Schrullige Damen im Hexenhäuschen
Drei schrullige Damen im Hexenhäuschen ARD

Haben Sie das von den Terror-Hexen gehört?

Am Sonntagabend soll man Tatort gucken. Es sei denn, er ist so schlecht wie der Terror-Hexen-Tatort. Dann nicht.

In meinem Freundeskreis gibt es eine schöne Tradition, die selbstverständlich lose und nicht ernsthaft gepflegt wird. Denn wie wir alle wissen, ist eine ständig wiederkehrende Tradition, die irgendwann zum Selbstzweck erstarrt, ein gefährlich Ding der Reaktion. Jedenfalls, wir schauen sonntags gemeinsam Tatort und regen uns darüber auf. Manchmal bei mir, so auch heute. Ich habe etwas Pasta zubereitet, ein wenig Salat, Süßkartoffeln, Karotten zum Dippen und einen Quark. (Man lebt zwangsläufig recht gesund, wenn man vegetarisch lebende Menschen bewirtet.) Dazu Riesling.

Wir starten den Tatort und sind sofort verwirrt: Sollte heute nicht der Bodensee-Tatort kommen? Was machen die Münchner im Bild? Es stellt sich heraus, dass ich in der Mediathek den falschen Tag ausgewählt habe. Nun, selbst die Besten irren sich mal im Datum! Ein Neustart erfolgt.

Anyhow. Der Tatort beginnt mit einem Arztbesuch. Die Kommissarin ist wohl krank. Ziemlich unmittelbar danach lernen wir, dass ein bekannter Rechtspopulist und Islamgegner rituell ermordet worden ist, gebettet in einem kleinen Boot in einem Meer von Blumen. Wir bekommen ein wunderliches Trio alter Damen vorgestellt, üben uns in Botanik (die kleine Irgendwas-Blüte ist wohl selten) und auf einmal geht es um einen Giftmord an einem Anlagebetrüger auf der anderen Seite des Sees. Dringend tatverdächtig ist die schöne Witwe, die ihr Haar blondiert und darüber hinaus einen wunderbaren gelben Hosenanzug trägt.

Die wunderlichen drei alten Damen besuchen ein Geschäft, das nach Second-Hand-Kleidung aussieht, und becircen einen Mann Anfang 60, der reich zu sein scheint. Später erfahren wir dann, dass dieser Mann der Inhaber einer Kette für Billigkleidung (ähnlich Primark oder Kik) ist und auch ansonsten kein angenehmer Zeitgenosse. Schon zwei seiner Fabriken in Bangladesch sind abgebrannt, hunderte Menschen sind gestorben. Die Öffentlichkeit ist darob nicht amüsiert, eine Menschenrechtsanwältin schaltet sich ein und wird vom Kleider-Krösus bedroht. Der Kleider-Krösus arbeitet übrigens nebenbei als Clown für behinderte Kinder, das soll wohl seine Zerrissenheit im Sein symbolisieren.

So plätschert der Film dahin. Die Tochter des Rechtspopulisten hält ihre Mutter für ihre beste Freundin, beide haben Entzündungen an ihren Armen, deren Ursache niemals aufgeklärt wird. Überdies unterhält die Tochter eine Liebesbeziehung mit einem – hor­ri­bi­le dic­tu – Cappuccino-farbigen jungen Mann (was würde Vati sagen), der Kommissar betätigt sich als Spanner und erspäht den Drachen auf dem Rücken der schönen Frau des Islamgegners.

Irgendwann landen wir gemeinsam mit der Kommissarin im Hexenhäuschen und finden dort den Kleider-Krösus gefesselt vor, woraufhin die drei Damen ihm die Pulsadern öffnen. Hier erfahren wir auch, dass die drei Damen (ab sofort: Terror-Hexen) für die beiden anderen Morde am Rechtspopulist und am Anlagebetrüger verantwortlich sind. Die Kommissarin wird währenddessen in einem übergroßen Vogelkäfig eingesperrt, kann aus irgendwelchen Gründen eine Pistole ergreifen, erschießt eine Terror-Hexe und wird von ihrem Kollegen gerettet. Die drei Hexen-Damen sprengen sich auf dem Bodensee in die Luft. (Was aus dem Kleider-Krösus wird, ist nicht klar.)

Der Tatort in einem Satz: Terror-Hexen betätigen sich im Vigilantismus.

Wenn Sie nun der Meinung sind, meine Zusammenfassung sei seltsam und folgte keinem roten Faden, so kann ich Sie beruhigen: Es liegt nicht an Ihnen, sondern an diesem Fernsehfilm. Ich möchte es so formulieren: Meine Gäste verließen meine Wohnung zufrieden, weil sie gutes Essen und Riesling serviert bekamen. Nicht wegen des Films.

Was für ein Machwerk. 3 von 10 Soeder-Sternchen.




Sozialdemokrat, anderen Argumenten und Ideen gegenüber zugänglich. Bekämpft ab und an den Liberalen in sich. Lebt und arbeitet in Mannheim. Hat Geschichte, Germanistik und Theologie studiert.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com