Laut ARD trinkt und speist man im Weser-Stadion gefährlich. Oder auch nicht. Clemens 2014

Schmutziges Keimspiel der ARD

Fäkalkeime in Fischbrötchen, belastetes Stadionbier und Legionellen im Trinkwasser – mit einer Sensationsgeschichte über angeblich dramatische Hygienemängel in der Bundesliga versetzte die ARD Fans und Journalisten in Unruhe bis Panik. Schaut man sich die Sache genauer an, bleibt nicht viel übrig.

Im ersten Relegationsspiel um die Zugehörigkeit zur Bundesliga am 25. Mai gab es eine unangenehme Überraschung für  die Profis von Eintracht Braunschweig: nasse Schuhe. Über Nacht hatten sie in der Dusche der Gästekabine im Wolfsburger Stadion gestanden. Schnell kam der Verdacht einer groben Unsportlichkeit des VFL auf. Die Wolfsburger, so eine naheliegende Vermutung, hätten ihrem niedersächsischen Rivalen vor dem wichtigsten Spiel der Saison einen Streich gespielt. „Es gibt einen Fußball-Gott, der bestraft solche Sachen“, schimpfte denn auch Braunschweigs Kapitän Ken Reichel. Die Wolfsburger hatten jedoch eine irdische Erklärung parat. „Aus Hygiene-Gründen findet alle 24 Stunden ein automatisch ausgelöster Spülvorgang aller sanitären Anlagen in der Volkswagen Arena statt“, teilte der Verein mit. Also keine Sabotage? Ein automatischer Spülvorgang im Stadion? Kann man das glauben?

Eine knappe Woche später werden aufmerksame Fußballfans genau an diese Erklärung für den Nicht-Skandal von Wolfsburg gedacht haben. Da nämlich veröffentlichten der Bayerische Rundfunk und der Deutschlandfunk einen nach Sensation schreienden Bericht über Legionellenfunde in Fußballstadien. „Die Reporter der ARD-Radio-Recherche Sport haben herausgefunden, dass im Laufe der vergangenen Jahre in jedem dritten Bundesligastadion Legionellen im Trinkwasser festgestellt worden waren“, heißt es darin. Und dann: „Legionellen gehören zu den gefährlichsten Bakterien, die schwere Lungenentzündungen auslösen und sogar tödlich verlaufen können.“

Durch Recherche nicht beirren lassen

Klingt dramatisch, ist es aber nicht. Die Berichterstatter heben selbst explizit hervor, dass Stadien nun einmal ein hohes Risiko für Legionellenprobleme aufweisen, weil in einem Stadion die Duschen nicht ständig genutzt werden und das Wasser teilweise lange in den Leitungen steht. „Herausgefunden“ im investigativen Sinne haben die Reporter erstmal gar nichts. Sie haben lediglich einen Fragebogen an Proficlubs der beiden Bundesligen bzw. deren Stadionbetreiber geschickt. Und ausweislich der Antworten wurden in zehn von 36 Stadien seit 2007 tatsächlich schon einmal Legionellen festgestellt. In sämtlichen Fällen, die oft viele Jahre zurückliegen und beispielsweise in Bauphasen oder in nicht genutzten Bereichen der Stadien auftraten, wurde den Legionellen jedoch sofort fachmännisch begegnet. In allen Stadien gibt es regelmäßige Trinkwasseruntersuchungen und in keinem einzigen Verein ist ein Fall eines Fußballprofis bekannt, der an einer Legionelleninfektion erkrankt ist. Von diesem eigentlich beruhigenden Ergebnis der Recherche lässt sich allerdings beispielsweise der Deutschlandfunk nicht beirren und formuliert: „Experten gehen aber davon aus, dass sich Fußball-Spieler mit Legionellen in der Vergangenheit infiziert haben müssen. Offensichtlich seien die Krankheitsverläufe wohl aber nicht so schwer gewesen, als dass die Legionellen-Fälle als solche erkannt worden sind.“

