschee Til Biermann

Der talentierte Mr. A.

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Der Moabiter Imam, der dem mutmaßlichen Weihnachtsmarkt-Terroristen seelischen Beistand bot, begrüßte schon im Sommer 2015 öffentlich den Mord an Homosexuellen und Schiiten.

Der sehr mutmaßliche, mittlerweise erschossene Terrorist Amri vom Weihnachtsmarkt-Anschlag ging in der Fussilet-Moschee (früher Hicret-Moschee) an der Perleberger Straße ein und aus, wie in den Tagen nach dem Anschlag öffentlich wurde. Das wundert mich nun nicht sehr. Offenbar suchte er dort seelischen Mörder-Halt. Ich war im Sommer 2015 als Bild/B.Z.-Reporter dort und habe den damaligen Imam Gadhizmurad A. (31) interviewt, der sich mir gegenüber als Murad A. ausgab und mittlerweile in Haft ist, weil er Mitglieder für den Islamischen Staat angebworben haben soll.

Die Stimmung war mulmig, man filmte mich, damit ich nichts aus dem Zusammenhang reißen würde – der „Lügenpresse“-Vorwurf ist auch in Islamistenkreisen sehr verbreitet. Zunächst zeigte der Imam sich noch relativ moderat, dann redete er sich in den Abgrund.
Was der Imam Mitte 2015 kurz nach den Anschlägen von Tunesien sagte, zeugt von der Radikalisierung dieser Moschee. Er sagte unter anderem, es sei richtig, Homosexuelle und auch Schiiten zu ermorden, denn sie seien „schlimmer, als die Zeichner von Charlie Hebdo. Sie sind keine Muslime, sie beleidigen die Mutter des Propheten.“

Es ist also nicht verwunderlich, dass Amri und A. wohl Herzensbrüder waren.

Allerdings und das sollten Muslimfresser registrieren, scheinen Amri und A. mit ihren Ansichten innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft ungeliebte Extremisten zu sein. Ich war die Tage nach dem Weihnachtsmarkt-Anschlag unterwegs, habe auf der Suche nach Spuren viele Muslime, die meisten türkischstämmig, gesprochen. Die meisten wollten sofort helfen, den Verdächtigten zu finden, ließen mich etwa ohne Umstände in die Überwachungskameras ihrer Läden schauen. Sie verachteten den Mörder.

Hier der ganze Text, den ich im Sommer 2015 schrieb und das Interview. Es soll ja nichts aus dem Zusammenhang gerissen werden:

Murad A. (29) stammt aus der russischen Teilrepublik Dagestan, kam vor 14 Jahren nach Deutschland. Etwa 90 Prozent der Menschen in Dagestan sind Muslime. A. ist intelligent, spricht fließend Russisch, Arabisch und Türkisch. Er ist Imam in der Moabiter Fussilet-Moschee, trägt den für strenge Muslime typischen Vollbart ohne Schnurrbart. Im Frühjahr, als es Razzien gegen den „Emir vom Wedding“ gab, hatte er der B.Z. noch gesagt, er und seine Leute würden keine Sympathien für den IS hegen.
Dann tauchte kürzlich ein Interview im Internet auf, das ein russischsprachiger Journalist mit A. geführt hatte. Hier sagte er auf einmal, die brutalen Morde der IS-Schergen, etwa die Verbrennung des jordanischen Piloten in einem Käfig, seien in Ordnung, da sie dem Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ folgen würden. Ich habe A. in Moabit besucht, um herauszufinden, was denn nun stimmt und was er zu den neuesten Anschlägen in Tunesien, Frankreich und Kuwait sagt.

Was denken Sie über die Anschläge in Tunesien?

Ich denke, von menschlicher Seite ist das nicht gut. Die Zivilisten verantworten nicht, was ihre Regierung macht. Allerdings hat Abu Mohamad al-Adnani, der zweite Mann im Islamischen Staat, gesagt, dass Militär und Zivilisten legitime Ziele sind. Weil sich 60 Nationen gegen den Islamischen Staat verbündet haben und da auch Zivilisten bombardieren.

Was will der Islamische Staat mit so einem Anschlag in Tunesien bezwecken?

Ich habe einen IS-Mann gefragt, er sagte: Sie wollen die tunesische Wirtschaft kaputt machen, die auf Tourismus basiert. Dann wird der Staat destabilisiert und sie können das Volk gewinnen.

