Wladimir Putin – Meister der Verstellung von Kindesbeinen an CC Wikipedia

F wie Fake News

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Fake News sind keine Erfindung von Donald Trump. Und auch nicht von Buzzfeed, Twitter oder Facebook. Sie sind das elementare Handwerkszeug der psychologischen Kriegsführung in einer Welt aus Spionage und Gegenspionage – und sie erleben ein spektakuläres Comeback! Drei Regeln.

„Nirgendwo sitzt die Lüge so sicher wie auf einem Stecknadelkopf von Wahrheit“, Eric Ambler, Der Fall Deltschev, 1951

Es braucht eine lange Reise in ein sozialistisches Niemandsland, ehe der britische Theater-Journalist Foster die Wahrheit erkennt. Er soll im Auftrag eines amerikanischen Verlags über einen der Schauprozesse berichten, den die Vertreter des Stalinismus nach dem 2. Weltkrieg in Osteuropa veranstalten: der Fall Deltschev. Der Angeklagte: ein beliebter Volksheld und Sozialist. Die Ankläger: die kommunistische Volkspartei eines erfundenen Landes irgendwo auf dem Balkan. Doch je mehr Deltschev im Gericht an die Wahrheit appelliert, desto mehr verstrickt er sich in einem Netz aus Lügen, das Geheimdienste geschickt und scheinbar widerspruchsfrei in die Wahrheit hineinweben. Denn nirgendwo, das erkennt auch der naiv-gutgläubige Foster irgendwann, „sitzt die Lüge so sicher wie auf einem Stecknadelkopf von Wahrheit.“ Das ist Regel Nr. 1.

Eric Ambler war ebenso wie sein Schüler John Le Carré ein Meister im Dechiffrieren von Fake News – mehr noch, er erkannte das Method Acting der Lügenfabrikanten und begleitete mit seinen spannenden Reisen zu den Schauplätzen der neuzeitlichen Agentenkriege – in die Levante, auf den Balkan, in die Schweiz, nach Afrika oder Mexiko – die Akteure der intelligenten Desinformation.

Comeback der Faker

Da erschien es nur logisch, dass nach dem Ende des kalten Kriegs auch die „Spione aus der Kälte“ in Rente gingen. Doch weit gefehlt: Derzeit erleben wir ein erstaunliches Comeback der Faker und es erscheint wie ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet der Mann, der seinen Wahlkampf mit einem ganzen Haufen plumper Lügen bestritt, wenige Tage vor Amtsantritt zum mächtigsten Mann der Welt selber zum Opfer von Fake News wurde – oder halt: Wer sagt, dass sie falsch sind? Wir wissen es nicht und werden es vielleicht nie herausfinden, denn die Wahrheit – Regel Nr. 2 – tarnt sich wie das Original in einer Galerie aus lauter Fälschungen, die sich alle in einem wesentlichen Punkt unterscheiden: Sie sind nicht die Wahrheit. Es gehört zum Prinzip der Fälscher, so lange immer wieder neue Fakes zu produzieren, bis auch der letzte unvoreingenommene Beobachter die Übersicht verloren hat und vor der möglicherweise letzten Hypothese kapituliert – selbstverständlich eine Lüge! So geschehen bei der eigentlich längst geklärten Frage nach dem Absturz von MH17, ausgelöst durch ein russisches Buk-M1-Raketensystem. Doch nachdem die russische Abwehr fast im Wochenrhythmus neue Thesen und Theorien präsentierte, wurde die einzig plausible Erklärung unter einem Berg von Fake News begraben – Desinformation durch Informations-Overkill. So wie es Orson Welles in seinem hintergründig-vertrackten Film „F wie Fälschung“  beschrieben hat.

