Des Teufels Cellist. Sergej Roldugin in Palmyra. Mil.ru

Putins Kriegsmusikanten

Der Kreml-Herrscher unterwandert nicht nur Staaten und Parteien. Er hat es auch auf die Künste abgesehen.

Vielleicht ist die Kultur nicht wichtig genug. Vielleicht macht gerade diese Einschätzung sie aber auch so gefährlich. Musik steht zunächst einmal für: das Menschliche, das Gerechte und das Gute. Und überhaupt, was für einen Schaden kann ein Konzert schon anrichten? Vielleicht liegt es an diesem Glauben, dass so gut wie niemand in Deutschland sich über das Konzert aufgeregt hat, das der Dirigent Valery Gergiev unter Schirmherrschaft seines Landsmanns Vladimir Putin neulich im kriegszerstörten Palmyra gegeben hat. Was kann schon schlimm daran sein, Werke von Bach und Prokofjeff mitten in Syrien aufzuführen, an einem Ort, der gerade von der Herrschaft des IS befreit wurde?

In Wahrheit ist der Zynismus dieser Veranstaltung so offensichtlich wie vielschichtig. Nachdem Putin die Krim annektiert hat, annektiert er nun die klassische Musik. Das Absonderliche des Syrien-Events (das zeitversetzt im russischen Fernsehen übertragen und bejubelt wurde) ist nicht nur sein Titel: „Gebet für Palmyra“. Klar, so will Putin seine gemeinsame Front mit dem russisch-orthodoxen Patriachat aus Moskau verdeutlichen und die Christen im Westen für sich begeistern (die Christen in Palmyra sind derweil längst geflüchtet). Es ist scheinheilig, wie Putin im Zuge des Konzertes von der Notwendigkeit des gemeinsamen Vorgehens gegen den IS mit Europa redet, denn die will er nur unter seinen Bedingungen. Und die wichtigste ist, dass das Assad nach Vertreibung des IS wieder an die Macht kommt. Wie absurd das alles ist, zeigt wohl auch, dass die russische Propaganda das Konzert öffentlich als Veranstaltung der „Trauer aller Opfer des Terrors“ angekündigt hat und zugleich als Erinnerung der „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ – Assads Terror- und Folter-Regime war dabei sicherlich nicht gemeint.

Und als wäre das noch nicht genug, hat Putin am gleichen Tag dafür gesorgt, dass in der ersten Reihe des Konzertes ein alter Bekannter am Cello spielte. Sergej Roldugin, der eine wesentliche Rolle in den Panama-Papieren gespielt hat, wurde in Palmyra durch sein Auftreten nun auch offiziell rehabilitiert. Die neue Sprachregelung für seinen Fall: die zwei Milliarden Dollar, die über sein Konto gelaufen sind, seien nichts anderes als Bewegungen eines privaten Mäzenen, der sein Geld lediglich in Instrumente für junge russische Musiker steckt. So hört sich der Soundtrack einer wahren Männerfreundschaft an!

Nun könnte man argumentieren, dass es sich letztlich nur um ein Konzert gehandelt habe, dass alles ja nur der Menschlichkeit diene, dass Gergiev, Putin und Roldugin doch nichts Böses im Schilde führen, nur weil sie die Menschlichkeit feiern, das Christentum besingen und ein Zeichen gegen menschliche Gräultaten setzen. Und überhaupt: Es war doch nur ein Konzert.

Aber genau das scheint am Ende eben auch Teil einer neuen Propaganda-Strategie des Kemls zu sein. Es fällt auf, wie Putin seit Jahren Künstler und Kulturschaffende umgarnt und sie – natürlich stets im Geiste des Humanismus und der Menschlichkeit – in seinem Namen und im Namen seines Russlands auftreten zu lassen. Der tatsächliche Sinn dieser Veranstaltungen liegt offensichtlich darin, Westen die Harmlosigkeit der russischen Polit-Pläne vorzugaukeln. Der große Vorteil: die internationale Kultur ist perfekt, um Putins Propaganda von in Syrien bis, in Deutschland und Österreich zu implementieren. Während Putins Förderung von Le Pens Front National, der AfD und anderer rechter Parteien offensichtlich auf die Dekonstruktion demokratischer Strukturen ausgerichtet ist, versucht er durch sein kulturelles Engagement genau das Gegenteil zu behaupten: Russland fördert die Menschlichkeit.

