Originalfilmplakat Foto: Fair use

Gaslighting

Die Methode Trump: „Gaslighting“

Das wichtigste Wort, das man kennen muss, um die Präsidentschaft Donald Trumps zu verstehen, ist das Verb „gaslighting“. Leider gibt es keine deutsche Entsprechung dafür. Das Wort lässt sich auf den Film „Gaslight“ aus dem Jahr 1944 zurückführen, in dem Ingrid Bergman die Hauptrolle spielt. Jeder, der sich mit dem beschäftigt, was sich derzeit in Amerika anbahnt – und in Putins Russland schon seit Jahren geschieht –, sollte diesen Film gesehen haben.

Ingrid Bergman gibt dort eine schöne, junge Frau, deren Tante bei einem Raubüberfall ermordet wurde, als sie noch ein Kind war. Jetzt ist sie mit einem älteren Mann verheiratet. Bald nach ihrer Heirat geschehen merkwürdige Dinge: Eine Brosche geht verloren, obwohl die Heldin sie sicher in ihrer Handtasche verstaut hatte. Ein Bild verschwindet von der Wand, und der Ehemann behauptet, die Frau habe es abgenommen – sie kann sich aber an nichts erinnern. Dann sind da die nächtlichen Schritte auf dem Dachboden. Und immer wieder gehen in dem Haus die Gaslichter aus – der Ehemann aber versichert, das sei bloße Einbildung. Er isoliert seine Frau immer mehr von ihrer Umgebung, von ihren Freunden. Bald glaubt sie selber, dass sie wahnsinnig wird; sie weiß nicht mehr, was Realität und was Einbildung ist.

Natürlich ist der Ehemann der Schuldige. Er versucht, seine schöne, junge Frau in den Irrsinn zu treiben, damit er sie in eine Nervenheilanstalt einweisen lassen kann. Dafür hat er ein handfestes Motiv: Der Ehemann war der Mörder der Tante, hat damals ihre Juwelen aber nicht gefunden. Und die junge Frau hat er nur geheiratet, damit er in Ruhe nach dem Schatz suchen kann, der ihm vor Jahren durch die Finger geglitten ist.

Amerikanischen Psychologen verwenden „gaslighting“ mittlerweile als klinischen Fachausdruck: Es handelt sich um eine Form des Missbrauchs, die für Psychopathen und Narzissten sehr typisch ist. Wenn man sie trifft, sind solche Menschen charmant, ja liebenswürdig. Es ist schwer, nicht auf sie hereinzufallen. Allerdings lügen sie ohne die geringsten Gewissensbisse. Sie lügen eigentlich unaufhörlich. Hinterher leugnen sie, dass sie gesagt haben, was sie gesagt haben. Ehemänner, die ihre Frauen prügeln, bestreiten, dass irgendetwas vorgefallen sei. Das Opfer soll von sich selber, von seiner Wahrnehmung der Realität entfremdet werden.

Das, was Donald Trump derzeit mit der amerikanischen Öffentlichkeit betreibt, ist „gaslighting“ in Reinkultur. Der Mann gibt Interviews mit dem Fernsehen und der „New York Times“, in denen er all seine extremen Positionen preisgibt. Plötzlich ist er ganz jovial. Er will Amerika vereinen, sagt er, nicht spalten. Homo-Ehe? Kein Problem. Klimawandel? Gibt es vielleicht doch. Er möchte nur jene illegalen Einwanderer ausweisen, die Verbrechen begangen haben. Und er ist sicher, dass er und die „New York Times“ die allerbesten Freunde werden (als ob das die Funktion der Presse in einem freien Land wäre). Gleichzeitig sagt der designierte Präsident der Vereinigten Staaten, sein Chefberater Steve Bannon habe nichts mit der „alternativen Rechten“ zu tun und sei überhaupt kein Rassist – ein völlig wahnsinniger Satz, weil Bannon die Webseite „Breitbart.com“ in ein Zentralorgan der amerikanischen Rassisten verwandelt hat. Wenig später folgen dann die vertrauten, irren Tweets: Der Vorsprung von zwei Millionen Wählerstimmen, den seine Gegenkandidatin vor ihm hatte, sei nur dem Umstand geschuldet, dass lauter Ausländer mitgewählt hätten, die dazu gar nicht das Recht hatten. (Lüge.) Journalisten, die hier nicht recherchieren, täten ihren Job nicht. (Es gibt nichts zu recherchieren.) Überhaupt sei ja die Presse so gemein zu ihm.

