Vollgepumpt mit Impfstoffen – so entsteht in Trumps Welt Autismus. Pixnio

Gesundheit unter Trump (1) – Alt-Medicine und Impfen

Donald Trump macht ernst – er will Amerika umkrempeln, auch die Medizin. Er kritisiert das Impfen und die Pharmaindustrie. Die Alt-Medicine-Bewegung jubelt. Kranke haben dazu keinen Anlass

Donald Trump hat sich vorgenommen, die USA grundlegend zu verändern. Seine Pläne betreffen auch das Gesundheitswesen, und sie gehen wesentlich weiter als die bislang medial im Fokus stehende Abschaffung von Obamacare.

Da ist zunächst einmal das Impfen. Trump hat dazu verschiedentlich getwittert und sich in Interviews geäußert.

Demnach hält er gewisse Impfungen für eine gute Sache (die Grippeimpfung gehört nicht dazu, aber dass er diese als „biggest ‚scam‘ in medical history“ bezeichnet hat, ist eine Erfindung). Er ist der Auffassung, Kombinationsimpfungen im Kindesalter seien für die Entstehung von Autismus verantwortlich.

„I am a total believer in getting the shots and having it done, and I am a total believer, 100%, nobody a bigger believer. What I don’t like seeing is that 20 pound little baby going in and having this one massive inoculation with all of these things combined.“ (2015)

Diese Behauptung hat Trump seither mehrfach wiederholt. Sie entspringt einer Verschwörungstheorie, die der britische Mediziner Andrew Wakefield 1998 in die Welt gesetzt hat. Bezahlt von einer Elternvereinigung autistischer Kinder, die Entschädigungen erstreiten wollten und bestrebt, einen von ihm selbst entwickelten Impfstoff durchzusetzen, fälschte er Studienergebnisse und behauptete, ein bislang verwendeter Masern-Impfstoff verursache bei geimpften Kindern Autismus. Schuld sei das Konservierungsmittel Thiomersal. Als seine Ergebnisse nicht reproduziert werden konnten und ein Journalist die Zusammenhänge aufdeckte, wurde die Studie zurückgezogen und eine Untersuchung eingeleitet. Sie führte im Mai 2010 dazu, dass Wakefield die Ausübung des Arztberufs in Großbritannien verboten wurde.

Geburt einer Verschwörungstheorie

Dennoch wurden Wakefields Behauptungen akribisch nachuntersucht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das Institute of Medicine (IoM) in den USA und die European Medicines Agency (EMA) kamen übereinstimmend zu dem Urteil, dass die epidemiologischen Daten gegen einen Zusammenhang zwischen Thiomersal in Kinderimpfstoffen und Autismus sprechen.

Wakefields Aktivitäten haben zu einem spürbare Rückgang von Impfungen geführt und die Verschwörungstheorie ist seither nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Trump traf sich 2016 mit Wakefield und im Januar 2017 mit dem Anwalt Robert F. Kennedy Jr., einem der prominentesten amerikanischen Kritiker von Impfungen. Kennedy veröffentlichte 2014 das Buch Thiomersal: Let the Science Speak, in dem er Wakefields Behauptungen wiederholte. Das Buch strotzt von Fehlern und geht mit keiner Silbe darauf ein, dass Thiomersal, das über viele Jahrzehnte als Konservierungsmittel in inaktivierten Impfstoffen enthalten war, nicht nur sehr gut untersucht ist, sondern sich nur noch in bestimmten Grippeimpfstoffen befindet. In den USA wurde Thiomersal bereits 2001 aus allen Impfstoffen für Kinder entfernt.

Gefeierter Impfkritiker im Weißen Haus

Kennedy behauptete nach dem Treffen, Trump habe ihn gebeten, den Vorsitz einer neu zu schaffenden „Autismus-Kommission“ zu übernehmen, die sich mit der Sicherheit von Impfungen und wissenschaftlicher Integrität im Centers for Disease Control and Prevention (CDC) beschäftigen solle, das in den USA für die Bewertung der Sicherheit von Impfstoffen zuständig ist. Trumps Team gab demgegenüber bekannt, es sei keine Entscheidung zur Einrichtung einer solche Kommission getroffen worden.

Auf den Seiten einschlägiger Impfkritiker und Verschwörungstheoretiker wird Trump für seine „Impfkritik“ schon länger gefeiert. Prominente Alt-Medicine Vertreter wie „Health Ranger“ Mike Adams, Joseph Mercola, „Dr. Oz“, Vani „The Food Babe“ Hari und der Flache-Erde-Advokat David „Avocado“ Wolfe, die allesamt vom Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln, Wunderkuren und Mitteln leben, die angeblich vor Krebs, Autismus und Alzheimer sowie vor Vergiftungen durch Impfstoffe, Pestizide und Gentechnik-Nahrungsmittel schützen, wittern bereits Morgenluft .

Bislang ist nicht bekannt, dass sich Trump mit Medizinern oder Wissenschaftlern getroffen hat, die das Impfen für richtig, wichtig und notwendig halten. Wen Trump zum Chef der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) ernennen wird, ist unbekannt.

Alternativmediziner im Aufwind

Die CDC sind auch für die Evaluierung der Sicherheit von Impfstoffen, aber auch für Impfempfehlungen und -Schemata zuständig. Zugelassen werden Impfstoffe von der Food and Drug Administration (FDA); anschließend berät ein Komitee der CDC darüber, wann welche Impfungen eingesetzt werden sollen. Doch dieses Komitee kann nur Empfehlungen aussprechen. Das letzte Wort hat der Chef der CDC.

Hinzu kommt, dass es die Bundesregierung ist, die in den USA Impfstoffe, vor allem solche für Kinder, kauft und verteilt. Auch darüber hat Trump einen Hebel, Impfprogramme auszubremsen oder zu verhindern. Auch die Immunization Action Coalition (IAC) ist auf Trumps Gnade angewiesen. Aufgabe der IAC ist es, für die Steigerung der Impfrate zu sorgen. Dabei geht es nicht nur um Information und Aufklärung, sondern auch um die Finanzierung von Impfprogrammen für Kinder, die nicht krankenversichert sind. Dieses Programm wurde 2016 vom Kongress mit 610 Millionen Dollar unterstützt.

Schon jetzt hat Trump in Sachen Impfung Schaden angerichtet. Seine Äußerungen und Treffen legitimieren Verschwörungstheorien rund um das Impfen und verschaffen den „Alternativmedizinern“ Gehör bei Eltern, die verunsichert sind. Sollte sich das in sinkenden Impfraten niederschlagen, wird sich die Kindersterblichkeit in den USA messbar erhöhen und das Land wird wieder Seuchen erleben, die dort bislang als ausgerottet gelten.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Frage, wie unter Trump die Zulassung von Arzneimitteln aussehen könnte




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. Sein berufliches Engagement in der Biotechnologie-Industrie, seine Skepsis gegenüber den Segnungen der Bio-Landwirtschaft und sein Eintreten für Vernunft in der von "Chemie und Genen" verseuchten öffentlichen Debatte bringen dem "Monsanto-Knecht" regelmäßig den Vorwurf des Lobbyismus ein ("Lüge, Hetze, Verdrehungen"). Anfang 2017 erscheint sein Wissenschaftsthriller "Oligo" bei Piper Fahrenheit. Ludger Wess kommentiert hier privat.


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