Luftige Reise ins Grüne Michael Miersch

Liebe SPD…

Anbiederei an grüne Antifortschrittspolitik führt die Sozialdemokraten immer tiefer in de Bedeutungslosigkeit.

Liebe SPD, du glaubst dein Problem sei‚ dass die “Die Linke“ und die jetzt auch noch die AfD dir die Stimmen der ärmeren und nicht-akademischen Wählerschichten wegnehmen. Irrtum, liebe SPD: Du selbst hast deine Wähler verlassen. Verantwortungsbewusste Politiker müssen manchmal die eigenen Anhänger enttäuschen, verteidigst du dich im Hinblick auf die Hartz-IV-Reformen, weswegen manche Genossen zur „Linken“ abgewandert sind. Aber das meine ich gar nicht.

Dein Problem sind nicht so sehr die linken und rechten Falschspieler mit ihren Ressentiments und scheinbar einfachen Patentrezepten. Dein Problem sind 30 Jahre selbstzerstörerische Anbiederei an grüne Antifortschrittspolitik. Hast du immer noch nicht gemerkt, dass dies der sichere Weg in die Bedeutungslosigkeit ist?

Umverteilung von den Normalverdienern zugunsten reicher Wind- und Solar- und Biogas-Abzocker, irrationaler Anti-Atom-Rigorismus, Gentechnikverbot, Fracking-Verhinderung und 2016 der – glücklicherweise misslungene – Versuch von SPD-Ministern Glyphosat verbieten zu lassen, das am besten untersuchten und erprobten Pflanzenschutzmittel. So wird das nichts, liebe SPD. Für Chemophobie und irrationale Verbote gibt es schon die Grünen. Wer das will, wählt das Original nicht die Kopie.

Du warst einmal die Partei des Fortschritts, des Zukunftsoptimismus, die Partei der Arbeit. Und jetzt? Eine Partei für grün-elitäre Beamte, die Industrie nicht als Basis des Wohlstands betrachten, sondern als unästhetisch empfinden.

„Es kann nicht sein“, sagte schon vor vielen Jahren der ehemalige Vorsitzende der SPD-Hessen-Nord, Udo Schlitzberger, „dass die letzte technische Erfindung, die die SPD insgesamt begrüßt hat, die Erfindung des Farbfernsehers war.“ Leider hast du, liebe SPD, nicht auf seinen Rat gehört.

Der Zeitgeist, aus dem du erwachsen bist, war ziemlich genau das Gegenteil des heutigen. Die aufstrebende Arbeiterklasse war stolz auf den technischen Fortschritt, betrachtete ihn als ihr ureigenes Werk und als Voraussetzung eines künftigen Wohlstands für alle. Anders als in Frankreich und England spielten Maschinenstürmerei und romantischer Utopismus keine große Rolle in der deutschen Arbeiterbewegung. Sie wurde von Facharbeitern und Handwerkern wie Augst Bebel geführt, die einen gerechten Anteil der Proletarier an am Wachstum verlangten.

Kraft dieses Fortschrittsoptimismus wurdest du dann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Partei der Moderne. Deine Anhänger nannten sich „progressiv“. Das war sowohl in gesellschaftlicher als auch in technischer Hinsicht gemeint. Raumfahrt, Atomkraft, Bildungsrevolution, Befreiung vom Muff kirchlicher Sittenwächter, mehr Demokratie: All dies gehörte zum optimistischen Zeitgeist, der Willy Brandt ins Kanzleramt beförderte.

Eineinhalb Jahrzehnte später rückte die damals so genannte Enkel-Generation an die Spitze der Partei. Sie war tief verunsichert durch den Aufstieg der Grünen. Zukunftspessimismus hatte die Gesellschaft erfasst. „Fortschritt“ war zum schmutzigen Wort geworden.

Was war geschehen? Die SPD-Bildungsreformen der 60er- und 70er-Jahren hatten zum sozialen Aufstieg der Arbeiterkinder geführt. Alte Privilegien fielen. Begabte Töchter und Söhne bekamen Zugang zu Gymnasien und Universitäten. Gleichzeitig wurde der öffentliche Dienst massiv ausgebaut, damit entstanden zusätzliche Karrieremöglichkeiten. Automatisierung und Computerisierung führten dazu, dass die Zahl der klassischen Industriearbeitsplätze sank. Der Klassenkampf war so gut wie gewonnen, Facharbeiter hatten Reihenhäuser, Autos, Urlaubsreisen, die Gewerkschaften Tarifkartell und Mitbestimmung.

