Das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld. Foto: Avda/Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Mythenjagd (2a): Kernenergie ist gefährlich

Zugegeben, der Titel ist provokant. Korrekter wäre wohl gewesen, „gefährlicher“ zu schreiben, denn sinnvoll ist die Aussage nur als Vergleich. Die Nutzung der Kernspaltung zur Stromerzeugung ist selbstverständlich gefährlich. Allerdings gilt das für jede Technologie, mit der Menschen Strom erzeugen – und darum soll es hier gehen.

Die Kernenergie hat in vielen Ländern, vor allem aber in Deutschland, einen Ruf wie sonst wohl nur Massenvernichtungswaffen. In den 1970er und 80er Jahren entstand das Bild einer apokalyptischen Wahnsinnstechnologie, das mit Gudrun Pausewangs Angstmacherbuch „Die Wolke“ Einzug in den Kanon der Schullektüre fand und so eine ganze Generation emotional prägen konnte. Einen Bezug zu technischen und wissenschaftlichen Fakten brauchte dieses Bild nicht, und so hält sich „Die Wolke“ auch nicht mit Erklärungen auf, wie es zu dem in der Geschichte beschriebenen schrecklichen Unfall im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld und seinen katastrophalen Auswirkungen kommen kann. Derartige Faktenfreiheit erklärt auch die weit verbreitete Vorstellung, dass der Unterschied zwischen einem Kernreaktor und einer Atombombe bestenfalls marginal ist (dazu mehr im nächsten Artikel dieser Reihe).

Die Auswirkungen dieses Bildes wurden im März 2011 besonders deutlich: Während britische, französische und amerikanische Medien vor allem über die Opfer des verheerenden Tōhoku-Erdbebens vor der japanischen Küste und die dadurch ausgelöste Flutwelle berichteten, konzentrierten deutsche Medien sich sehr schnell auf die Reaktorkatastrophe von Fukushima. So konnten später Claudia Roth und auch die Tagesschau die mindestens 16.000 Opfer der Naturkatastrophe kurzerhand der Kernenergie zuschreiben, obwohl diese zweitschwerste Nuklearkatastrophe der Geschichte tatsächlich bisher zu keinem einzigen Strahlentoten führte.

Angesichts der relativ geringen Strahlendosen, denen die Bewohner der betroffenen Regionen (und selbst die meisten Arbeiter des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi) ausgesetzt waren, liegen seriöse Schätzungen zwischen Null und einigen Hundert zukünftigen vorzeitigen Todesfällen als Folge der Strahlung.

 

Berechnungen der Strahlenfolgen gehen vom Schlimmsten aus

Dabei muss erwähnt werden, dass solche Berechnungen der Auswirkungen niedriger Strahlendosen auf dem im Strahlenschutz verwendeten sogenannten Linear no-threshold model (LNT) basieren. Die Wirkung hoher Strahlendosen ist wissenschaftlich gut untersucht. Aus Lebensspanne-Studien mit Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki weiß man, dass bei Belastungen im Sievert-Bereich das Risiko, an Krebs zu sterben, mit steigender Dosis linear zunimmt – pro Sievert um etwa fünf Prozent. Bei niedrigen Dosen lässt sich ein solcher Effekt statistisch nicht mehr nachweisen. Das LNT-Modell geht zum Zweck des Strahlenschutzes davon aus, dass das Risiko auch bei geringen Strahlendosen linear verläuft und dass jede zusätzliche Dosis schädlich ist. Kritiker des Modells wenden ein, dass die natürliche Strahlung auf der Erde je nach Bodenbeschaffenheit und Höhe stark variiert, solche Standort-Unterschiede sich aber nicht in den regionalen Krebsstatistiken widerspiegeln. Im uranreichen Schwarzwald erkranken die Einwohner also nicht häufiger an Krebs als im norddeutschen Flachland. In Deutschland ist man im Durchschnitt einer Dosis von 2,1 Millisievert aus natürlichen Quellen ausgeliefert. Im iranischen Ramsar ist die Dosis mindestens dreimal so hoch. Und am Strand der Stadt Guarapari in Brasilien führt der natürliche Thorium-Gehalt im Sand zu Messwerten von bis zu 40 Mikrosievert pro Stunde (im Jahr wären das 350 Millisievert). Guarapari trägt übrigens den Beinamen cidade saude, Stadt der Gesundheit.

