Weihnachten ohne Gans? Pixelio

Essen mit Ellen (2) Dem Himmel so nah

Darf man Obdachlose zu Weihnachten mit Gänsebraten, Rotkraut und Klößen bewirten? Nein, sagt ein veganer Tugend-Polizist und zeigt uns sein großes kaltes Herz

Ein gewisser Bär hat einen Zander gerügt, weil der Zander Obdachlose mit Gänsebraten bewirtet. Der Zander tut dies seit vielen Jahren, immer kurz vor Weihnachten, aus Gründen der Nächstenliebe. Natürlich kocht der Zander nicht selbst, sondern lädt in ein Berliner Hotel. 3000 Gäste werden dieses Jahr erwartet, man darf sich dieses Abendessen wohl wie eine Bambi-Verleihung mit vielen runden gedeckten Tischen vorstellen, nur dass dort keine Herrschaften in feiner Abendgarderobe sitzen, sondern Leute, die auf der Straße leben, die „Platte machen“, wie die Betroffenen es nennen.

Wo ist das Problem, möchte man fragen. Das Problem ist ein tierisches. Andreas „Bär“ Läsker, Manager der „Fantastischen Vier“, kritisierte die Weihnachtsaktion von Schlagersänger Frank Zander nämlich als unethisch: „Ganz toll, Herr Zander“, sagte er. „Das bedeutet, viele hundert Gänse mussten ihr Leben lassen. Die Obdachlosen hätten sich auch über vegane Buletten mit dunkler Soße gefreut.“ Unabhängig von der Frage, ob es vegane Buletten in dunkler Soße mit einer Gänsekeule aufnehmen können, muss man wissen: Aus Herrn Läsker spricht ein Spätbekehrter. Vor wenigen Jahren noch brachte er drei Zentner auf die Waage. Heute lebt er vegan, ist schlank und kämpft für Tierrechte.

Essen und Moral hängen eng zusammen, das war schon im Mittelalter so. Damals glaubte man, dass erdnah wachsende Lebensmittel wie Erdbeeren, Melonen, Kürbisse und Kohlköpfe zu meiden seien. Vor allem von Vertretern des Klerus und des Adels. Kroch nicht auch der Satan in Gestalt einer Schlange am Boden? Je näher dem Himmel etwas wuchs, desto eher fand es sich auf den Tafeln der Herrschenden, schreibt Eric Birlouez in seinem unterhaltsamen Buch „Zu Tisch bei Herren, Mönchen und Bauern“. Lichtscheue Wurzelgemüse wie Karotten und Zwiebeln waren dementsprechend den Bauern vorbehalten. Ebenso Hülsenfrüchte, deren geringes Sozialprestige auf der Feststellung beruhte, dass sie „trocken“ und ungesund seien.

Geflügel, von mittelalterlichen Ärzten mit dem Etikett „feucht und warm“ bedacht, galt als geziemende Speise des Adels. Das wurde damit begründet, dass die unstete Lebensweise der Vögel dem Müßiggang der herrschenden Klasse entspreche. Zweifellos halten sich Vögel außerdem himmelsnah auf, himmelsnäher als Ochsen, Schafe, Hasen oder Fische. Ob Andreas „Bär“ Läsker einen klitzekleinen Rest dieser mittelalterlichen Speise-Ethik im Kopf hatte, als er das Verteilen von Geflügel an die untersten Ränge der Gesellschaft kritisierte? Andererseits: Flatterhaft und müßig sind sie doch, die Obdachlosen und Trebegänger von heute.

Eine vegane Ethik kannte das Mittelalter nicht. Niemand kritisierte Johannes den Täufer dafür, dass er als Asket in der Wüste einen Mantel aus Kamelhaar und einen ledernen Gürtel getragen und sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt haben soll. Auch von ausgewiesenen Tierfreunden wie dem Heiligen Hiernonymus, der sich einen gezähmten Löwen als Haustier hielt, oder von Franz von Assisi ist nicht bekannt, dass sie Vegetarier oder gar Veganer waren.

Eine eindrucksvolle Ausnahme ist der Heilige Simeon, der als Säulenheiliger nur von Regenwasser und vom Essen gelebt haben soll, welches ihm barmherzige Passanten gaben. Mehr als vier Jahrzehnte brachte Simeon der Überlieferung nach auf einer Säule zu, bei Wind und Wetter. Sein großer Respekt Tieren gegenüber ging so weit, dass er Maden, die an seinen Wunden saßen, nicht entfernte: Die Maden sollten essen, was Gott ihnen zu essen vorbestimmt habe.

Hauterkrankungen wie die Schleppe oder Krätze, offene Beine, Parasiten, Lungenprobleme, Pilze und infizierte Wunden sehen auch regelmäßig barmherzige Ärzte, die Gratis-Sprechstunden für Obdachlose abhalten.  Die Liste der häufigen Erkrankungen ist lang. „Die Behandlung ist nicht jedermanns Sache“, erklärt eine Berliner Medizinerin dem „Ärzteblatt“ und gibt zu, dass Famulanten oder Pflegekräften schon mal übel wird, wenn sie eine madige Wunde säubern müssen. „Schlimm sind auch die festgewachsenen Socken: Wie hält man das nur aus?“

Ich weiß nicht, wie man das aushält. Den Menschen, die Frank Zander demnächst mit Gans, Klößen und Rotkohl bewirtet, wünsche ich guten Appetit. Und Frohe Weihnachten!



Ellen Daniel begann ihr Leben im Taunus bei Frankfurt. Frankophile Neigungen zeigte sie schon als Elfjährige, nach dem Politik-Studium reichte es aber nur für Belgien: In Brüssel lernte sie zunächst als Korrespondentin, dann als Pressesprecherin im Europaparlament die EU von innen kennen. Später ging sie zum "Focus", wo sie Redakteurin im Auslands- und später im Kulturressort war und viel herumreiste. Heute arbeitet sie im Marketing für SOS-Kinderdorf. Sie ist überzeugte Europäerin und bodenständige Internationalistin, im allgemeinen wie im kulinarischen Leben.


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