So prächtig wie das Reichskreuz kann nicht jedes Kreuz sein

Toleranzedikt war gestern

Treibt das Berliner Neutralitätsgesetz Blüten, die selbst über den französischen Laizismus hinausgehen?

Zwölf Jahre lang hing das Corpus Delicti um den Hals einer Lehrerin im Berliner Wedding, 2,8 Zentimer Gold in Kreuzform. Niemanden hat’s gestört, die meisten haben den kleinen Anhänger vermutlich nicht wahrgenommen. Dann plötzlich im Januar wird die Lehrerin unter Hinweis auf das seit 2005 bestehende Neutralitätsgesetz aufgefordert, das Kreuzchen abzuhängen. Die Lehrerin, eine Christin, eröffnete sich ihrem Seelsorger. Das goldene Kleinod war ein Geschenk. Es bedeutet ihr viel.

Ein goldener Fisch ist okay

Sie ersetzte es schließlich durch ein goldenes Fischlein. Doch auch das passte ihren Vorgesetzten zuerst nicht. Andersgläubige könnten darin ein weiteres christliches Symbol erkennen, das Ichtys. Nach etwas Hin und Her revidierte Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) wieder: „Der Fisch als solcher ist aus Berliner Sicht kein Problem und darf weiterhin in Schulen getragen werden.“ Es bleibt die Kreuz-Frage.

Kreuze von schwerer Größe samt Glitzersteinen um den Hals von Popstars wie Madonna, Fußballgrößen wie Maradonna, Models auf Laufstegen der Modewochen oder gar finsterer Rocker sind kein Problem. 2,8 Zentimeter klein im Klassenzimmer aber sind des Scheitan, wie der Teufel auf Arabisch heißt.

Gerade wurden in Ägypten viele Kinder ermordet, weil sie Christen waren. Ob sie Kreuze um den Hals trugen, war den IS-Killern egal. Für sie waren sie Ungläubige, Kufr auf Arabisch. Politiker beschwören gerne das christliche Abendland, doch christliche Symbole oder Bekenntnisse werden von korrekt denkenden „Bio-Deutschen“ mit Unverständnis, gar Häme, überzogen. Wer einer voll verschleierten Frau mit ähnlicher Abwehr begegnet, gilt als ein unverbesserlicher Rassist.

Alter Fritz und Toleranz-Edikt

Die Devise lautet „Respekt für den Anderen“. Freilich müsste der auch den Gläubigen der Mehrheitsgesellschaft zuteil werden, die Zeichen ihres Bekenntnisses tragen. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm gewährte 1685 im Edikt von Potsdam den 20.000 Hugenotten nicht nur die Aufnahme, sondern auch ihre eigenen Pastoren und Richter. „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“, fügte der alte Fritz hinzu.

Als König Friedrich Wilhelm IV. 1847 das Toleranz-Edikt unterschrieb, hieß das zwar, dass die Juden als „Einländer“ zu betrachten seien, aber nicht, dass das Kreuz nun hinter dem Davidstern zurückzustehen habe, um die Sensibilitäten der Minderheit nicht zu verletzen.

Tempelberg und Kirchentag

Die freiwillige Unterwerfung der mehrheitlichen Christenheit unter der Furcht vor „Ausgrenzung“ der Minderheit hat freilich mit Toleranz weniger zu tun als mit vorauseilendem Gehorsam. Als im vergangenen Jahr der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Bedford-Strohm und Kardinal Marx auf dem Tempelberg ihre Kreuze ablegten, um ja nicht zu provozieren, ernteten sie dafür immerhin Spott und den Unmut der Gläubigen.

Besagte Lehrerin wird keine bessere Pädagogin, wenn sie das kleine Kreuz fortan nur außerhalb der Schule trägt. Es steht ihr zu wie Juden der Davidstern und Muslimen die Hamsa, die kleine Hand, die gegen den bösen Blick schützen soll. Die Franzosen, die den Laizismus erfunden haben, sind vernünftiger. Jeder darf sein Glaubenszeichen am Hals tragen; nur protzig soll es nicht sein.

Soeben hat in Berlin der Kirchentag stattgefunden. Tausendfach war da das Kreuz zu sehen. Ob es die vielen Andersgläubigen in der Stadt geschaudert hat, dem Symbol der Kufr auf Schritt und Tritt zu begegnen? Also weg mit den vielen Kreuzen beim nächsten Kirchentag? Wenn wir schon dabei sind, sollten wir auch das Gebimmel der Kirchenglocken abschaffen. Das ist schließlich in dieser Logik der Lärm, den die christliche Mehrheit macht, um allen anderen ihre Zweitrangigkeit zu bescheinigen.




Promovierte 1976 über die englische Open University an der Universität Hamburg. Anschließend Postdoc-Forschung in den USA über verschiedene Aspekte amerikanischer Hochschulen. Gutachtertätigkeit im Bereich der vergleichenden Hochschulforschung. Journalistische Mitarbeit bei Die ZEIT, Süddeutschen Zeitung, Die Welt, FAZ, Tagesspiegel überwiegend im Bereich Bildung und Gesellschaft. Von 1998-2010 Jurymitglied beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung. Mitglied im Kuratorium der START Stiftung, Mitglied im Beirat des ELES Studienwerks. Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher, u.a. „Sie flohen vor dem Hakenkreuz“ (Hrsg), Rowohlt, Das Beste von Allem, Rowohlt, Mütterkriege, Herder, Eine Kindheit in Vormaurischer Zeit, Berlin Verlag. Verheiratet, zwei Töchter.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com