Diese Aussage ist ein Klassiker irreführender Panikberichterstattung. Faktisch lassen sich in der Recherche so gut wie keine Anlässe für Berichte finden, die alarmistische Überschriften wie „Gefährliche Keime in deutschen Fußballstadien“ rechtfertigen. Zwei entscheidende Maßnahmen gegen Legionellen wären übrigens laut Experten, dem Trinkwasser Chlor hinzuzusetzen und es mit dem Wassersparen nicht zu übertreiben – in Deutschland sind das keine besonders populären Vorschläge. Und deshalb helfen sich Bundesligisten wie der VfL Wolfsburg mit automatischen Spülgängen – oder die Zeugwarte lassen extra vor den Spielen minutenlang das Wasser laufen, um die Leitungen durchzuspülen. Die ARD hatte sich also einen neuen Bundesligaskandal konstruiert, der bei näherem Hinsehen in sich zusammenfällt.

Steile Thesen, keine Grundlagen

Das hindert die Kollegen jedoch nicht an folgender Einschätzung: „In der Fußball-Bundesliga fehlt es extrem an Hygiene-Bewusstsein“. Vielleicht ist im Zuge der Auswertung ihrer Legionellen-Fragebögen selbst den ARD-Rechercheuren aufgefallen, dass sie diese These beim besten Willen nicht am Umgang mit Legionellen in Duschräumen festmachen können. Also wurde die Berichterstattung um einen vermeintlichen Lebensmittelskandal erweitert, obwohl beide Sachverhalte in keinem Zusammenhang stehen.

Das Labor für chemische und mikrobiologische Analytik (Lafu) in Delmenhorst habe verdeckte Untersuchungen in Bundesligastadien vorgenommen, berichten die Sender. Die verdeckt ermittelnden Biochemiker hätten in der Münchner „Allianz Arena“, dem Kölner „RheinEnergieSTADION“ und dem Bremer „Weser-Stadion“ als Fans getarnt bei den Spielen von Werder Bremen gegen Darmstadt (4. März), Köln gegen Bremen (5. Mai) und FC Bayern München gegen Darmstadt (6. Mai) Speisen, Getränke und Trinkwasser untersucht. Das Ergebnis war natürlich wieder ein Hammer: „Die Gutachten, die der ARD-Radio-Recherche Sport exklusiv vorliegen, belegen diverse, Besorgnis erregende Verunreinigungen in den Arenen: Im Bremer Weser-Stadion wurden demnach auf zwei untersuchten Fischbrötchen Fäkalkeime gefunden. Eines der Brötchen war laut Gutachten zudem mit Eiterbakterien belastet. Darmbakterien, die als Indikator für möglicherweise auch krankmachende Keime gelten, befanden sich dem Test zufolge auch in einem Wrap, einem Brötchen und einem Baguette in München sowie in einem Döner in Köln.“

Was jedoch interessanterweise weder in diesem Absatz noch in den Aussagen des Lafu-Chefs Gary Zörner auftaucht, sind konkrete Angaben. Welche Keime wurden genau gefunden? Wurden sie in einer Zahl gefunden, die irgendwelche Grenzwerte überschreitet? Schließlich ist kein Fisch und kein Salatblatt auf dieser Welt keimfrei und nicht jeder der Milliarden Keime auf der Welt ist gefährlich – genau deshalb gibt es ja Grenzwerte und genau deshalb ist „Fäkalkeim“ vielleicht ein Signalwort für Journalisten, aber nicht für Lebensmittelchemiker.

Bundesweiter Mediensturm

Grundlegende Hygienemängel beim Catering wären für jeden Bundesligisten dramatisch, schließlich verlassen sich Zehntausende Besucher auf die Qualität und Sicherheit der Speisen und Getränke. Die Clubs bzw. deren Dienstleister werden daher von staatlichen Stellen regelmäßig geprüft und arbeiten darüber hinaus mit Hygieneexperten wie etwa dem Institut Fresenius zusammen. „Im Rahmen des letzten Audits der Kioske vom 1. April 2017 wurden Ergebnisse zwischen 97,15 Prozent und 99,64 Prozent erzielt“, heißt es entsprechend in einer Stellungnahme des FC Bayern München. „Nach Durchsicht der internen HACCP-Dokumente vom in Ihrer Anfrage angeführten Spieltag (6.Mai.17) sind keinerlei Abweichungen bei Anlieferung, Lagerung, Transport sowie Abgabe sämtlicher Speisen feststellbar.“