Dennoch gibt es im LNT-Modell keinen Schwellenwert, unter dem zusätzliche Dosen ionisierender Strahlung als ungefährlich betrachtet werden. Dies ist eine Annahme, die weder wissenschaftlich be- noch widerlegt ist. Berechnungen der Auswirkungen der Reaktorkatastrophen von Fukushima und Tschernobyl enthalten in ihrem Rechenmodell also bereits den „Worst Case“-Ansatz des Strahlenschutzes.

Das führt zurück zur eigentlichen Frage nach dem Risiko. Der Großteil des Stroms weltweit wird durch das Verfeuern fossiler Brennstoffe erzeugt. Kohle allein deckt mehr als 40 Prozent des globalen Stromverbrauchs. Solarenergie schafft es demgegenüber auf nicht einmal ein Prozent, während Kernenergie rund elf Prozent liefert.

Um die Risiken der verschiedenen Formen der Stromerzeugung vergleichen zu können, braucht es einen Wert für die Menge des erzeugten Stroms im Verhältnis zur Zahl der Todesfälle, die mit der Nutzung einer Energiequelle einhergehen, sprich: die Anzahl der Toten pro erzeugter Terawattstunde (Billion Watt mal Stunde). Bei diesem Vergleich schneidet die Kernenergie nicht nur gut ab, sie ist mit 0,04 Toten pro Terawattstunde sogar die sicherste Form der Stromerzeugung.

Tote pro Terawattstunde nach Art der Stromerzeugung.

 

Die Spitzenposition der Kohle ist leicht zu erklären. Der Kohlebergbau ist ausgesprochen gefährlich, was tödliche Grubenunglücke insbesondere in China immer wieder tragisch belegen. Demgegenüber muss Uran heutzutage nicht mehr von Bergarbeitern aus dem Fels gekratzt werden, die Förderung läuft größtenteils automatisiert. Angesichts der lediglich etwa 60.000 Tonnen Uran, die jährlich für die Kernreaktoren benötigt werden, spielen die Gefahren der Rohstoffgewinnung bei der Kernenergie kaum eine Rolle.

Darüber hinaus blasen Kohlekraftwerke massenhaft gesundheitsschädliche Abgase und Partikel durch ihre Schornsteine. Die WHO schätzt, dass jährlich drei Millionen Menschen an den Folgen extern erzeugter Luftverschmutzung sterben. Etwa ein Drittel davon kann der Stromerzeugung durch Kohle zugeschrieben werden. Auch das betrifft China mit seinem hohen Anteil an Kohlestrom besonders schwer (die Todeszahlen liegen weit über dem globalen Durchschnitt). In den USA hingegen zwingt die strenge Umweltgesetzgebung zum Einbau spezieller Filter in Kohlekraftwerken. In der Folge ist die Zahl der Toten durch Luftverschmutzung in den USA deutlich gesunken.

Beim Öl ist es ähnlich wie bei der Kohle. Auch hier ist die Förderung nicht ungefährlich für die Arbeiter, und die Umweltbelastung durch Verbrennungsprodukte ist ähnlich.

 

Sind Dammbrüche weniger schlimm als Reaktorkatastrophen?

Überraschen mag zunächst der relativ hohe Wert bei der Wasserkraft. Immerhin erzeugen Wasserkraftwerke keine gesundheitsschädlichen Emissionen, und sie sind auch keine besonders gefährlichen Arbeitsplätze. Andererseits können Unfälle hier verheerend sein: 1975 löste der Taifun Nina einen katastrophalen Bruch des Banqiao-Staudamms am Fluss Ru aus. An den Folgen der anschließenden Überschwemmung starben etwa 161.000 Menschen. Angesichts der relativ geringen durch Wasserkraft erzeugten Strommenge fällt dieses Unglück schwer ins Gewicht.