Glaube keiner, es handle sich hier lediglich um die Psychopathologie einer einzelnen Person: Das „gaslighting“ hat Methode. Laura Ingraham, eine Trump-Unterstützerin der ersten Stunde, die vielleicht zur Pressesprecherin des neuen Präsidenten avancieren wird, besitzt eine Online-Firma namens „Ingraham Media Group“, die eine Vielzahl von Webseiten betreibt. Eine von ihnen heißt „LifeZette“. Während des Wahlkampfes hat diese Webseite Videos gepostet, auf denen verreitet wurde, die Clintons trügen die Schuld am Flugzeugabsturz von John F. Kennedy, Jr., und am Tod anderer Mitglieder der Demokratischen Partei; der linksliberale Multimilliardär George Soros sei der Eigentümer einer Firma, die in 16 Bundesstaaten Wahlmaschinen aufgestellt habe, um dort die Wahlen manipulieren zu können; und dass laut Wikileaks ein hochrangiges Mitglied des Teams von Hillary Clinton an satanischen Ritualen teilgenommen habe. Die Lügen können gar nicht dreist und abgedreht genug sein. Und sie zeigen Wirkung: Laut einer Studie der Stanford University haben Studenten mittlerweile große Mühe, zwischen Fälschungen, Firmenanzeigen und echten Nachrichten zu unterscheiden.

Das „gaslighting“, das Donald Trump betreibt, wurde in Russland perfektioniert – von Wladislaw Surkow, einem der wichtigsten Berater des neuen Zaren Wladimir Putin. Die „Methode Surkow“ funktioniert so: Man inszeniert einen gewaltigen Zirkus und generiert viel bunten Rauch. Es geht dabei gar nicht darum, ob die einzelnen Lügen geglaubt werden. Es geht vielmehr darum, die Wahrheit im Lärm der Lügen untergehen zu lassen. Die Journalisten dürfen nicht mehr wissen, in welche Richtung sie schauen sollen. Steve Bannon, der im Weißen Haus nach dem 20. Januar vielleicht die wichtigste Rolle spielen wird, hat sich längst als Schüler von Wladimir Surkow zu erkennen gegeben. „Dunkelheit ist gut“, sagte er in einem Interview. „Dick Cheney. Darth Vader. Satan. Das ist die Macht. Es hilft, wenn sie“ – gemeint sind die politischen Gegner, die Liberalen – „sich verrechnen. Wenn sie blind dafür werden, wer wir sind und was wir wollen.“

Dabei ist es gar nicht so schwer, sich auszurechnen, was Bannon und Konsorten vorhaben: Sie wollen die Privilegien der Weißen in Amerika erhalten – und zwar nach Aussage von Bannon „für die nächsten fünfzig Jahre“. Der demografische Wandel hin zu einem multiethnischen, multikonfessionellen Amerika soll gestoppt oder sogar rückgängig gemacht werden. Die Rolle des amerikanischen Präsidenten muss dafür selbstverständlich radikal neu definiert werden. Steve Bannon setzt hier unverblümt auf ein „apokalyptisches Ereignis“: Wenn übermorgen – Gott behüte – die schmutzige Bombe auf dem Times Square in Manhattan explodiert, dann ist die Zeit gekommen, um im Nebel der Lügen nach der Macht zu greifen.

Journalisten haben in diesen finsteren Zeiten eine sehr wichtige Aufgabe. Sie dürfen Donald Trump nicht wie einen normalen konservativen Präsidenten behandeln: Er ist kein George W. Bush und kein Ronald Reagan, sondern ein rassistischer Demagoge. Sie müssen unerbittlich weiter aufschreiben, wie sich die Regierung der Vereinigten Staaten vor unseren Augen in eine Kleptokratie verwandelt. Vor allem aber müssen Journalisten ganz altmodisch darauf beharren, dass es auch im Zeitalter von Twitter und Facebook eine handfeste, nachprüfbare Wahrheit gibt. Nur so kann das „gaslighting“ beendet werden.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


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