Woher rührten also die Verunreinigungen? Und waren sie wirklich Besorgnis erregend? Zwar wurden in den drei Stadien offenbar vereinzelt Dienstleister dabei beobachtet, dass sie Vorschriften zur Handhygiene nicht einhielten. So berührte ein Dönerverkäufer in Köln mit der Hand sowohl das Wechselgeld als auch den Döner. Ob die in den Proben angeblich festgestellten „Verunreinigungen“ aber auf solches Fehlverhalten zurückzuführen sind oder andere Gründe haben, wie dramatisch die Befunde wirklich sind und wie sie zustande kamen – all dies geht aus der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender nicht hervor. Das hielt die beteiligten Redakteure und Programme aber nicht davon ab, ihre Skandalstory für junge Radiohörer sogar noch weiter zu vereinfachen und über die Agenturen breit zu streuen, so dass ein bundesweiter Mediensturm die Folge war, inklusiv einer dramatischen Titelgeschichte im „Weser-Kurier“ mit knackiger Kommentierung: „Das Risiko isst mit“

Kaum jemand wurde jedoch darüber misstrauisch, dass die Rückmeldungen der Clubs bzw. deren Dienstleistern an den BR unisono den Hinweis enthielten, dass sie zur Beurteilung des Sachverhalts die Original-Ergebnisse des Gutachtens aus Delmenhorst benötigen. Der 1. FC Köln fragte in seiner Antwort auf den Fragebogen der ARD-Radio-Recherche Sport offenbar sogar gezielt bei den Journalisten nach, welche Richtwerte und welche Messmethoden vom Institut Lafu angewendet worden seien. Diese Nachfrage kürzten jedoch sowohl der BR als auch der Deutschlandfunk bei der Veröffentlichung der Antworten heraus, so dass die fachlichen Zweifel an dem Gutachten dem Konsumenten der Geschichte vorenthalten wurden. Bis heute hat nach Recherchen der Salonkolumnisten keiner der von den unangekündigten Tests betroffenen Vereine das Gutachten erhalten. Den von der ARD enthüllten angeblichen Hygieneproblemen können die so nur schwerlich nachgehen.

Dies ist insofern erstaunlich, als Redaktionen ein ureigenes Interesse daran haben müssten, ihre Recherchemethoden transparent zu machen. Allein, um zu verhindern, dass die vermeintlich sensationellen Befunde einer genaueren Betrachtung nicht standhalten. Es wäre nicht das erste Mal. So kassierte der NDR nach Tests in den Restaurants mehrerer norddeutscher Möbelhäuser eine einstweilige Verfügung gegen die Behauptung, dass die dortigen Hygienezustände mangelhaft seien. Der Grund: Die Messmethoden und die Aussagen der befragten Experten waren zweifelhaft.

Genau dies könnte womöglich auch im Falle der „Hygienemängel in Fußballstadien“ so sein. Wir wollten dies genau wissen und haben dem Lafu-Institut schriftlich unter anderem folgende Fragen gestellt:

– Wer ist der Auftraggeber der Studie der LAFU GmbH?

– Ist „ARD-Radio-Recherche Sport“ der Auftraggeber der Studie oder ist der ARD der Auftraggeber bekannt?

– Falls letzteres zutrifft: Hat „ARD-Radio-Recherche Sport“ nach dem Auftraggeber der Studie gefragt?

Hintergrund dieser Fragen ist, dass nach Informationen der Salonkolumnisten die heimlichen Tests in den drei Stadien nicht von der ARD-Redaktion beauftragt worden waren, sondern dass sie den Rechercheuren angetragen worden sind. Der Chef des Delmenhorster Instituts, Gary Zörner, nimmt in der Berichterstattung breiten Raum ein, so dass die Frage auf der Hand liegt, in wessen Auftrag er sich und sein Institut mit diesen Tests ins Spiel brachte – und warum die ARD ihm diese Möglichkeit verschaffte. Zudem wollten wir wissen:

– Nach welcher Methodik wurden in den Stadien Fischbrötchen, Döner und Bier untersucht?