Schon bald interessierten sich die frisch Aufgestiegenen kaum noch für soziale Fragen. Wer es nach oben geschafft hat, neigt oftmals zu einer konservativeren Weltsicht. Als der Nachkriegsboom endete, begann eine kulturelle Desillusionierung, die die Ideale von Fortschritt und Wachstum in Frage stellte. Grünes Denken lieferte die passenden Muster dazu. Nicht mehr die Umwälzung der Verhältnisse hieß das Ziel, sondern das Bewahren dessen, was man erreicht hatte.

Die studentische Jugend, die kurz zuvor noch mit revolutionärer Geste in die Zukunft geblickt hatte, lauschte nun Mahnern und Warnern, die den drohenden Weltuntergang beschworen und als Utopie kein besseres Leben, sondern bestenfalls das Überleben versprachen. Die Revolution war abgesagt. Man sorgte sich nun um Bäume, Tiere und das Klima.

Die Bildungsaufsteiger eroberten in den Neunzigerjahren die Chefetagen in Behörden, Schulen, Verlagen, Kirchen, Rundfunkanstalten, Theatern, in der Filmbranche und anderen kulturellen Institutionen. Grüne Weltanschauung wurde zum Ausweis der Dazugehörigkeit, zum Distinktionsausweis mit dem man sich vom schnöden Materialismus ärmerer Schichten abhebt.

Die Intellektuellen des 20. Jahrhunderts idealisierten einst den „Proletarier“ als Edelmenschen und Bannerträger der Zukunft. Heute bestaunen die Bio-Eliten verfettete „Prolls“ in den Freakshows der Privatsender und sorgen dafür, dass ihr Nachwuchs nicht mit deren Kindern in Berührung kommt. Gesundheitsbewusstsein, Schlankheit, Biokost und sündhaft teure Fahrräder zeigen auch äußerlich, wer wohin gehört.

Beim Lamento über die Unkultur der „bildungsfernen Schichten“ feiert man die eigene Überlegenheit und zeigt mit ausgestrecktem Finger auf die da unten. Dabei sind es gerade die arrivierten Kreise, die regelmäßig den größten Unsinn nachbeten und sich von jeder medialen Hysterie in wohlige Angstschauer versetzen lassen. Um kalte Winter als Zeichen globaler Erwärmung zu deuten, muss man dialektisch geschult sein. Erst dann leuchtet einem auch ein, warum hohe Benzinpreise gut und billige Lebensmittel schlecht sein sollen.

Die Tonangebenden in der SPD orientieren sich am grünen Elitismus und haben arbeitenden Menschen, die weniger privilegiert sind, nichts mehr zu bieten. Sie sehen nicht, dass längst eine riesige Lücke im Parteienspektrum klafft. Schwarz und Grün haben zusammengefunden und bilden eine Koalition der Ängstlichen und Behäbigen, die zwar dem konservativen Lebensgefühl einer überalterten Gesellschaft entspricht, aber perspektivlos ist. Lediglich in der FDP existiert ein bisschen Fortschrittsoptimismus.

Liebe SPD, du müsstest nur zugreifen. Begreife dich einfach wieder als Partei der Arbeit. Das neoprotestantische Bionade-Bürgertum will dir zwar die Richtung weisen, aber es wählt dich nicht. Höre mal wieder zu, was die so genannte technische Intelligenz zu sagen hat, die Ingenieure, Facharbeiter, Naturwissenschaftler, Techniker. Sie haben sich frustriert von dir zurückgezogen. Sie zappen weg, wenn Talkshows im Fernsehen laufen, und schauen nur noch selten in die Zeitungen, weil sie dort nichts weiter zu erwartet haben als eine technophobe Hysterie nach der nächsten. Sie fühlen sich fremd im eigenen Land, obwohl sie den Wohlstand dieses Landes zu einem Großteil erwirtschaften. Das waren einmal deine Leute, liebe SPD. Ihnen mal zuzuhören könnte dir gut tun.


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Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.


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