Die Schimpansendiät
Zutaten für ein grünes Smoothie Ralf Kabelitz CC BY 3.0

Grüne Smoothies? Finger weg!

Nach den zahlreichen Rezepten für Weihnachtsplätzchen, Festtagsbraten und Cocktails sind jetzt die Tipps fürs Abnehmen, Entschlacken und Verschönern gesetzt. Das meiste ist blanker Unsinn.

Eine Freundin, die sich gern gesund ernähren möchte, will im neuen Jahr den Morgen mit einem grünen Powerdrink, Smoothie genannt, beginnen. Sie hat sich dafür einen Hochleistungsmixer schenken lassen, der binnen einer Minute Kräuter, Gemüse, ganze Salatköpfe und vermutlich auch Äste in sämigen Brei verwandeln kann. Die Vorstellung ließ ungute Assoziationen bei mir aufkommen: meine Kiefer-Operation (drei Tage Brei aus der Schnabeltasse) und die neuartige Vollwert-Tubennahrung für gesundheitsbewusste, aber eilige Menschen, die in den USA jemand sinnigerweise unter dem Markennamen „Soylent Green“ auf den Markt gebracht hat (für Nicht-Cineasten: der gleichnamige Öko-Thriller handelt von synthetischer Nahrung, die aus menschlichen Leichen hergestellt wird).

Aber was mich wirklich aufschreckte, war das mitgeschenkte Rezeptbuch: Es empfiehlt neben Spinatblättern, Karottengrün, Kohl und Löwenzahn jede Menge Kräuter, Laub vom Apfelbaum, Tannennadeln und Obstkerne. All das verheißt wertvolle Spurenelemente und Mineralstoffe, Vitamine und Antioxidantien mit Wunderwirkung, so dass grüne Smoothies vor Zellalterung und Krebs schützen, die Haut straffen und den Körper reinigen.

Die Schimpansendiät

Grüne Smoothies wurden 2004 von der selbsternannten Ernährungsexpertin Victoria Boutenko erfunden, die sich an der Diät der Schimpansen orientierte. Aufgerüttelt durch Meldungen, dass das Genom der Schimpansen zu 99,4% mit unserem übereinstimmt, postulierte sie, dass dann auch die Ernährung zu 99,4% übereinstimmen müsste. Das tut sie aber nicht: Schimpansen kochen nicht, sie essen jede Menge rohes Grünzeug, der Mensch hingegen ernährt sich von Gekochtem, Fertignahrung und nur wenig Rohkost. Boutenkos Selbstversuch mit der faserigen und blätterreichen Schimpansendiät ergab jedoch, dass die wenig bekömmlich war. Daher kam sie auf die Idee, das Grünzeug zu verflüssigen (dass Schimpansen nicht nur keine Kochtöpfe, sondern auch keine Mixer benutzen und sehr gerne ungekochte Insekten, noch zappelnde Säugetiere und ihren eigenen Kot fressen, hat sie dabei geflissentlich ausgeblendet).

Jedenfalls soll die Schimpansendiät jede Menge Vitamine, Mineralstoffe, Aminosäuren, Enzyme und supergesunde sekundäre Pflanzenstoffe enthalten – und natürlich jede Menge Chlorophyll: flüssiges Sonnenlicht!

Aber stimmt die Sache auch? Erstens: Es gibt Studien, die Chlorophyll eine Schutzwirkung gegen Krebs bescheinigen, aber wie immer ist es eine Frage der Dosis. Allzuviel Chlorophyll und die antioxidierende Schutzwirkung verkehrt sich ins genaue Gegenteil. Zweitens: Vitamine und Mineralstoffe. Die sind drin, kein Zweifel, aber bei abwechslungsreicher Ernährung droht uns ohnehin kein Mangel. Und auch hier gilt: Zu viele Vitamine schützen nicht vor Krebs, sondern sie befördern ihn. Die größten Bedenken aber sind drittens wegen der Pestizide im Grünzeug anzumelden. Die verleibt man sich mit grünen Smoothies gleich grammweise ein.

„Pestizide? Du spinnst!“, sagte meine Freundin. „Ich verwende nur Bio und Blätter aus dem eigenen Garten, garantiert ungespritzt, also komplett pestizidfrei.“ Das sagt auch Greenpeace in seiner Hochglanzbroschüre „Pestizidfrei essen ist möglich“, es stimmt aber trotzdem ganz und gar nicht. Ungespritzt aus dem Biogarten heißt nämlich nicht „frei von Gift und Pestiziden“, und diese Giftstoffe kommen nicht da rein, weil irgendwo ein paar Straßen weiter jemand Pflanzenschutzmittel versprüht. Die Pflanzen bilden die Pestizide selbst. Wir nehmen bei normaler, abwechslungsreicher Ernährung mit viel Obst und Gemüse – egal ob Bio oder konventionell – täglich etwa 1,5 g Pestizide zu uns. 1,5 g entspricht dem Gewicht von 50-60 Reiskörnern.

