Warum der zeitgenössische Feminismus eine reaktionäre Bewegung ist

Schwach, hilfsbedürftig und hypersensibel: Das Frauenbild vieler Feministen stammt noch aus Uromas Zeiten. Wem es hingegen ernst ist mit dem Kampf um Gleichberechtigung, sollte sich besser nicht auf Gleichstellungsbeauftragte verlassen, schreibt unsere Gastautorin Judith Sevinc Basad.

Was waren das für Zeiten! Damals, als Simone de Beauvoir und 342 andere Frauen zum Schlag ausholten: „Wir haben abgetrieben!“  ließen sie 1971 in einer Ausgabe des Pariser Magazins „Nouvel Observateur“ die Welt wissen. Ein riskanter Schritt, denn der Schwangerschaftsabbruch war nach französischem Recht in diesen Tagen illegal. Den Frauen drohte dabei nicht nur eine Haftstrafe, sondern im piefigen Frankreich der Nachkriegsjahre auch der Verlust ihres öffentlichen Ansehens, das Ende ihrer Karrieren und letztendlich die gesellschaftliche Isolation. Doch der Mut der Französinnen sollte sich auszahlen: Abtreibungen wurden wenig später vom Gesetzgeber legalisiert und die Kampagne zum Vorbild für eine ganz ähnliche Aktion im Nachbarland Deutschland.

Beauvoirs Mut und Kampfeslust lassen die zeitgenössischen Feministen vermissen. Im Konfliktfall ballen sie nicht länger ihre Fäuste, sondern verstecken sich lieber im „Safe Space“. So geschah es etwa an der amerikanischen Brown University. Als eine Studentengruppe der Elite-Uni im Herbst 2014 eine Diskussionsrunde über sexuellen Missbrauch an US-Hochschulen plante, kam Widerstand von einer Gruppe feministischer Campus-Aktivisten. Denn eingeladen war auch eine Diskutantin, die die Existenz einer „Vergewaltigungskultur“ in Frage stellte. Die Debatte könne zartbesaitete Wesen verletzten, warnten ihrerseits die feministischen Aktivisten. Sie richteten daher einen Rückzugsraum für all jene ein, die sich nicht der bedrohlichen Debatte aussetzen wollten.

Die Einrichtung dieses „Safe Spaces“ sagt viel über das Frauenbild aus, dem die Aktivistengruppe offensichtlich anhängt: Die Studentinnen konnten sich dort in Decken und Kissen kuscheln, mit Knetmasse und Seifenblasen spielen und Videos mit „fröhlich herumtollenden Welpen“ ansehen.

Was würde Beauvoir sagen?

Es braucht keine Telefonleitung ins Jenseits, um zu erahnen, dass die feministische Pionierin Beauvoir mit einer solchen Vorstellung von Weiblichkeit ihre Probleme gehabt hätte. Denn der Kampf der Französin galt nicht alleine Paragraphen, die der Gleichberechtigung im Wege standen und Frauen verwehrten, frei über ihren Körper, ihre Sexualität und ihr Berufsleben zu entscheiden. Beauvoir kämpfte auch gegen ein jahrhundertealtes, antiquiertes Frauenbild, das die Frau als passives, schüchternes und emotionales Wesen zeigte.

Die Französin fasste diese weibliche Identität unter dem Begriff „das Andere“ zusammen und bezog sich damit auf einen bekannten Mechanismus der Identitätsfindung: Damit sich „das Eine“ als Subjekt überhaupt definieren kann, grenzt es „das Andere“ als Objekt aus. Mit anderen Worten: Rationalität und Stärke können erst dann als männliche Eigenschaften definiert werden, wenn ihnen weibliche Charakteristika wie Emotionalität und Passivität entgegengesetzt werden.

„Die Frau wird nicht als Frau geboren, sie wird zur Frau gemacht“ folgerte Beauvoir daher und verurteilte soziale Prozesse und patriarchale Strukturen, die Frauen in Geschlechterstereotype wie Schwäche, Passivität und Zurückhaltung zwängen – und ihnen damit den zweiten Platz in der Gesellschaft zuweisen.

