Aufzeichnungen eines Erbsenzählers 8: Die unverdrossenen Nichtwähler

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Oft wird angenommen, dass eine niedrige Wahlbeteiligung ein Zeichen für Politikverdrossenheit sei. Doch das ist ein Irrtum. Die viel zitierte „Partei der Nichtwähler“ gibt es nicht.

Vergangene Woche hielt ich in Wiesbaden einen Vortrag über die Methoden der Umfrageforschung. In der anschließenden Fragerunde forderte mich ein Zuhörer mit anklagendem Unterton auf, ich möchte doch mal erklären, warum wir bei der Veröffentlichung unserer Parteizahlen die Zahl der Nichtwähler und der Unentschiedenen verheimlichten.

Mal abgesehen davon, dass wir nichts verheimlichen, musste ich dem Zuhörer sagen, dass seine Vorstellung von einer angemessenen Veröffentlichung etwas weltfremd war. Die Zeitungsleser haben ein verständliches und legitimes Interesse daran, zu erfahren, welche Partei oder Koalition gewinnen würde, wenn heute schon Bundestagswahl wäre. Das Interesse an der Information, dass 30 Prozent der Bürger wahrscheinlich nicht zur Wahl gehen werden, weitere 30 Prozent unentschieden sind und 18 Prozent aller Befragten angaben, sie wollten sicher wählen gehen und dabei die CDU/CSU wählen, dürfte sich dagegen in ziemlich engen Grenzen halten.

„Ehrliche Wahlergebnisse“ = Unsinn

Die Forderung nach der Veröffentlichung solcher „alternativen“ Parteiwerte ist derzeit ziemlich in Mode, und sie wird oft mit einem seltsam moralisierenden Unterton vorgebracht. „Die Welt“ hat es sich angewöhnt, auf ihrer Internetseite die von ihr so genannten „ehrlichen“ Wahlergebnisse zu publizieren. Das liest sich dann im Falle der Saarland-Wahl so: Nichtwähler 30,3 Prozent, CDU 28,5 Prozent, SPD 20,6 Prozent usw. Doch natürlich sind diese Zahlen nicht „ehrlich“, schon gar nicht ehrlicher als das tatsächliche Wahlergebnis, sondern einfach unsinnig.

Interessant ist das Missverständnis, dass der Annahme zugrunde liegt, man müsse Wahlergebnisse mit der Zahl der Nichtwähler verrechnen. Dahinter steckt offensichtlich die Vorstellung von einer „Partei der Nichtwähler“, von der man typischerweise an Wahlabenden hört, wenn ein Fernsehmoderator wieder einmal mit vor Betroffenheit zitternder Stimme verkündet, diese „Partei“ sei wieder einmal die stärkste Kraft geworden. Man meint vor dem geistigen Auge zu sehen, wie Millionen von Nichtwählern mit verschränkten Armen vor dem Fernseher sitzen und sich sagen: „Denen habe ich es aber mal gegeben.“ Doch eben diese Vorstellung ist falsch. Die „Partei der Nichtwähler“ gibt es nicht.

Scheinkorrelation

Seit den 90er Jahren ist das Wort von der „Politikverdrossenheit“ ein fester Bestandteil der öffentlichen Diskussion, und seit den 90er Jahren ist – vor allem bei Landtagswahlen – die Wahlbeteiligung gesunken. Wenn zwei Dinge gleichzeitig geschehen, neigt man dazu, sie als Ursache und Wirkung aufzufassen, vor allem wenn dies auch noch spontan einleuchtet: Die Leute, so die Annahme, sind politikverdrossen, also bleiben sie der Wahl fern. Nur dass das gar nicht stimmt. In der Sozialwissenschaft nennt man so etwas eine „Scheinkorrelation“. Eine Scheinkorrelation ist ein rein statistischer, nicht aber inhaltlich zu interpretierender Zusammenhang, den man am besten mit einem alten Witz illustrieren kann, wonach ein Mann in der Fußgängerzone ständig in die Luft springt und dabei in die Hände klatscht. Ein Passant fragt: „Warum machen Sie das?“ Antwort: „Um die Krokodile fernzuhalten.“ „Aber hier gibt es doch gar keine Krokodile.“ „Sehen Sie?“

Natürlich gibt es auch Bürger, die den Parteien mit ihrer Wahlenthaltung ganz bewusst einen Denkzettel verpassen wollen, doch dabei handelt es sich um eine kleine Minderheit. Die meisten Nichtwähler sind Menschen, die sich wenig für Politik interessieren und vergleichsweise wenig politische Kenntnisse haben. Vor ein paar Jahren hat das Institut für Demoskopie die Nichtwähler etwas genauer unter die Lupe genommen. Der Aussage „Wenn ich mir meiner Partei unzufrieden bin, bleibe ich am Wahltag zuhause um ihr einen Denkzettel zu verpassen“ stimmten nur acht Prozent der Nichtwähler zu, bei der Gesamtbevölkerung waren es fünf Prozent. Ein sehr viel größerer Unterschied zwischen Wählern und Nichtwählern war bei dem Statement „Ich finde, Wählen gehen ist eine Art Pflicht für den Bürger“ festzustellen: Hier stimmten 62 Prozent der Bevölkerung insgesamt, aber nur sechs Prozent der Nichtwähler zu. Von einer aktiven, bewussten und konkret politisch begründeten Protesthaltung war wenig zu sehen.

Wahlergebnisse sollen diskreditiert werden

In den Allensbacher Umfragen wird regelmäßig nicht nur die Wahlabsicht ermittelt, sondern auch, welche Partei den Befragten am sympathischsten ist, eine Frage, die auch viele Personen beantworten, die sagen, sie würden nicht wählen gehen oder die bei der Frage nach der Wahlabsicht keine Angabe machen. Ich habe in unserer aktuellen Umfrage vom März einmal ausgezählt, welche Partei diese Befragten als sympathischste Partei bezeichnen. Hier die Ergebnisse:

Die CDU/CSU bezeichnen 36 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung insgesamt als die sympathischste Partei. Bei den Nichtwählern und den Befragten ohne konkrete Parteiangabe bei der Frage nach der Wahlabsicht sind es 30 Prozent. Bei der SPD beträgt das Verhältnis 34 zu 40 Prozent, bei der FDP fünf zu einem Prozent. Die Grünen und die Linke bezeichnen in beiden Gruppen jeweils sieben Prozent als die sympathischste Partei. Bei der AfD sind es ebenfalls übereinstimmend acht Prozent. Kurz zusammengefasst: Es gibt bei der Parteisympathie der Nichtwähler und derer, die keine Angabe zu ihrer Wahlabsicht machen auf der einen Seite und der übrigen Bevölkerung auf der anderen Seite keine großen Unterschiede. Und wie die übereinstimmenden Werte für die AfD zeigen, verbergen sich in der ersten Gruppe auch nicht überproportional viele grollende Wutbürger. Man sieht deutlich, wie sehr das Gerede von der „Partei der Nichtwähler“ an der Wirklichkeit vorbei geht. Es dient eigentlich nur dazu, demokratische Wahlergebnisse unnötigerweise öffentlich zu diskreditieren.

 


Thomas Petersen, Projektleiter am Institut für Demoskopie Allensbach, berichtet in der Reihe „Aufzeichnungen eines Erbsenzählers“ in unregelmäßigen Abständen über das Leben als Umfrageforscher. Die gesamte Erbsenzähler-Reihe kann hier nachgelesen werden.




Geboren in Hamburg 1968, Projektleiter am Institut für Demoskopie Allensbach und Privatdozent an der Technischen Universität Dresden.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com