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Europäische Leidkultur

Wir leiden an Europa. Aber es herrscht Frieden. Nur für politische Idioten ist das selbstverständlich. Zwischen den Staaten der Europäischen Union toben seit ihrer Gründung keine Kriege. Das ist die elementarste Errungenschaft der europäischen Idee. Das ist auch der Sinn der NATO; einer feinen Idee, der des Westens. Aber herrscht Harmonie?

Nein, über alles und jedes gibt es unterschiedliche Ansichten. Man muss die europäische Idee von der unpolitischen Illusion befreien, dass sie eine valiumgetränkte Gemeinschaft der Glückseligen sein könnte, und zwar zum Nulltarif. Sie ist ein kostspieliges Bündnis der Verschiedenen zu gemeinsamen Zwecken, sprich keine Neigungs-, sondern eine Vernunftehe.

Werden wir mal konkret, schauen wir auf die EU aus der Sicht eines Flaneurs. Ich schlendere durch Brüssel und verliere mich in Details. Unverhofft stehe ich vor einer Villa, in der eine der unzähligen europäischen Institutionen sitzt. So etwas kostet den Steuerzahler leicht Millionen. Es handelt sich um die Ständige Vertretung der deutschsprachigen Minderheit Belgiens bei der EU. Der Reihe nach: Belgien zerfällt bei mindestens drei Parlamenten in eine wallonische und eine flämische Gemeinschaft, die jeweils französisch respektive holländisch redet, und eine deutschsprachige, ein Häuflein Menschen rund um Eupen. Belgien ist als ein Staat Mitglied der EU der 27 oder 28 anderen Staaten und vertritt mit Sitz in Rat und Kommission wie Parlament das kleine Land in allen seinen Kulturgemeinschaften. So weit, so gut. Aber das Häuflein der Deutschsprachigen unterhält hier eben auch eine eigene Vertretung bei der EU. Da wundert es mich nicht, dass der Freistaat Sachsen auch hier residiert und gerade seinen üppigen Palast renoviert; ich höre die Gerüstbauer auf dem Brüsseler Boulevard sächseln. Und dann vernehme ich, als wäre ich in Cottbus, von zweien der Gerüstbauer sorbische Töne. Schau an. Das Sorbische ist in Deutschland übrigens anerkannte Amtssprache. Man kann sich schlecht wundern, dass die belgischen Beschilderungen zweisprachig sind, wenn man das Phänomen aus Bautzen kennt. Der Europäische Rat, das höchste Gremium der EU, steht gerade, so kündet ein Plakat am alten Ratsgebäude, das ich passiere, unter der Führung Maltas. Oha! Der Kabinettschef der Generaldirektion, die ich aufzusuchen gedenke, ist aus Vilnius; das ist die Hauptstadt Litauens, eines der drei baltischen Staaten. Das hängt damit zusammen, dass auch sein Chef, der Kommissar für Gesundheitsfragen und Lebensmittelrecht, aus dem baltischen Kleinstaat kommt. Die Kommissare bringen ihre Stäbe mit, jeder seinen. Aber es nicht alles nur willkürlich zusammengewürfelt oder in Seilschaften einer Herkunft; es gibt Schattenstrukturen.

Die Karolingische Identität Europas

In einer wichtigen Generaldirektion hat sich die deutsch-französische Freundschaft so festgefressen, dass, wenn der Stabsleiter Franzose ist, sein Stellvertreter Deutscher ist und umgekehrt. Diese innere Disziplin des karolingischen Reiches gefällt mir. Europa kann ohne England, aber nicht ohne die Franzosen, lerne ich. Weil sonst die Deutschen für die anderen 27 Mitglieder zu mächtig wären. Die Zukunft Europas hängt damit am innenpolitischen Erfolg des neuen französischen Präsidenten. Daran wird gerade öffentlich Verrat geprobt, aber ich stimme dem zu. Denn Europa besteht im Willen zu einem Bündnis der 27 oder 28 Verschiedenen zu Gemeinsamem. Das kann dann sehr ins Kleine gehen. Und ins Bürokratische. In der Brüsseler Hotellobby lerne ich eine attraktive und gebildete Spanierin kennen, die Angestellte der Europäischen Kommission ist und zuständig für die Erhaltung der religiösen Vielfalt in den Mitgliedstaaten. Sie sorgt sich um den Verfall von Kirchenruinen. Sie sei katholisch erzogen, aber nicht gläubig, erfahre ich. Wir dürften unsere historischen Verschiedenheiten nicht leugnen. Auch darum kümmert sich also die Megabehörde. Atheisten wollen nicht, dass die Moscheen, Synagogen und Kathedralen geschleift werden. Das gefällt mir. Den Religionen die politische Macht entzogen, aber sie kulturell geachtet. Religionsfreiheit ist die Freiheit der Staaten von den Religionen. Das gegenläufige Projekt ist nicht westlich.

Europa ist keine Nation

Der Patriot liebt sein Vaterland, aber der Bund der Vaterländer bietet eben keine Liebesbeziehung, sondern eine Vernunftehe. Schon die einzelnen Staaten leiden darunter, dass sie nur ein juristisches Konstrukt sind. Und die Nationalisten aller Länder sehnen sich nach ureigener Identität. Möglicherweise sind manche Staaten gar keine Nation, sondern mehrere. So wie Belgien. Oder man kann fremdeln, so wie die Sachsen in der westlich gestimmten Bundesrepublik oder die Sorben in Sachsen. Dem Begriff der Nation liegt die Vorstellung einer einheitlichen Leitkultur zugrunde. Die Vorstellung mag eine heilsame Droge sein, aber mit einer Grenze, an der sie zum Gift wird. Je verbohrter die Nationalisten sind, desto mythischer wird die Vorstellung einer vorgegebenen Identität. Schnell landet der Wunsch nach einer überhistorischen DNA bei rassistischen Vorstellungen. Zum Wunsch nach Einheit kommt dann die Ideologie, unbedingt überlegen zu sein. Aus einem Guss will man sein und alles Fremde abstoßen. Mir san mir. Man vergisst, dass die Nation ein Mythos ist. Nun, die Staaten leiden schon an dem bloß Mythischen einer Nation, wie viel mehr muss das für Staatengemeinschaften gelten? Gibt es trotzdem eine europäische Leitkultur? Ja, die der Aufklärung, also des Westens. Und die hat im 18. Jahrhundert jenseits des großen Teichs die USA gegründet, auch wenn der aus pfälzischer Migrantenfamilie stammende Donald Trump das nicht weiß. Mir, dem notorischen Zivilisten, kommt ein Gedanke, die NATO, wäre sie heil, könnte ein Vorbild für die EU sein.




Klaus Kocks ist Literatur- und Sozialwissenschaftler, entstammt der Montankultur an der Ruhr, lebt in Berlin und im Westerwald. Im Broterwerb selbständiger Meinungsforscher und Kommunikationsberater und im Übrigen Publizist an der Uni wie als Kolumnist. Also wechselweise der Gegenaufklärung wie der Aufklärung verpflichtet. Gemütszustand: gelassen, aber finster zur Aufrichtigkeit entschlossen.


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