Auf der Suche nach Weiblichkeit

Beauvoirs Beobachtung über Geschlechteridentitäten war einerseits revolutionär – warf andererseits aber neue Fragen auf. Denn wenn die weibliche Identität nur das Resultat einer männlichen Zuschreibung wäre, wie es die Französin beschreibt, wie ließe sich dann Weiblichkeit definieren? Viel wichtiger: Gibt es überhaupt so etwas wie eine genuine Weiblichkeit?

Beauvoirs Erben wurden sich in beiden Fragen nicht einig.

So gründeten etwa in den 70er Jahren Vertreterinnen des französischen Poststrukturalismus die literarische Bewegung „écriture féminine“ – ein „weibliches Schreiben“, durch das Frauen ihre verlorene Weiblichkeit zurückerobern wollten. Die männliche Norm der Literatur, also das rationale und geordnete Erzählen, sollte durch die „weibliche“ Polyphonie, Sensibilität und Emotionalität subvertiert werden. Die Feministinnen schufen aus den Eigenschaften des „Anderen“ eine neue Geschlechtsidentität und hofften darauf, damit die patriarchale Ordnung zerstören zu können.

Kritik an diesem Modell wurde Ende der 80er Jahre durch die aufkommenden Gender Studies formuliert. Der Vorwurf der Geschlechterforscher: Durch die Reproduktion von weiblichen Stereotypen bestätigten die Frauen genau die Machthierarchien, die für ihre Diskriminierung verantwortlich sind.

Sprechverbote und Gleichstellungsbeauftrage

Zurück in der Zukunft: Obwohl auch die junge Generation der Feministen gerne gendertheoretisch argumentiert, begeht sie den gleichen Fehler, wie vor ihr schon die Gruppe der französischen Theoretikerinnen. Sie sind so sehr damit beschäftigt, sich von der männlichen Norm abzugrenzen, dass sie weibliche Stereotype wie Schwäche und Hypersensibilität reproduzieren – und Frauen daran hindern, sich in der Leistungsgesellschaft zu behaupten.

Und das nicht länger nur an amerikanischen Eliteuniversitäten, sondern mittlerweile auch hierzulande. So diskutierten im vergangenen Jahr an der FU Berlin Studenten und Professoren in offizieller Runde über mögliche Maßnahmen, um das „Redeverhalten von dominanten Männern“ in Lehrveranstaltungen zu „bremsen“. Das gleiche Bild von weiblicher Identität also auch hier: Die Frau als schwaches, sensibles Wesen, das sich mit eigenen Argumenten nicht zu wehren vermag.

Selbst Männer, die Sympathien mit dem feministischen Kampf erkennen lassen, müssen neuerdings mit Sprech- und Denkverboten rechnen. So forderte unlängst eine Autorin von „Mädchenmanschaft.net“, dem Zentralorgan der jungen deutschen Feministen, feministische Männer sollten „öfter mal die Klappe“ halten und Frauen lieber durch „die eigene Unsichtbarmachung“ unterstützen. Die Vorstellung von der Frau als hilfsbedürftigem Wesen ist mittlerweile derart tief ins politische Bewusstsein der Nation eingesickert, dass jede Behörde mit mehr als 200 Beschäftigten gesetzlich dazu verpflichtet ist, eine Frauenbeauftragte einzustellen.

Doch sexistischen Vorurteile werden nicht von Gleichstellungsbeauftragten gelöst und wir werden sie auch nicht im „Safe Space“ verschwinden lassen können. Sie müssen durch selbstbewusste und mutige Frauen gebrochen werden. Simone de Beauvoir hat Frauen dazu ermutigt, aufzustehen und sich gegen männliche Dominanz zu wehren. Es ist an der Zeit, diesen Kampf weiterzukämpfen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Tagesspiegel-Debattenportal „Causa“.

 

DIE AUTORIN
Judith Sevinc Basad ist Mitgründerin der Initiative „Liberaler Feminismus“ und engagiert sich im Verein „Frauen in der Literaturwissenschaft“ (FrideL e.V). Sie studierte Germanistik und Philosophie in Stuttgart und studiert momentan Neuere Deutschen Literatur an der FU Berlin mit Schwerpunkt in der Geschlechterforschung.




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