Und plötzlich war's in der Welt. Martin Niewendick

Ein Todes-LKW im Museum: Wie die DPA sich eine Nachricht strickt

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Soll der Lastwagen, mit dem Anis Amri den Anschlag in Berlin ausgeführt hat, einen Platz im Haus der Geschichte bekommen? Die Nation diskutiert über eine Forderung, die niemand gestellt hat.

UPDATE: Mittlerweile hat sich Froben Homburger, der Nachrichtenchef der dpa, zu Wort gemeldet. „Es ist Routinejob des (Hauses der Geschichte), und wir haben den Stand abgefragt. Wir finden es legitim, dass Journalisten auch Fragen stellen, die noch nicht öffentlich diskutiert wurden“, schrieb er am Donnerstagnachmittag auf Twitter.

Am Mittwochmorgen lief eine Meldung über den Nachrichtenticker, die es in sich hatte. „Lastwagen des Berliner Terroranschlags könnte ins Museum kommen“, meldete die dpa. Das Haus der Geschichte in Bonn habe „noch nicht darüber entschieden, ob es den Lastwagen des Terroranschlags von Berlin teilweise in seine Sammlung aufnehmen wird“.

Die Meldung bezieht sich auf Aussagen von Stiftungspräsident Hans Walter Hütter, der in einem Interview mit der dpa sagte: „Es ist noch zu früh, um darauf eine abschließende Antwort geben zu können.“ Alle relevanten Berliner Medien übernahmen die Nachricht, und die Debatte begann. Ich machte mich daran, einen Kommentar zu der Sache zu verfassen.

Dann wurde ich stutzig. Ich las Meldung und Interview ein zweites Mal, ein drittes Mal. Ich verstand nicht: Von wem kam denn nun diese Forderung? Die erste Frage des Interviews lautete:

„Wird sich das Haus der Geschichte um den Lastwagen bemühen, mit dem der Berliner Terroranschlag verübt wurde?“

Doch worauf bezog sich der Kollege? Auf Historiker? Auf Angehörige? Auf Gauck?

Ich rief im Haus der Geschichte an. Keine Ahnung, hieß es dort, und dass man zurückrufe. Doch das geschah nicht. Also rief ich bei der dpa an in der Hoffnung, den Urheber des Interviews zu erreichen. Leider hatte der frei, ausgerechnet an dem Tag, an dem seine brisante Meldung die Hauptstadtpresse aufrüttelte. Ein Kollege von ihm versprach, für mich nachzuforschen. Und tatsächlich: Eine Stunde später klingelte mein Telefon.

Nun ja, sagte der dpa-Kollege. Er habe mit dem Urheber des Interviews gesprochen. Allerdings sei es tatsächlich so gewesen, dass niemand eine derartige Idee zuvor geäußert habe – niemand außer dem Interviewer selbst. Der Fragesteller hatte den Präsidenten der Museums-Stiftung also gewissermaßen mit seiner eigenen Idee konfrontiert, und nicht nur das. Trotz der ausweichenden Antwort des Museums-Funktionärs ließ der Journalist nicht locker und entwickelte seinen Gedanken unbeirrt weiter:

„Viele Menschen werden vermutlich gar nicht verstehen können, dass man auch nur darüber nachdenken kann, ein solches Mordwerkzeug ins Museum zu stellen. Ist das nicht gleichsam ein Ritterschlag für den Täter?“

Wieder kann der Gefragte nur vage antworten, was soll er auch sagen, außer das, was er sagt, nämlich „Diese Frage stellen wir uns natürlich auch immer“, und „man brauch(t) immer einen zeitlichen Abstand, um die Tat selber und die Folgen überhaupt bewerten zu können“.

Das ist der Stoff, aus dem die Meldung „Lastwagen des Berliner Terroranschlags könnte ins Museum kommen“, entstand. Es ist ein journalistischer Taschenspieler-Trick, einem Interviewpartner etwas in den Mund zu legen um daraus eine Meldung zu stricken. Der Klassiker geht etwa so: „Herr Politiker, finden Sie die Äußerungen der Opposition unverschämt?“ „Ja.“ Und schon hat man die Meldung: „Politiker findet Äußerungen der Opposition unverschämt.“ Self-Made-Journalismus at its best.

Eine Nachbemerkung:

Ich habe mich trotz dieser Erkenntnis dazu entschieden, die Meldung in der „Morgenpost“ zu kommentieren. Zwar wusste ich um die Luftleere der Nachricht. Da sie am Morgen aber schon auf den Websites der meisten Berliner Medien zu finden war, ist aus der Pseudo-Debatte eine echte Debatte entstanden, nur wurde diese eben nicht von gesellschaftlichen Akteuren entfacht, sondern vom Journalisten selbst. Dass sich daran niemand weiter gestört hat (auch die „Morgenpost“ hat die Meldung letztlich gedruckt) hat mich erneut in Staunen versetzt.

Weiterführende Links

Das ganze dpa-Interview im „Tagesspiegel“: Ein Mordwerkzeug als Museumsstück?

Kommentar im „Tagesspiegel“: Wir sind so frei – und unverschämt

Kommentar in der „Welt“: Warum der Terror-LKW ins Museum gehört

Kommentar in der „Morgenpost“: Warum der Terror-LKW nichts im Museum zu suchen hat




Journalist bei der Berliner Morgenpost, Blogger bei Ruhrbarone. Stationen bei Tagesspiegel, Spiegel, taz, Jungle World and some funky shit. Ansonsten: Sprechsänger, Ruhrpott-Gewächs. Based in Berlin.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com