Die Frist Lady am Tag der Amtseinführung U.S. Air Force

Die Anklage lautet: Karriere durch Heirat

Würde für Melania Trump die Unschuldsvermutung gelten, könnte man sie dafür feiern, dass sie sich nicht in den Vordergrund spielt und sogar von ihrem Mann emanzipiert. Stattdessen wirft man ihr vor, keine Führungen im Weißen Haus zu machen.

Was hat Melania Trump verbrochen, um den Hohn der Medien zu verdienen? Sie ist groß und hübsch, mit langen Haaren und noch längeren Beinen – schon mal verdächtig. Sonst wissen wir nicht viel  über die Präsidentengattin. Sie wurde vor 46 Jahren in einem  Provinzstädtchen in der Nähe von Ljubljana geboren. Ihr Vater war Chauffeur, dann Autohändler. Mit siebzehn wurde Melanija Knavs von der Kamera entdeckt. Bald arbeitete sie in Mailand und Paris als Model unter dem Namen Melania Knauss, was deutsch klang und sich besser vermarkten ließ.

The Donald war ihr damals noch kein Begriff. Den traf das Model 1996 auf einer Party während der New Yorker Fashion Week. Die Legende besagt, sie hätte ihm ihre Telefonfonnummer verweigert. Trump blieb hartnäckig und steckte ihr seine zu. Sie rief ihn ein paar Tage später an. Getraut wurde sie 2005 in einem 100 000 Dollar Kleid. Unter den Gästen: Bill und Hillary Clinton.

Eigentlich müssten gerade die deutschen Medien die Frau mit dem slawischen Akzent als erste First Lady mit „Migrationshintergrund“ feiern. Stattdessen werfen sie ihr  den „immer noch starken Akzent“ vor. Henry Kissinger kam als Bub  nach Amerika. Seinen fränkischen Akzent findet man irgendwie cool.  Dagegen verkörpere die  gebürtige Slowenin   den „amerikanischen Weiblichkeitsalbtraum“, stöhnte eine Feuilletonistin. Als „zurechtgeschnippelte“, etwas dümmliche Barbie  liefe  sie durch die Gazetten – hübsch wie der Schönheitschirurg sie erschuf.

Cheerleader hätte sie werden sollen!

Michelle Obama sieht auch gut aus und ihre Kleider kommen ebenfalls nicht von der Stange. Aber die Juristin wird als Idol verklärt, obwohl sie ebenfalls glänzt, weil sie im Licht ihres Gatten Barack steht. Einen Teil aus einer Rede von ihr habe das Dummerchen geklaut. Wer Washington kennt, weiß, dass Gattinnen schon im Wahlkampf scharf gemanagt werden. Was zu Papier gebracht wird, bestimmen die PR-Profis. Dass einer ihr die Michelle-Passagen  untergeschoben hat, war nicht Melanias Schuld. Aber jetzt stand sie nicht nur als doof sondern auch als dreist da. Cheerleader hätte sie werden sollen!

Normalerweise gilt gegenüber Unbekannten  die Unschuldsvermutung. So wie im Falle Carla Bruni, der weiland Neuen des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Die war auch ein Model, dann brachte sie es zur Sängerin. „Zurechtgeschnippelt“ war sie auch. Doch war sie eine „von uns“, sie stammte aus begüterten Verhältnissen. Die Medien schwärmten von ihren flachen Schuhen, die sie ihrem kurzen Mann zuliebe trug. Das Dior-Mäntelchen und Pillbox-Hütchen, die sie in Amerika als Hommage an Jackie Kennedy trug – große Klasse!

Carla Bruni (2 v.l.), ihr Gatte Nicolas Sarkozy (3 v.l.) und das Ehepaar Medvedev (2011) Kremlin.ru

Klasse kann doch Melania T. nicht haben, nicht eine Frau, die im Plattenbau groß geworden war, wie die Bild-Zeitung ihren Leserinnen klar machte. Die wenigsten Bild-Leserinnen sind freilich in den Villen von  München-Grünwald oder Hamburg-Blankenese aufgewachsen.

Woher die Häme gegen ein so unbeschriebenes Blatt? Selbst im Netz findet man nicht viel über Melania T.  Nacktfotos? Die gab es auch von Carla Bruni und vielen anderen Models, die den Aufstieg geschafft haben.  Die Bilder wurden von der New York Post genüsslich  unters Volk gebracht. Sie hat auch ein wenig geschwindelt über ein Architekturstudium, obwohl sie es nach ein paar Semestern abgebrochen hatte. Wohlmeinende nennen das „kreative“ Verkaufe. Jedenfalls hat diese  zugewanderte Balkanesin keine Chauffeure geohrfeigt. Sie mischt sich nicht ein, sie drängelt sich nicht vor und will eine traditionelle First Lady sein. Wie etwa Jackie Kennedy, deren Motto: „Ich bin zuerst Ehefrau und Mutter, dann erst First Lady“, ihr zu gefallen scheint.

