Tausend und eine Nacht? Mit manchem Abendlandretter geht da schon die Phantasie durch. Foto: geralt (pixabay) CC0 1.0

No Fun in Unterwerfistan

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Warum Abendländler sich ihren Sexualneid auf Muslime sparen können.

Wenn deutsche Journalisten schreiben, der Islam habe Deutschland längst „penetriert“, berührt mich das peinlich. Warum dieser sexuell konnotierte Begriff, wenn es um so wenig private Dinge wie den geistigen Zustand der Bundesrepublik geht? Außer der Lust am kernigen Vokabular gibt es da noch etwas anderes, das die erregten Autoren treibt: Es ist der blanke Macho-Neid auf eine Welt, die man zu bekämpfen vorgibt.

Niemand hat uns diesen Zusammenhang umstandsloser vor Augen geführt, als der mit viel Feuilleton-Lorbeer bedachte Michel Houellebecq. Mag die Hauptfigur Francois in seinem Roman „Unterwerfung“ auch ein Würstchen sein, mit dem sich kein halbwegs lebenstüchtiger männlicher Leser identifiziert. Durchaus reizvoll dagegen ist das Männerparadies, an dessen Pforte Francois zu stehen meint, weil der Islam nicht nur Frankreich, sondern auch das limbische System seines Protagonisten penetriert.

Francois: Einzelgänger, Hautausschlag-Patient und Feierabend-Alkoholiker, kann der Pascharolle, die ihm die neue französische Staatsreligion zuweist, nicht widerstehen. Er konvertiert aus Karrieregründen, aber auch in Hoffnung auf erotisch bessere Zeiten. Bemerkenswert, dass sich kaum ein Rezensent für das voyeuristische Vergnügen Houellebecqs an diesem salto sexuale interessiert hat. Die Erklärung liegt auf der Hand und hat mit dem Markenkern des Autors zu tun: Kein Zweiter schreibt verächtlicher über Frauen. Über den Zahn der Zeit und über Bindegewebsschwächen, über schlaffe Männer und deren Gier nach jungem Fleisch. Männerphantasien, deren Niedertracht schneidet wie ein Schlachtermesser, sind sein Terrain.

Man soll einen Autor nicht mit seinem Gegenstand gleichsetzen und den Überbringer einer schlechten Nachricht nicht als deren Verursacher haftbar machen. Doch bei Houellebecq liegen die Dinge ein bisschen anders. Denn ja, das ist der Intellektuelle, der uns gerade in einem großen Zeitungsinterview davor warnte, die Prostitution zu verbieten, weil die Prostitution ein Stützpfeiler der Ehe sei. Und ja, das ist der Mann, der das Verschwinden des Religiösen als Hauptübel der westlichen Welt brandmarkt. Wie also lautet die Therapie gegen dieses säkulare Übel, die Therapie, die wir in „Unterwerfung“ besichtigen dürfen?

Im Roman nimmt der Islam dem Biotop der Pariser Intellektuellen zwar die geistige Freiheit, heilt sie auch aber auf wundersame Weise von ihren postmodernen Leiden. Die Menschen unterwerfen sich Gott, die Frau unterwirft sich dem Mann. So werden alle glücklich. Alle Männer. Auch die Hässlichen und die Armen gehen jetzt nicht mehr leer aus, weil sie per ordre de mufti eine Gefährtin erhalten. Bis zu vier Ehefrauen sind möglich, es gilt die Scharia. Wie wäre es beispielsweise mit einer mollig-mütterlichen Erstfrau, die ihre großen Brüste bevorzugt beim Servieren köstlicher Speisen zur Geltung bringt? Für das andere große Feld der Ehe steht eine 15-jährige (sic!) Zweitfrau parat, die ihren süßen Po ins Schlafzimmer trägt und Francois vom Himmelreich träumen lässt.

So weit, so märchenhaft. „Werdet wach Jungs“, möchte man da rufen. Glaubt tatsächlich irgendein Mann jenseits der Bartwuchsgrenze, dass eine Ehefrau mitunter nervt, vier Ehefrauen aber die reine Glückseligkeit verheißen? Und wie genau muss so ein Hure-Heilige-Wunder eigentlich beschaffen sein, damit es treu und anspruchslos dient, seinem Herrn und Gebieter aber mit erotischer Raffinesse und immerwährender Beischlaf-Bereitschaft verwöhnt?