Dabei konnte schon Orson Welles bei seiner ebenso simplen wie effektiv in Szene gesetzten „Live Übertragung“ eines Alien-Angriffs in den USA auf einen einfachen Trick zurückgreifen: Fälschungen – und das ist Regel Nr. 3 – sind immer dann besonders überzeugend, wenn sie sich gut anfühlen, wenn sie gut schmecken, mit einem Wort, wenn sie eine schon vorhandene Erwartungshaltung bestätigen. Im Amerika der späten Dreissiger galt ein Besuch der Außerirdischen als durchaus realistisches Szenario, was die panikartigen Reaktionen unter einigen Radiohörern erklären mag.

Ein gut gedüngtes Feld

So treffen auch die Veröffentlichungen von Buzzfeed, einem Portal, das früher eher durch Nonsens-Rankings bekannt wurde und erst seit jüngerer Zeit über eine eigene Recherche-Abteilung verfügt, auf ein gut gedüngtes Feld. Die Berichte über „Golden Shower Partys“ mit Prostituierten in Moskauer Hotelbetten mögen arg überzeichnetes Boulevard-Konfetti sein, dennoch enthalten sie genau jenen Schuss Trumpscher Selbstdarstellung als Sexberserker, der sie glaubwürdig erscheinen lässt. Sie fühlen sich einfach gut an, weil die Zielscheibe in der Vergangenheit so viele Grenzübertritte begangen hat, dass ein paar weitere Fehltritte niemanden mehr überraschen. Trump ist der Irre, dem man jeden Wahnsinn zutraut. Und vielleicht sogar mal in diesem Fall die Wahrheit, auch wenn sie unwahrscheinlich klingen mag.

Fakt sind die Verbindungen des Trump-Clans zu russischen Putin-Oligarchen, die – abgesehen von der Manafort-Affäre – schon von James Henry in „American Interest“ beschrieben wurden. Diese Recherchen sind wesentlich schwerer auszuhebeln als die Buzzfeed-„Enthüllungen“, die offensichtlich auf Recherchen eines pensionierten britischen Geheimdienstlers im Auftrag diverser Trump-Gegner beruhen. Natürlich gilt auch hier die Unschuldsvermutung, solange sich Gerüchte nicht zu Tatsachen verfestigen und aus Verquickungen keine Loyalitätskonflikte erwachsen. Doch das Problem bleibt die Erpressbarkeit Trumps – und damit des mächtigsten Manns der Welt. Hat der russische Geheimdienst etwas, nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Hat er nichts, muss das ebenfalls nichts heißen. Denn es könnte ja etwas geben, von dem man die Welt glauben macht, dass man es hat. Die in der Persönlichkeit Trumps gut begründete Schuldvermutung durch die Öffentlichkeit – siehe Steuerepisode (auch hier eine Schuldvermutung, die er leicht hätte ausräumen können) – liefert den nötigen Treibstoff für Phantasien aller Art.

Das ist der Nährboden, auf dem Putins Agenten sich in den nächsten Jahren austoben werden. Denn auch, wenn es zu keiner Saunafreundschaft zwischen den beiden testosterongesteuerten Brachial-Politikern kommen sollte – ein vorsichtiger Schwenk in der Sympathiebekundung ist derzeit zu beobachten – bleibt als Plan B das Spiel mit den Möglichkeiten, die ein vielfach schlecht beleumdeter Präsident als Zielscheibe bietet. Ein Präsident, der sich über seine Amtszeit hinweg mit der Abwehr von Vorwürfen und Verfahren beschäftigen muss und gleichzeitig weitere Enthüllungen durch russische Geheimdienste befürchten muss, ist keine Lame Duck, sondern eine Dead Duck, die schon in der Röhre steckt. Er ist ein Dead Man Walking!




Diplom-Politologe vom OSI ohne politische Heimat. Derzeit Vorstand bei FORMBLITZ AG, ehemals Chefredakteur bei tip Berlin und Verlagsleiter bei PRINZ, langjähriger Freier bei "Die Zeit", Dokumentarfilmer für NDR, WDR, RBB. Schreibt noch gelegentlich für die Berliner Zeitung, wenn man ihn lässt.


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