– Welche Normen bzw. Grenzwerte wurden zu Grunde gelegt?

– Welche Keime wurden in welcher Zahl gefunden?

– Wurden Grenzwerte überschritten? Wenn ja: Welche Grenzwerte?

– Wurde die Kühlkette eingehalten, als die Proben von den Testern aus den Stadien transportiert wurden?

– Wenn ja: Wie haben die Tester eine Kühlbox oder ähnliche notwendige Geräte in den Umlauf des „Weserstadions“, der „Allianz Arena“ oder des „RheinEnergieStadions“ bekommen?

Hintergrund der beiden letzten Fragen ist, dass Proben für einen Lebensmitteltest nur dann verwertet werden können, wenn man ausschließen kann, dass eine Keimbelastung auf dem Weg ins Labor gestiegen oder sogar erst entstanden ist. Deshalb werden Lebensmittelproben in der Regel direkt nach der Entnahme im Wortsinne auf Eis gelegt. Dies dürfte bei einem heimlichen Test im öffentlichen Bereich eines Fußballstadions bei den heutigen Sicherheitsvorkehrungen zumindest ein schwieriges und fragwürdiges Unterfangen sein.

Kaum Antworten vom Bayerischen Rundfunk

Vom Baverischen Rundfunk wollten wir dazu passend unter anderem wissen:

– Wurden die Untersuchungsergebnisse der LAFU GmbH zu Trinkwasser und Lebensmitteln in den Stadien in Bremen, München und Köln von einem weiteren Institut überprüft?

– Wieso hat Ihr Haus die Studie nicht veröffentlicht?

– Was sagen Sie dazu, dass alle drei Bundesligisten auf Ihre Anfrage – ausweislich Ihrer eigenen Berichterstattung – angegeben haben, die konkreten Hygieneprobleme nur beurteilen zu können, wenn ihnen die Studienergebnisse zur Verfügung gestellt werden?

– Haben Sie diesem Wunsch im Nachhinein stattgegeben?

Das Lafu-Institut hat auf unsere Fragen bis heute nicht geantwortet. Die Pressestelle des BR antwortet vage: „Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir zu den übrigen Fragen leider keine weiteren Auskünfte geben können – aus Gründen des Quellen- und Informantenschutzes und des Redaktionsgeheimnisses sowie mit Blick auf ein laufendes rechtliches Verfahren mit einem Berichterstattungsbetroffenen. Jedoch können wir Ihnen versichern, dass die Recherche nach den üblichen journalistischen Standards und unter Wahrung der gebotenen journalistischen Sorgfaltspflicht durchgeführt wurde.“

Das „laufende rechtliche Verfahren“ ist nach unseren Informationen – zumindest bislang – lediglich der Wunsch eines Clubs, das Gutachten des Lafu-Instituts übermittelt zu bekommen. Davon abgesehen redet sich der Bayerische Rundfunk nebulös auf einen angeblichen Informantenschutz heraus, der in diesem Fall so pauschal vermutlich überhaupt nicht besteht – und verweist schlicht auf das Indianer-Ehrenwort einer Redaktion, die für eine mutmaßlich geschäftsschädigende Behauptung über unhaltbare hygienische Zustände in deutschen Fußballstadien keinen nachprüfbaren Beweis veröffentlicht hat. Die Antwort könnte demzufolge auch von Donald Trump sein: „Believe me. It’s true.“

In dem Wissen, dass dies der Output der ARD-Radio-Recherche-Sport ist, müssen wir bei unserem nächsten Stadionbesuch unbedingt daran denken, uns ein schönes Fischbrötchen zu genehmigen. Jan-Philipp Hein / Stefan Laurin




Die Salonkolumnisten sind ein bunter Haufen. Und dies ist unsere Spielwiese.


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