Mit einigem Recht ließe sich ein Extremereignis wie der Jahrtausendtaifun Nina verbunden mit ebenfalls extremem menschlichen Versagen beim Bau des Staudamms als statistischer Ausreißer abtun. Allerdings gilt das genauso für die Kernenergie. Das Erdbeben von 2011 vor der japanischen Küste war ein ebensolches Extremereignis, die Schaltanlage für die Notfall-Dieselgeneratoren in Fukushima-Daiichi befanden sich in einem Gebäude, das nicht vor Überflutung geschützt war – ein schwerer (und mittlerweile einzigartiger) Konstruktionsfehler. Die Katastrophe von Tschernobyl war die Folge einer Reihe schwerer Fehler in einem mangelhaft konstruierten Kraftwerk, die sich in dieser Form aufgrund neuer Sicherheitskonzepte nicht mehr wiederholen kann. In Fukushima starb bisher niemand an den Folgen der Katastrophe, in Tschernobyl gab es 50 Opfer. Langfristig könnten etwa 4.000 Menschen vorzeitig an den Folgen der Strahlung sterben. Das zumindest schätzt die WHO.

Rechnet man das Banqiao-Unglück aus der Statistik heraus und beschränkt sich zum Beispiel auf die europäische Wasserkraft, sinkt die Zahl der Toten pro Terawattstunde. Dennoch bleibt sie über dem der Kernenergie. Denn auch in Europa gab es schwere Unfälle mit Todesopfern bei der Nutzung von Wasserkraft zur Stromerzeugung, wie etwa den Bruch der Staumauern Alla Sella Zerbino und die Überschwemmung der Vajont-Staumauer in Italien oder den Bruch von Vega de Tera in Spanien.

Und was ist mit Wind und Sonne? Hier ist die Gefahrenursache recht banal: Arbeiten in großer Höhe. In der Baubranche sind Stürze Todesursache Nr. 1. In den USA sterben jährlich etwa 360 Bauarbeiter an den Folgen von Stürzen, der Großteil davon bei Stürzen aus relativ geringer Höhe, etwa von Hausdächern. Solche Unfälle gibt es selbstverständlich auch beim Bau von Kraftwerken, doch fallen die wegen der deutlich höheren Strommengen pro Kraftwerk statistisch nicht so stark ins Gewicht wie bei Solarzellen oder Windrädern. Bei der Windkraft spielt darüber hinaus noch der enorme Stahl- und Betonverbrauch eine Rolle. Auch die Stahlproduktion ist (je nach Produktionsort) mit einem Risiko verbunden.

Dennoch sind im Vergleich zu Kohle und Öl die gesundheitlichen Risiken von Wasser, Sonne und Wind zu vernachlässigen. Diese Technologien haben – ähnlich wie die Kernenergie – andere Probleme, auf die an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden soll.

Der Vergleich zeigt aber eines ganz deutlich: Die deutsche Energiewende mit ihrem überhasteten Atomausstieg verfehlt nicht nur das Ziel, die Emission von Treibhausgasen zu senken. Weil der Ausfall von „Atomstrom“ durch mehr Kohle kompensiert werden musste, hat die Energiewende die Stromerzeugung in Deutschland sogar gefährlicher gemacht. Überspitzt gesagt: Der Atomausstieg kostet Menschenleben.

 

Bio bedeutet ungespritzt. Kernreaktoren können explodieren. Kuba hat ein vorbildliches Gesundheitssystem. In unregelmäßigen Abständen begibt sich Johannes Kaufmann hier auf Mythenjagd. Themenvorschläge werden gern entgegengenommen.




Johannes Kaufmann hat schon vieles gemacht. Zum Beispiel Chemie studiert, eine Karriere als Profifußballer angestrebt und eine Doktorarbeit über israelische Militärgeschichte geschrieben. Außerdem hat er vieles nicht zu Ende gemacht. Zum Beispiel sein Chemiestudium, die Karriere als Profifußballer oder seine Doktorarbeit. Mit Umwegen über Uni, Israel, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt etc. ist er mittlerweile als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung gelandet, wo er besonders gern über Agrarforschung, Lebensmittelsicherheit, Infektionsforschung, Gentechnik und Kometenlanderoboter schreibt.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com