Sind nicht am Binnen-I schuld. RadfahrerInnen. Emu

Liebe Menschen und Menschinnen

Es regt sich die Konterrevolution gegen gegenderte Berufsbezeichnungen.

Plötzlich wollten die Finnen auf einer Konferenz keine deutsche Übersetzung mehr anbieten. Deutsche Kulturpolitiker waren geschockt, ist doch Deutschland das größte Land und Deutsch eine der  offiziellen Konferenzsprachen der EU. Die Finnen hatten freilich ihre Gründe.

Deutsche Reden waren um vieles länger als anderssprachige. Das fängt schon bei der Anrede an: „Liebe Konferenzteilnehmer, Abgeordnete und Anwesende“ reicht nicht, denn die Frauen könnten sich ausgeschlossen fühlen. Also müssen stets die „Lieben Teilnehmer und Teilnehmerinnen“, „Parlamentarier und Parlamentarierinnen“ her, nicht zu vergessen die „Gäste und Gästinnen“ und gegebenenfalls die „Buher und Buherinnen“. Einmal, und nur am Anfang, reicht aber nicht. Die gendergerechte Anrede muss alle paar Absätze wiederholt werden.

Sollte sich die Rede um Bildung drehen, müssen „Lehrerinnen und Lehrer“, „Schülerinnen und Schüler“,  „Professorinnen und Professoren“ in die Bütt. Oder die „Studierenden“, was die substantivierte Verlaufsform ist – nicht besonders hübsch, aber ein paar Silben weniger.

Falls der frühere Bundespräsident Wilhelm Lübke tatsächlich die Einwohner eines afrikanischen Landes mit „Liebe Neger“ begrüßt hat, hätte er sich aus politisch korrekter Sicht gleich zweimal versündigt. Er hat das „N“-Wort benutzt und die weiblichen Zuhörer, ausgegrenzt. Aber sie zumindest nicht mit „Liebe N-innen“ angesprochen.

Die Finnen (und -innen) fanden die Doppelungen ermüdend. Den Leser machen sie nervös. Das große Binnen-I und die Sternchen stören den Lesefluss. Doch regt sich schon die Konterrevolution.  Eine Zeitschrift, die sich SIMs Kultur nennt, hat in ihrer jüngsten Ausgabe das korrekte Ei des Kolumbus erfunden. Direkt unter dem Inhaltsverzeichnis, also dort, wo die Leser/ Leserinnen noch nicht in den Stoff eingestiegen sind, steht ein rot gedruckter Hinweis: „Aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit wird in unserem Magazin auf die geschlechtsneutrale Differenzierung,  zum Beispiel Künstler(innen), verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung  grundsätzlich für beide Geschlechter.“

So stirbt ein Baum weniger für das gedruckte Wort. So gewinnt der Leser knappe Lebenszeit. Und allen, allen wird wieder bewusst, dass stets beide Geschlechter gemeint sind, von den Transgendern ganz zu schweigen. Die Sache ist so einfach wie das Ei, das Kolumbus zur aufrechten Haltung verhalf, indem er die Spitze leicht einschlug. Unter dem Inhaltsverzeichnis wird rot angemerkt, dass die praktische Kurzform alle umschlingt. Und selbstverständlich niemanden ausgrenzt.


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Promovierte 1976 über die englische Open University an der Universität Hamburg. Anschließend Postdoc-Forschung in den USA über verschiedene Aspekte amerikanischer Hochschulen. Gutachtertätigkeit im Bereich der vergleichenden Hochschulforschung. Journalistische Mitarbeit bei Die ZEIT, Süddeutschen Zeitung, Die Welt, FAZ, Tagesspiegel überwiegend im Bereich Bildung und Gesellschaft. Von 1998-2010 Jurymitglied beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung. Mitglied im Kuratorium der START Stiftung, Mitglied im Beirat des ELES Studienwerks. Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher, u.a. „Sie flohen vor dem Hakenkreuz“ (Hrsg), Rowohlt, Das Beste von Allem, Rowohlt, Mütterkriege, Herder, Eine Kindheit in Vormaurischer Zeit, Berlin Verlag. Verheiratet, zwei Töchter.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com