Pflanzen, die Pestizide bilden? Ganz genau. Die „sekundären Pflanzenstoffe“, von denen man angeblich nicht genug haben kann, sind Pestizide. Bäume, Sträucher und Kräuter haben nämlich in ihrem anscheinend so stillen, friedvollen Leben einen ganzen Haufen Probleme. Zum Beispiel können sie nicht weglaufen. Sie können sich nicht einmal kratzen. Dabei konkurrieren sie aber heftig mit ihren Nachbarn um Licht, Wasser und Nahrung und sind ständig Fressattacken von Bakterien, Pilzen und Insekten, aber auch wesentlich größeren Tieren ausgesetzt.

Pflanzen haben sich deswegen komplett auf chemische Kriegsführung verlegt. Während wir auf der Bank sitzen, betörenden Blumen- und würzigen Kräuterduft einatmen und uns an dem beruhigenden Grün erfreuen, sind wir in Wirklichkeit Zeugen eines stummen Gemetzels. Die Blumen, Kräuter, Sträucher und Bäume in unserem Garten sind beständig dabei, Giftstoffe herzustellen. Sie bilden Substanzen, die ihren Nachbarn das Leben vergällen und deren Wurzeln abtöten, sie produzieren Antibiotika gegen Pilze und Bakterien, Botenstoffe, um ihresgleichen zu warnen und jede Menge weiterer Chemikalien: Bitterstoffe, um Fressfeinde abzuschrecken, hormonähnliche Substanzen, die die Fortpflanzung ihrer Feinde durcheinander bringen, scharfkantige Kristalle, die Raupen verletzen und Giftstoffe, die Weidevieh töten.

Diese Chemikalien nennt man landläufig Pestizide, das bedeutet: Gifte gegen „pests“, d.h. Schädlinge. Aus der Sicht der Pflanzen gehören wir Menschen dazu. So ist es denn auch kein Wunder, dass zahlreiche Inhaltsstoffe von Kräutern, Obst und Gemüse auch für uns Menschen schädlich sind: zu viel Tofu, und die hormonell wirksamen Bestandteile der Sojabohne bringen unsere Fortpflanzung durcheinander; ihr hoher Calciumgehalt führt zu Nierensteinen. Das Grün der Kartoffel oder der Tomate kann uns umbringen, rohe grüne Bohnen ebenfalls. Vor einem Jahr starb in Süddeutschland ein Mann qualvoll an den Bitterstoffen von selbstgezogenen Zucchinis. Die „reinigten“ seinen Körper so gründlich wie „Abflussfrei“ die Toilette – am Ende war keine Schleimhaut mehr übrig. Hineingeraten waren sie auf ganz natürlich Weise: Zucchinis, die man aus Samen vom Samenhändler zieht, sind garantiert frei von Bitterstoffen, aber wenn man sie selbst vermehrt, werden diese Pestizide rasch eingekreuzt und die Zucchini werden wieder, was sie von Natur aus sind: Giftpflanzen, die mit Bitterstoffen dafür sorgen, dass sie nicht gefressen werden.

Und was ist mit Smoothies?

Populäre Inhaltsstoffe sind Spinat, Grünkohl, Mangold und Rucola. Manche Rezepte empfehlen auch Aloe vera, Lindenblätter und alle möglichen Wildkräuter, von Sauerampfer, Vogelmiere und Löwenzahn bis Sushni, Gotu Kola oder Mukunu-Wenna. Auch Avocado-, Apfel- und Aprikosenkerne werden empfohlen, desgleichen Tannennadeln (Achtung, Weihnachtsbäume nicht entsorgen, sondern verzehren!).

Die ersten drei sind für ihren hohen Gehalt an Oxalsäure bekannt, das sich aber auch in Petersilie, Roter Beete, Sauerampfer und Rhabarber befindet. Beim Spinat enthalten die ganz jungen und die sehr alten Blätter die meiste Oxalsäure. Pflanzen bilden sie, um überschüssiges Calcium loszuwerden. Das tut Oxalsäure auch im Körper. Als Calciumräuber entzieht sie dem Stoffwechsel das für den Knochen- und Zahnaufbau wichtige Calcium und bildet unlösliches Calciumoxalat. Wird Oxalsäure täglich in größeren Mengen genossen, lagert sich das Oxalat in Form von Gries oder Steinen in den Nieren ab.