„Man wird ja wohl ein bisschen träumen dürfen“, höre ich die Klemm-Machos rufen. Aber ja! Auch andere Autoren, die uns pausenlos vor der Islamisierung des Abendlandes warnen, träumen schließlich von der guten patriarchalen Zeit. Aber „christlich-jüdisch“ soll sie bitte sein. Solchen, die ihre Liebe zum Papsttum in der Post-Midlife-Crisis entdeckt haben, nimmt man ein Faible für Männergesellschaften nicht krumm. Auch alternden Intellektuellen, die das Ende ihres erotisch aktiven Lebens absehen und von ihrer privaten Krise auf eine „Krise der liberalen Gesellschaft“ schließen, sei verziehen. Vielleicht wollen sie, wie der Schriftsteller Marko Martin vermutet, im „Herbst des Lebens beim Volk andocken“, um sich ein bisschen zu wärmen.

Worum aber geht es genau beim Männerparadies, betrachtet durch die Brille des Okzidents? Zunächst einmal um Trugbilder, denen schon unsere Urgroßväter aufgesessen sind und die der Kulturwissenschaftler Edward Said als Orientalismus bezeichnet hat. Der Orient, das sind Brutalität und Kriegslust, Opiumrauch und Sinnlichkeit. Der Harem erscheint als unwirklich-lasziver Ort, an dem die Zeit stillsteht und sich alles nach dem männlichen Zentralgestirn ausrichtet. Said hat nachgewiesen, wie sehr diese -wissenschaftlich verbrämte- Sicht des Westens auf den Orient bereits im 19. Jahrhundert von Projektionen und Spiegelungen bestimmt war. Denn was die Kolonialherren im Fremden sahen, hatte im Zweifelsfall mehr mit den Kolonialherren als mit dem Fremden zu tun.

Vollkommen absurd werden diese Phantasien, wenn man sie mit dem sexuellen Status Quo in islamischen Ländern vergleicht. Natürlich ist das Sexualverhalten eines Menschen individuell. Es ist aber immer auch kulturell geprägt und von Geboten und Zwängen geformt. Die Berliner Anwältin und Schriftstellerin Seyran Ates lässt in ihrem Buch „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ wenig Spielraum für laszive Träumereien. Ates hat über viele Jahre in Deutschland lebende Türkinnen gegen ihre gewalttätigen Väter und Männer verteidigt. Sie nennt den Jungfräulichkeitskult islamisch geprägter Gesellschaften neurotisch und stellt fest: „Die islamische Welt ist, was ihr Verhältnis zur Sexualität angeht, stehengeblieben. Sie lebt da noch irgendwo in den 50er Jahren.“

„Gelobt seien die 50er Jahre“, wird der Abendlandretter jetzt rufen. „Da gebar die Frau noch mindestens drei Kinder und wusste auch sonst, wo ihr Platz ist.“ Dumm nur, dass man ein halbes Jahrhundert nach „all you need is love“ und Antibabypille vergessen hat, wie ungünstig sich rigide Sexualnormen auf die Qualität des Sexuallebens von Männern und Frauen auswirken. Je enger das Normenkorsett, desto ausgeprägter die Schattenwelt. Je strenger der Tugendkatalog, desto jäher die Abstürze. Das gilt für Orient und Okzident und auch für den Rest der Erdkugel. Einen Koran braucht es dafür nicht. Das hässliche Duo aus verklemmter bürgerlicher Sexualmoral und Prostitution kann man beispielsweise gut in Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ besichtigen. Zugegeben: Das ist über 100 Jahre her. Zu lange womöglich, um eine abschreckende Wirkung auf Zeitgenossen zu entfalten.