Einst hat Putin dabei noch auf Vorzeige-Promis wie den französischen Schauspieler Gerard Depardieu gesetzt. Inzwischen scheint es einen Strategiewechsel zu geben. Putin sucht gezielt nach gefallenen deutschen Kulturmachern, so wie Bremens Ex-Intendant Hajo Frey, den er zunächst in Sibirien inszenieren ließ und den er, als Frey das Brucknerhaus in Linz übernahm, kurzerhand zum Kulturbotschafter und Marinskij-Berater machte (über die Bezahlung dieser Ämter schweigt man sich aus). Seither scheint Frey sich lieber um seine Moskau-Connection zu kümmern (auch in Linz tritt Roldugin regelmäßig auf) statt sein österreichisches Haus zu bestellen – die Auslastung ist inzwischen auf rund 40 Prozent geschrumpft. Der Intendant besteht darauf, dass er Brucknerhaus- und Russland-Engagements feinsäuberlich und vertragsgerecht voneinander trennt.

Ein weiteres aktuelles Beispiel eines gefallenen Künstlers ist Putins Engagement des Film-Bösewichts Claude-Oliver Rudolph. Er ist neuerdings kulturpolitischer Ressortleiter beim russischen Propagandasender „RT Deutsch“. Und Rudolph spurt bereits vor Amtsantritt, indem er öffentlich am Putin-Mythos strickt. In einem Interview sagte er: „Ich bin ja selbst ein bisschen wie Putin. Wir sind beide Judoka, polarisieren und zucken nicht vor Isis zusammen.“

Das Erschreckende an all dem ist, dass Putins Annexion der Kultur ein wirklich guter Schlachtplan ist. Im Licht von James Bond, Bruckner, Bach und Prokoffjeff kann er sich als Humanist präsentieren, während er gleichzeitig seine Soldaten nach Syrien schickt, um das Assad-Regime wieder an die Regierung zu bomben. Um eine gemeinsame Strategie mit dem Westen geht es dabei sicherlich nicht. Vielmehr geht es um die propagandistische Deutungshoheit, wer im Krieg im Nahen Osten der Gute und wer der Böse ist. Auf die Rolle des IS als dunkle Macht können sich alle einigen, Putin aber geht es darum, klar zu machen, dass sein Russland in dieser Auseinandersetzung besser ist als der wartende Westen – und für diese Lesart braucht er die Kultur als Bollwerk.

Was weiterhin verwundert, ist, dass über all das in Deutschland nur sehr wenig zu lesen ist. Gergiev, der bereits einmal in Südossetien auftrat, um die Abspaltung von Georgien und die Hinwendung zu Russland zu feiern, der die Annexion der Krim befürwortete und Homosexualität öffentlich kritisierte, ist noch immer unangefochtener Chef der Münchner Philharmoniker. Dort heißt es: Was Gergiev politisch außerhalb seines Engagements in München tut, geht die Philharmonie nichts an. Und auch die Regierung als Träger des Orchesters hält sich mit Kritik weitgehend zurück. In Linz wird zwar über Freys Zweitjobs diskutiert, aber die Stadt kann sich derzeit wohl keinen Intendantenwechsel leisten – und so wird die Sache stillschweigend ausgesessen. Putin baut derweil allmählich die Kultur zur subversiven und weichen Kampfzone seiner Propaganda aus. Eigentlich müsste man darauf mit einem Gedenkkonzert reagieren.




Axel Brüggemann war Kulturredakteur und Textchef bei der WELT am SONNTAG, bevor er sich entschloss, freiberuflich zu arbeiten. Seither dreht er Dokumentationen für ZDF, arte und 3Sat, moderiert Kultursendungen u.a. für SKY Arts und schreibt in unterschiedlichen Medien wie der "Jüdischen Allgemeinen", dem "Freitag" und dem "Cicero". Brüggemann hat zahlreiche Bücher über Kultur und Gesellschaft u.a. bei Rowohlt, Beltz&Gelberg und Eichborn veröffentlicht.


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