Nicht umsonst werden Kohl, Spinat und Mangold in Omas Kochbuch immer nur gekocht – Erhitzen reduziert den Oxalsäuregehalt deutlich. Oxalsäure ist aber noch nicht alles. Apfelblätter enthalten Alkaloide mit den exotischen Namen Phloridzin, Sieboldin and Trilobatin, die als potente Antibiotika wirken. Es stimmt, dass Antibiotika die Gesundheit erhalten (bei Infektionen z. B.), aber niemand sollte Arzneimittel einfach mal so zum Frühstück essen und schon gar keine niedrig dosierten Antibiotika. Erster Leidtragender wäre die Darmflora, erster Gewinner die Krankheitserreger, die jede Chance nutzen, neue Antibiotikaresistenzen zu erwerben. Dass die grünen Blätter von Möhren ebenfalls Alkaloide enthalten, ist unumstritten – widersprüchliche Angaben gibt es hingegen zu deren Wirkung. Während zahlreiche Rezepte Pesto aus Möhrengrün empfehlen, warnen andere davor und empfehlen, zumindest dann auf Möhrenkraut zu verzichten, wenn es bitter schmeckt. Löwenzahn ist schwach giftig, die Milch etwas stärker. Sie kann überdies allergische Reaktionen hervorrufen. Obstkerne enthalten Blausäure und Tannennadeln die Terpene Limonen und Pinen sowie deren Zerfallsprodukte Isopren und Formaldehyd, vor denen Greenpeace warnt, wenn sie aus neuen Möbeln ausgasen.

Als Faustregel gilt: Bitterstoffe sind pflanzliche Pestizide und weisen immer darauf hin, dass ein Nahrungsmittel potenziell schädlich ist. Wie immer ist alles eine Frage der Dosis.

Nahrungsmittel, die den Körper reinigen oder entschlacken, sind übrigens barer Unsinn, weil sich im Körper keine Schlacken und Abfälle ablagern, weder im Blut noch in den Geweben, Zellen oder im Darm. Unser Körper besitzt sehr effiziente Mechanismen, Abfallstoffe zu beseitigen und ihre Reste auszuscheiden, als Urin, Kot oder mit der Atemluft. Ausnahme sind Plaques in den Blutgefäßen sowie Nieren- und Gallensteine. Die werden aber auch durch keinen grünen Smoothie aufgelöst.

Kommen wir noch zu den Antioxidantien (das Chlorophyll und viele Vitamine zählen dazu): Sie gelten als „Krebsvorsorge zum Essen“, weil sie aggressive Radikale abfangen. Das klingt einleuchtend, aber zahlreiche Studien ergaben, dass auch hier allzuviel ungesund ist. Der Grund: Unser Körper braucht freie Radikale. Er steuert damit Stoffwechselprozesse in der Zelle und setzt sie zur Immunabwehr ein, d.h., um Krankheitserreger und Krebszellen zu eliminieren. Wer diese natürlichen Prozesse durch ein Übermaß an Antioxidantien blockiert, schadet seiner Leistungsfähigkeit und seinem Immunsystem.

Fazit: Gegen gelegentliche Smoothies mit grünen Pflanzenteilen ist nichts einzuwenden, aber wer täglich Blätter zu sich nimmt, die nicht extra für den menschlichen Rohverzehr gezüchtet sind, bekommt wahrscheinlich Nierensteine, erlebt – je nach Dosis, Blatt und Stängel – Einbußen bei Leistungsfähigkeit und Immunabwehr und handelt sich Magen- und Darmbeschwerden sowie Leberprobleme ein.

Wenn es morgens unbedingt Flüssignahrung sein muss: Unbedenklich ist alles Obst und Gemüse, das für den menschlichen Rohverzehr gezüchtet ist. Gelegentlich kann man oxalsäurehaltige Pflanzen wie Spinat, Kohl, Mangold, Sauerampfer roh zu sich nehmen. Die Finger lassen sollte man von Blättern und Nadeln von Bäumen und Sträuchern, denn deren Inhaltsstoffe sind oft nicht gut bekannt oder untersucht. Auf keinen Fall gehören in den Frühstücksdrink Kartoffel-, Tomaten- oder Auberginengrün, Eibenzweige, Rhabarberblätter, grüne Bohnen, Jakobskreuzkraut (Achtung, Verwechslungsgefahr mit Rucola!) oder beliebte Gartenpflanzen wie Schierling, Fingerhut, Efeu, Eisenhut, Rittersporn, Hahnenfuß oder Farnkraut (Achtung: Diese Liste ist unvollständig!).

Wer seiner Gesundheit 2017 wirklich etwas Gutes tun will, sollte abwechslungsreich und vielseitig essen, auf Diäten verzichten, sich regelmäßig bewegen und am besten jeden Monat ein gutes Buch über Wissenschaft lesen.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. Sein berufliches Engagement in der Biotechnologie-Industrie, seine Skepsis gegenüber den Segnungen der Bio-Landwirtschaft und sein Eintreten für Vernunft in der von "Chemie und Genen" verseuchten öffentlichen Debatte bringen dem "Monsanto-Knecht" regelmäßig den Vorwurf des Lobbyismus ein ("Lüge, Hetze, Verdrehungen"). Anfang 2017 erscheint sein Wissenschaftsthriller "Oligo" bei Piper Fahrenheit. Ludger Wess kommentiert hier privat.


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