Eine Sache spricht für das Tanzverbot

Es ist jedes Jahr zum Karfreitag das gleiche Spiel: Irgendwelche Nichtreligiösen (in diesem Fall ich und das schon am Gründonnerstag) kritisieren, dass dieses christliche Fest so entgrenzt gefeiert wird, dass es jeden Menschen in Deutschland betrifft. Nun denn, auf in die 2017er-Runde dieses Streits:

Für diese Entgrenzung sorgt das so genannte Tanzverbot, das generell eine Reihe von Veranstaltungen an diesem Tag untersagt, die Ausgelassenheit, Zerstreuung, Spaß und gute Laune zur Folge haben könnten. Während also nach jedem Terroranschlag gemahnt wird, dass man sein Leben so weiterführen soll wie zuvor, und zum Besuch von Fußballspielen (am Karfreitag verboten), Diskotheken (am Karfreitag verboten) oder Comedyauftritten (am Karfreitag verboten) ausdrücklich ermutigt wird, gelten für das Erinnern an Jesus andere Maßstäbe.

Was soll dieses Tanzverbot eigentlich? In erster Linie ist es ein jährlich wiederkehrendes PR-Desaster für die beiden schrumpfenden Volkskirchen, denn mit Zwang gewinnt man in einer Konsumgesellschaft nur selten die Herzen der Menschen. Dass die Kirchen trotzdem daran festhalten, dass sich gefälligst das ganze Land dem Erinnern an Jesus unterzuordnen hat, zeigt den antiliberalen Kern der Kirchen auf. Es geht dabei um Kontrolle und darum, dass den eigenen Traditionen über die eigene Anhängerschaft hinaus Geltung verschafft werden soll. Und wenn schon nicht auf eine konstruktive Art, dann eben auf eine destruktive, getreu dem Motto: wir können euch (nicht mehr) zur Liebe zu Jesus zwingen, aber euch immer noch den Tag verderben! Christliche Nächstenliebe im Praxistest.

Stalking

Christen haben jedes Recht, dass sie ihre religiösen Traditionen in einem respektvollen Rahmen ausleben können, aber mehr auch nicht — es ist schon irritierend, dass es überhaupt ein Bedürfnis nach mehr gibt. Was ist das für eine Anmaßung, andere Leute mit den eigenen Traditionen zu belästigen? Wer draußen bleiben will, bleibt draußen und soll in Ruhe gelassen werden. Die Christen feiern Jesus, alle anderen machen irgendetwas anderes. So sollte es sein und so funktioniert es normalerweise auch. Nur Religionen (speziell die mit Missionierungshintergrund) geben sich nicht gerne damit zufrieden, einfach in Ruhe und Frieden die eigenen Feste zu feiern, stattdessen schielen sie missmutig nach denen, die nicht dazugehören wollen. Diese Stalking-Tendenzen sind es, die ein gesundes Misstrauen rechtfertigen.

Früher konnten die beiden Großkirchen der Gesellschaft ihren Willen aufdrücken und sie sanktionierten brutal, wenn jemand sich gegen sie, den Glauben und die religiösen Autoritäten stellte. Mittlerweile haben sie zum Glück diese übermächtige Position, mit der sie nicht gut umgingen, eingebüßt und sehen sich plötzlich auf dem Glaubensmarkt zu einem Dienstleister unter vielen geschrumpft. Aber zu Karfreitag, jedes Jahr, dürfen sie sich nochmal in einem schwachen Abglanz früherer Stärke sonnen, als es normal war, dass sich ihnen die ganze Gesellschaft unterordnen musste und so wie früher geben sie auch heute kein Stück autoritäre Führungsgewalt freiwillig aus der Hand – deswegen verzichten sie auch nicht von sich aus auf das Tanzverbot.

Und vielleicht sollte man ihnen den Karfreitagszwang doch einfach durchgehen lassen, diesen einen sentimentalen Tag, der sie (und alle anderen) daran erinnert, dass sie auch ganz anders könnten, wenn sie nur wieder könnten.




Ich schreibe Texte und sobald die mir nicht mehr gefallen, auch die vernichtenden Leserkommentare dazu. Anonym. Zuletzt erschien von mir bei Tropen "Deutschland, deine Götter: Eine Reise zu Kirchen, Tempeln, Hexenhäusern" sowie als Ebook "Instinktdetektiv Bromski - Seine (ersten) schwersten Fälle (Instinktdetektiv Bromski ermittelt 1)"


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