Wer das perverse perpetuum mobile aus Jungfrauenkult und Prostitution in der Gegenwart erleben möchte, könnte nach Bahrain reisen. Der kleine Inselstaat im arabischen Golf erfreut sich vor allem bei saudischen Männern großer Beliebtheit, Alkohol und käuflicher Sex sind die tragenden Säulen spezieller Wochenend-Trips, die vorzugsweise in der Gruppe gebucht werden. Bahrein lebt nicht schlecht davon und regelt die Dinge auf seine Art. Die dort vorherrschende schiitische Glaubensrichtung kennt nämlich die „Ehe auf Zeit“. Sie gilt für einen Monat, einen Tag oder auch nur einen halben, danach ist das Paar automatisch wieder geschieden. Ein raffiniertes Reglement, für das christlichen Kirchenrechtlern offenbar die nötige Kreativität fehlte.

Die chirurgische Wiederherstellung des Jungfernhäutchens vor der Hochzeitsnacht ist ein weit verbreitetes Tuschelthema in der Mittel- und Oberschicht des Nahen Ostens. Freundinnen und Schwestern werden eingeweiht, sie reichen Adressen weiter und zeigen Verständnis. Hauptsache, der Bräutigam und die künftigen Schwiegereltern erfahren nichts. Sonst kann es passieren, dass die Hochzeit abgesagt wird. Auch in Milieus, die sich sonst aufgeklärt geben. Am häufigsten wird der Eingriff wahrscheinlich im Libanon vorgenommen, wo die Gesellschaft etwas gelassener und die Ärzteschaft auf Medizin-Tourismus eingestellt ist.

Dass Dubai ledige Schwangere und Mütter mit bis zu zwei Jahren Gefängnis wegen „Unzucht“ bestraft, wissen die wenigsten Neuankömmlinge am Golf. Meist tritt der Ernstfall ja auch nur bei Hausangestellten aus Malaysia oder Bangladesch ein. Westliche Expats, die ohne Trauschein schwanger werden, suchen vorsichtshalber einen europäischen oder amerikanischen Arzt auf. Man weiß nie. Diese Expats sehen auch zu, dass sie außer Landes sind, wenn ihr Zustand sichtbar wird. Oder sie heiraten schnell. Das ist kein Witz. Hinter Gitter wird man eine Deutsche, die für Mercedes Benz oder Bilfinger & Berger arbeitet, nicht gerade bringen. Ihre Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis aber wackelt. Und wer will das riskieren, im „Übermorgenland“?

Ein deutscher Ingenieur mit palästinensischen Wurzeln erzählte mir diese Geschichte: In der saudischen Niederlassung seiner Firma seien die männlichen und durchweg verheirateten Angestellten sexuell so unterversorgt, dass die Telefonate, die er regelmäßig mit einer Sachbearbeiterin im Schwarzwald zu führen hatte, zum frivolen Happening wurden. Die Bürogemeinschaft wollte das Telefon dann laut zum Mithören gestellt haben, lauschte der Stimme der ahnungslosen Frau, verdrehte die Augen und erging sich in obszönen Gesten. Sein Hinweis, bei der munter schwäbelnden Kollegin handele es sich um eine sehr konservative Dame jenseits der 60, schmälerte den Genuss der Saudis nicht. Ich bin kein Mann, aber ich vermute: Ein richtiges Männerparadies sieht anders aus.

Man muss sich nicht in die Hölle des sogenannten islamischen Staats mit seinen Sexsklavinnen begeben, um in den Abgrund zu schauen. Auch die Grabscher und Vergewaltiger der Kölner Domplatte sind in ihrem ekelhaften Gebaren geprügelte Hunde, die sich in ihrem Niemandsland aus Frauenverachtung und Paria-Existenz gewaltig verirrt haben. Nur etwas weniger ekelhaft waren die Einlassungen mancher Abendlandretter, die dazu das Bild von der geschändeten blonden deutschen Frau auferstehen ließen. Da reichen sich vermeintliche Todfeinde die Hände, da schließt sich ein Kreis.




Ellen Daniel begann ihr Leben im Taunus bei Frankfurt. Frankophil war sie schon als Elfjährige, nach dem Politik-Studium reichte es aber leider nur für Belgien: In Brüssel lernte sie erst als Journalistin, dann als Pressesprecherin die EU von innen kennen. Später ging sie zum "Focus", wo sie Redakteurin im Auslands- und im Kulturressort war und viel herumreiste. Heute arbeitet sie für SOS-Kinderdorf. Sie ist überzeugte Europäerin und bodenständige Internationalistin, im allgemeinen wie im kulinarischen Leben.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com