Oval Office Foto: U.S. National Archives and Records Administration Lizenz: Gemei

Fake-News: Lügen verbinden

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Fake-News gelten als Bedrohung der offenen demokratischen Debatte und als ein Geheimnis der Erfolge von Trump, Le-Pen und der AfD. Doch Fake-News sind mehr als schlichte Propaganda: Sie sind ein Element politischer Religion und verbinden die Anhänger autoritärer Ideen.

Die Berliner Journalistin Elke Wittich hat sich auf den Facebook-Seiten von „Breitbart“ umgetan, und es war nicht nur der oft geringe Wahrheitsgehalt der Artikel, der ihr auffiel: „Unter der dürren Meldung, dass der POTUS (Anmerkung: Kürzel für President of the United States) gleich nach dem Amtsantritt gelbe Vorhänge im Oval Office aufhängen ließ, entspinnt innerhalb von Minuten eine erstaunliche Diskussion: Endlich sei Schluss mit den scheußlichen Gardinen von Obama, heißt es dort zunächst. Denn dass die rot waren, sei ja nun kein Zufall, denn Rot sei bekanntlich die Farbe des Islam. Und jeder wisse doch, obwohl die Lügenpresse das nie schreibe, dass Obama Muslim sei.. Zarte Einwände, dass die Farbe des Islam eigentlich Grün sei, werden beiseite gewischt. Rot sei es und fertig. Und außerdem sei das ja auch die Farbe des Kommunismus und Obama definitiv ein „Kommunistenmuslim.“ In ihrem „Jungle World“-Text „Scheiß auf Fakten“ hat die Kollegin die „Debatte“ dokumentiert.

Egal welche Quellen angeführt wurden, wer glauben wollte, rot sei die Farbe des Islams, ließ sich davon nicht abbringen. Fakten interessierten niemand. Die bei „Breitbart“ versammelten Trump-Anhänger ignorierten sie. Und sie taten das nicht nur, weil sie angeblich dumm sind. Der Glaube an Lügen, verbunden mit der Ignoranz aller Fakten, hat eine Funktion: Gruppen bilden sich, indem sie sich auf eine Wahrheit einigen, die von allen Ungläubigen bestritten wird. Und umso besser die Argumente sind, die gegen den Unfug angeführt werden, je stärker wird der Zusammenhalt.

Das ist weder neu noch ein Phänomen rechter oder rechtspopulistischer Bewegungen. Alle autoritären Gruppen, in denen es letztlich um Unterordnung und nicht um offene Debatten geht, nutzen dieses Element von religiöser Politik. Viele Intellektuelle leugneten lange die bestens belegten Verbrechen Stalins, in ökologisch gesonnenen Kreisen lassen sich die Ängste vor Gentechnik und Glyphosat ebenso wenig durch Fakten abbauen wie der Glaube vieler Linker, die Armut würde weltweit zunehmen. Wer sich den Glaubenssätzen unterwirft, gehört dazu, wer sie anzweifelt ist draußen oder wird als Häretiker stigmatisiert.

Natürlich ist es nicht verkehrt, dem faktenresistenten Wahnsinn mit Faktenchecks zu begegnen. Solange der Glaube, dass alle Flüchtlinge Frauen vergewaltigende Wilde sind, das Ende des Freihandels zu mehr Wohlstand führt oder die Regierung Chemtrails einsetzt, um die Bevölkerung zu verseuchen, Teil einer Gruppenidentität ist, kommen rationale Argumente an ihrer Grenzen. Sie sind zu identitätsstiftend.


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Stefan Laurin mochte schon als Kind nicht, wenn andere ihm sagten, was er tun soll und was nicht. Laurin wohnt in Bochum und arbeitet als freier Journalist unter anderem für Die Welt, Die Welt am Sonntag, die Jüdische Allgemeine, die Jungle World und Correctiv. Nebenbei ist er Herausgeber des Blogs Ruhrbarone und legt sich mit allen an, die Spaß daran haben, anderen Menschen ihre Freiheit zu nehmen.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com