Was hat sie also verbrochen? Sie ist hübsch und hat sich einen reichen Mann geangelt. An Macht und Ruhm scheint sie wenig interessiert zu sein. Sie ist keine Imelda Marcos, auch wenn ihr Schuhschrank ähnlich gut bestückt sein wird.  Karriere durch Heirat, lautet also die Anklage. Die haben Farah Diba (eine Architektur-Studentin) und Grace Kelly auch gemacht. Dito Diana Spencer, die den britischen Kronprinzen geehelicht hat. Dito die Olympia-Hostess Sylvia Sommerlath, die es zur schwedischen Königin brachte.

Sie hat nur eine Chance

Dann darf man ihr vielleicht The Donald per Sippenhaft vorwerfen? Laura, die Frau des in Europa verhassten George W. Bush, wurde acht Jahre lang peinlichst geschont. Oder die teuren Klamotten? Die hatte Jackie O. auch. Zuviel Gold und Marmor daheim? Das ist ein Geschmacks-, keine Charakterproblem. Selbst ihr eleganter, himmelblauer Ralph-Lauren-Outfit zur Inauguration passte den Kritikern nicht. Mit der Haute Couture hätte sie bloß Jackie kopiert.

Melania  hat eigentlich nur noch eine Chance: den Mann zu verlassen, der der Welt den Schlaf raubt. „Melania, if you need help, blink twice”, klimper zweimal mit den Augen, stand auf einem Plakat des Frauenmarsches auf der Washington Mall. „Free Melania“ ist mittlerweile ein Hashtag bei Twitter.

Laura Bush wurde stets geschont. U.S. Navy

Der neueste Anklagepunkt ist ihre Weigerung, nach Washington überzusiedeln. Sie will den Sohn nicht aus dem Schuljahr reißen, was man bei anderen Müttern als Ausweis von Vernunft und Fürsorglichkeit loben würde. Dabei könnte Melania auf das große Vorbild Bess Truman  verweisen, die meist lieber in Missouri blieb, statt ihrem Mann Harry 1945 dauerhaft  ins Weiße Haus zu folgen. Deren Verzicht hat die Nation ohne Spott und Häme hingenommen. Brauchte Truman Begleitung beim Staatsbankett, half  bisweilen seine Tochter Margret aus. Mr. und Mrs. Truman haben sich täglich Briefe geschrieben. Heute ginge es schneller – per Whatsapp. Eigentlich müsste man Mrs. T. ob ihrer Weisheit preisen. Wieso soll sie eigentlich einem  unbezahlten Job im Ostflügel des Weißen Hauses mit einem Stab von 30 Leuten entgegenfiebern?

Wer kümmert sich nur um das Ostereiersuchen?

In der Hauptstadt sorgt man sich, dass Mrs. Trump noch keine Führungen im Weißen Haus übernommen habe, noch auf den Ansturm für das große traditionelle Ostereiersuchen vorbereitet wäre. Hätte man von Bill Clinton als First Husband erwartet, sich um den Tischschmuck zu kümmern? Warum soll eine Frau, die sich stets als Vollzeitmutter definiert hat,  den Job als Erste Gattin annehmen? Warum verübelt man ihr den Rückzug ins Private? Zumal bei dem berserkerhaften Arbeitstempo ihres Mannes,  der nächtens lieber twittert. Ob er einsam sei, wurde der Präsident gefragt. „Nein, ich arbeite einfach länger.“

Mit dem Kind in New York zu bleiben, könnte man auch als Akt der Emanzipation loben. Oder: Eigentlich ist es doch mutig, die gängigen Vorstellungen von einer First Lady zu durchbrechen. In Wahrheit muss man einer Präsidialgattin, die kein Politjunkie ist von Washington nur abraten – vom Leben im Stahlkorsett staatlicher und medialer Kontrolle. Es gilt immer noch Harry Trumans Spruch: Wenn du einen Freund in Washington brauchst, besorg dir einen Hund.

Überdies hat die First Lady eine ehrgeizige Stieftochter, die ihren Job an Daddys Seite liebend gern übernehmen würde. Melania in Manhattan ist das geringste Problem des Donald Trump. Der produziert „Unterhaltung“ im Stundentakt. Die Medien haben damit genug zu tun. Der aufgeschobene Umzug der First Lady nach Washington ist da glatt vernachlässigbar.




Promovierte 1976 über die englische Open University an der Universität Hamburg. Anschließend Postdoc-Forschung in den USA über verschiedene Aspekte amerikanischer Hochschulen. Gutachtertätigkeit im Bereich der vergleichenden Hochschulforschung. Journalistische Mitarbeit bei Die ZEIT, Süddeutschen Zeitung, Die Welt, FAZ, Tagesspiegel überwiegend im Bereich Bildung und Gesellschaft. Von 1998-2010 Jurymitglied beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung. Mitglied im Kuratorium der START Stiftung, Mitglied im Beirat des ELES Studienwerks. Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher, u.a. „Sie flohen vor dem Hakenkreuz“ (Hrsg), Rowohlt, Das Beste von Allem, Rowohlt, Mütterkriege, Herder, Eine Kindheit in Vormaurischer Zeit, Berlin Verlag. Verheiratet, zwei Töchter.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com