Warum der erneute Anschlag in Frankreich?

Frankreich hilft sehr aktiv im Irak und bombardiert auch Zivilisten im Islamischen Staat. In Deutschland passiert noch nichts, weil es eine vorsichtigere Politik betreibt. Deutschland hilft nur indirekt den Peschmerga, deshalb hat es eine Chance, dem zu entkommen.

Viele Imame sagen, das, was der IS macht, habe „nichts mit dem Islam zu tun“.

Normalerweise bietet der Koran Schutz. Aber es gibt Interpretationen, von einem Wort kann man zehn Bedeutungen nehmen. Verschiedene Imame interpretieren das von ihrer Seite. Aber wie gesagt: Ich persönlich finde das nicht gut, Zivilisten zu töten: Kinder, alte Leute, Frauen, sind nicht verantwortlich für ihre Regierung. Bei militärischen Gefangenen ist das anders.

Was finden Sie, dass im Islamischen Staat Ehebrecher und Homosexuelle brutal ermordet, dass Dieben die Hände abgeschlagen werden?

Ich glaube das, was im Koran und übrigens auch in der Bibel steht. Es steht im Koran, dass ein Mann sterben soll, der mit einem anderen Mann liegt. Was im Koran steht, finde ich richtig. Ich kann als Muslim nicht sagen: Nein, ich akzeptiere das nicht.

Planen Sie, dann auch in den Islamischen Staat auszuwandern?

Nein, für mich ist es besser in Deutschland. Hier bin ich ein freier Mann, da unten gibt es zu viel Zensur. Es ist da auch schwer für manche Menschen. Ein Mann hat 32 Jahre lang geraucht und soll plötzlich aufhören. Andererseits gibt es hier Leute, die zum Islam konvertieren und sich nicht frei fühlen. Die gehen dann runter, alleine aus Russland etwa 5000.

Woher kommen Ihre Kontakte zum Islamischen Staat?

Ich bin ein Informations-Aggregator für die. Die kontaktieren mich, weil ich immer alles objektiv weitergebe. Ich kann diese Leute direkt fragen und ihre Zitate etwa an Journalisten weitergeben.

Sie sagten, Sie schätzen es, ohne Zensur zu leben. Was sagen Sie zu dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo? Gehört Satire nicht auch zur Freiheit?

Die haben schlechte Sachen über den Propheten gesagt, sie hätten nicht provozieren sollen, das hat die Radikalen angestachelt. Zensur hin oder her, alles hat Grenzen.

Israel gilt als ein Hauptziel des Islamischen Staates. Glauben Sie, es kann da Frieden zwischen Arabern und Juden geben?

Es kann keinen Frieden geben, denn im Koran steht: Juden werden niemals Frieden über sich haben bis zum Jüngsten Gericht. Wenn der Islamische Staat an die Grenzen von Israel kommt, wird es ein Chaos geben. Der IS hat viele Unterstützer in Gaza. Die Mütter geben Milch an ihre Kinder mit Hass für Israel. Einen Juden zu töten, ist für die besser als alles andere. Der Islamische Staat will ihnen dabei helfen.

Glauben Sie, der Islamische Staat wird irgendwann zur Ruhe kommen?

Es wird jeden Tag Anschläge geben. Sie sind schon im Kaukasus, 36 Dschihadisten-Gruppen zählen dazu. Sie werden erst aufhören, wenn sie die ganze Welt beherrschen und Juden und Christen Schutzgeld bezahlen.

Freuen Sie sich über Siege der IS-Kämpfer?

Wenn es gegen den syrischen Diktator Assad geht, ja, ich hasse ihn. Die Sunniten können dort jetzt ruhig leben.

Auch Sie sind Sunnit. Aber was ist mit Schiiten, die jetzt dem Anschlag in Kuwait zum Opfer fielen?

Die Schiiten sind schlimmer, als die Zeichner von Charlie Hebdo. Sie sind keine Muslime, sie beleidigen die Mutter des Propheten.

Gedenkkerzen am Breitscheidplatz

Gedenkkerzen am Breitscheidplatz Til Biermann




Til Biermann ist Reporter bei „B.Z.“ und „Bild“ und treibt sich, wenn er nicht in LA ist, in der deutschen Hauptstadt herum. Er schreibt öfters über Sonderlinge.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com