Esst Bio für weniger Krüppel!

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Gegen Ende der 1970er Jahren stieß die sogenannte Krüppelbewegung eine Diskussion über die Diskriminierung von behinderten Menschen an. Vieles hat sich seither an der Situation von Menschen mit Behinderungen verbessert, aber in Zeiten des zunehmenden Gesundheitswahns (esst vegetarisch, vegan, paläo, glutenfrei, bio, ohne Fett, ohne Kohlenhydrate!) und Angst vor imaginären Gefahren (Chemie und Gene in der Nahrung!) taugt…

Gegen Ende der 1970er Jahren stieß die sogenannte Krüppelbewegung eine Diskussion über die Diskriminierung von behinderten Menschen an. Vieles hat sich seither an der Situation von Menschen mit Behinderungen verbessert, aber in Zeiten des zunehmenden Gesundheitswahns (esst vegetarisch, vegan, paläo, glutenfrei, bio, ohne Fett, ohne Kohlenhydrate!) und Angst vor imaginären Gefahren (Chemie und Gene in der Nahrung!) taugt die Angst vor Behinderungen offenbar wieder als Werbemaßnahme.

Das Biomüsli-Unternehmen Mymuesli, Darling der deutschen Startup-Szene, des Feuilletons und des biogrünen Bürgertums, macht mit einem neuen Piktogramm auf die „Gentechnikfreiheit“ seiner Produkte aufmerksam. Das Symbol zeigt eine Kreatur, die mit drei Armen* und einem Zyklopenauge* traurig in die Welt schaut. Gentechnik schafft monströse Behinderungen, lautet die Botschaft, und dank Bio seid ihr davor geschützt: ein krüppelfreies Leben dank Biokost.

Mit Fakten hat das nichts zu tun – seit der Markteinführung von Pflanzen, deren Saatgut durch Einsatz von Gentechnik verändert wurde, haben sich Dutzende Millionen von Menschen und Milliarden Nutztiere von diesen Pflanzen ernährt. Es gibt dabei nicht einen dokumentierten Fall eines Gesundheitsschadens, der durch den Einsatz von Gentechnik bei der Sortenerzeugung verursacht wäre.

Missbildungen durch Gentechnik in der Pflanzenzucht gibt es erst Recht nicht. Die Anbau- und Wirtschaftsmethoden der Biolandwirtschaft hingegen haben schon häufiger zu Vergiftungen, schweren Erkrankungen und Todesfällen unter den Konsumenten gesorgt. Aber darauf kommt es hier nicht an. Angst vor Behinderungen zu erzeugen, um damit das eigene Produkt als Versicherung gegen den so erzeugten Schrecken zu bewerben, ist widerlicher Populismus.

Ich hätte da noch einen Vorschlag für das Mymuesli-Team: Da nicht auszuschließen ist, dass eure Kunden trotz Bio-Müsli nicht doch ein Fukushima-Isotop oder ein Monsanto-Gen abbekommen haben, verlost doch unter euren Kunden demnächst ein paar Gutscheine für eine Pränataldiagnostik – damit es garantiert kein Krüppel wird!

*wer googeln möchte: Polymelie bzw. Zyklopie




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit. Ludger Weß kommentiert hier privat.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com