Es ist kompliziert Kratochvil / Public Domain

Labour: Langfristig nicht mehrheitsfähig

Weit besser als zwei unserer Autoren vor Wochen dachten, schnitt die Partei jetzt bei den britischen Wahlen ab. Doch langfristig ist Labour mit Corbyn ein Auslaufmodell.

Ich habe Labour vor Wochen einen krachenden Untergang prophezeit. Dabei bleibe ich – trotz des gestrigen Wahlausgangs, der weit besser als erwartet war.

Schauen wir uns zuerst die Fakten an: Die Tories, also die Partei der Premierministerin Theresa May, haben 12 Sitze verloren und damit auch ihre absolute Mehrheit im Parlament. Vorher lagen sie bei 330 Sitzen, jetzt bei 318 – das Unterhaus hat 650 Sitze, zur Mehrheit braucht man also exakt 326 Mandate. Corbyns Labour-Partei hat 31 Mandate zugelegt und hat nun 261 Sitze im Parlament. Die LibDems, eine Art linksliberale FDP, konnten leicht zulegen und sind nun bei 12 Mandaten. Die schottischen Nationalisten, die SNP, ist brutal abgestürzt und jetzt nur noch bei 35 Mandaten von ehemals 54. Die Unabhängigkeit Schottlands ist damit wohl dauerhaft vom Tisch.

Schauen wir uns die Ergebnisse im Detail an, stellen wir fest: Es ist kompliziert. Die Konservativen konnten sich in ihren Hochburgen behaupten, Labour ebenfalls. Die SNP hingegen hat sogar Wahlkreise verloren, die als bombensicher galten, fast gleichmäßig an Labour und die Tories. Auch die LibDems konnten sich zwei Wahlkreise in Schottland schnappen.

Im Mehrheitswahlrecht Großbritanniens ist das prozentuale Ergebnis zwar nicht relevant, aber darüber reden sollte man trotzdem. Die Tories haben 5,5 Prozentpunkte auf 42,5 Prozent zugelegt, Labour ist um 9,5 auf 40 geklettert. Wegen des Mehrheitswahlrechts besteht in Mandaten trotzdem ein Unterschied von 57, das sind ziemlich genau alle Sitze in Schottland. Außerdem interessant: Zwei Kleinparteien in Nordirland wurden parlamentarisch ausradiert, Sinn Féin, der alte parlamentarische Arm der IRA, hat nun sieben Mandate. Gleichzeitig haben auch die Unionisten in Nordirland zugelegt, auf nun 10 Mandate. Nordirland bleibt also gespalten.

Labour hat nicht gewonnen – aber Corbyn

Wie ist das Ergebnis nun also als Ganzes zu bewerten? Völlig klar ist: Premierministerin May hat verloren. Die eigene Mehrheit der Tories ist weg, May hat sich verzockt. Aber hat deshalb Labour gewonnen? Nein – denn Corbyn hat keine Chance, Premierminister zu werden. Selbst wenn man Labour, SNP, LibDem, Grüne und die walisische Kleinpartei addiert, kommt man nur auf 313 Sitze, also weniger als die Konservativen alleine haben. Corbyn hat aber einen guten Wahlkampf hingelegt und die Partei stabilisiert. Corbyn persönlich hat also gewonnen.

Die Konservativen hingegen sind nicht weit weg von der absoluten Mehrheit. Es kommt noch eine Besonderheit ins Spiel: Es ist anzunehmen, dass Sinn Féin seine Mandate wieder nicht annimmt (sie lehnen die Monarchie und den Schwur auf die Königin rigoros ab), dadurch würde das Unterhaus effektiv nur noch aus 643 Sitzen bestehen. Damit braucht man zur Mehrheit nun allerdings nur noch 322 Mandate. Und die hätten die Tories gemeinsam mit den Unionisten aus Nordirland sicher.

Die Dialektik dieses Wahlergebnisses: May hat verloren, Corbyn hat gewonnen, die Tories haben gewonnen, Labour hat verloren, die SNP hat verloren, die LibDems bleiben bedeutungslos, die schottische Unabhängigkeit ist vom Tisch.

Lag ich also falsch? Vielleicht. Wir werden es so schnell nicht erfahren. Denn mein Hauptpunkt war ja, dass Corbyn auf jeden Fall bleiben würde, völlig egal, wie das Ergebnis sein würde. Da das Ergebnis kein Desaster ist, hat Corbyn auch keinen Grund zu gehen. Er kann also seinen Weg fortsetzen, Labour umzuformen – und ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass Labour damit langfristig seine Mehrheitsfähigkeit komplett verliert.




Sozialdemokrat, anderen Argumenten und Ideen gegenüber zugänglich. Bekämpft ab und an den Liberalen in sich. Lebt und arbeitet in Mannheim. Hat Geschichte, Germanistik und Theologie studiert.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com