Wir sind anders als die. Die sind nicht so wie wir. Bilderbogen oberbayerischer Trachten um 1800

Wer sind wir – und wenn ja, wie viele?

Gesellschaftliche Großstrukturen verlieren Bindungskraft. Die Loyalität der Bürger verlagert sich auf Subkulturen. Ein Blick in die Neo-Stammesgesellschaft.

Beginnen wir mit einer anderen Frage: Wo leben wir eigentlich? Sie wird fast nur als Floskel benutzt, niemand erwartet eine Antwort darauf. Was wohl herauskäme, wenn Demoskopen die Bundesbürger danach fragen würden? Wo leben wir? Je nachdem, was der Befragte für ein „Wir“ hält, würden die Antworten womöglich recht unterschiedlich ausfallen. Mache würden spontan ihren Kiez nennen, andere stolz betonen, Bayer oder Sachse zu sein, wieder andere betrachten ihre Stadt, Deutschland, Europa oder eine bestimme Landschaft  (die Küste, die Berge) als ihr Wir-Region.

Ein „Wir“ muss nicht geografisch definiert sein. Das eigene Milieu, die Peer-Group, der Gesinnungsverband werden von vielen Menschen als ihr soziales und kulturelles Biotop, als ihr „Wir“ betrachtet.

Die meisten Menschen ordnen sich bewusst oder unbewusst einem „Wir“ zu – obwohl in offenen, liberalen Gesellschaften niemand mehr dazu gezwungen wird. Anders als in Stammes- und Clangesellschaften, die auch im 21. Jahrhundert vielerorts immer noch vorherrschend sind. In manchen Ländern bilden sie hinter einer staatlich-institutionellen Fassade die eigentliche Macht, die das Los der Menschen bestimmt und vor der alle Angst haben.

In den vergangenen Jahren war viel über Parallelgesellschaften zu lesen. Es ging dabei um Strukturen in bestimmen Vierteln europäischer Großstädte, in denen sich Subkulturen ethnisch-kulturell-religiös definieren und ihren Kindern beibringen, dass Loyalität zum Clan alles ist und sogar über den Gesetzen steht. Das ist kein neues Phänomen, sondern ein uraltes. Nicht nur südeuropäische Länder kämpfen seit Jahrhunderten gegen  die Mafia, die eine hoch organisierte, dauerhafte, kriminelle Parallelstruktur geschaffen hat.

Am Anfang war der Stamm

Aber es muss ja nicht gleich die Mafia sein. Nach der Kölner Silvesternacht 2016 war zu lesen, die dort angereisten jungen Männer seien überrascht gewesen, dass die Polizei auf sie gewartet hatte. Wenn das stimmt, bedeutet dies, einem Wir-Milieu mit Tausenden Angehörigen ist es möglich, ein Jahr lang mitten in Deutschland zu leben, ohne ein auf allen Kanälen öffentlich diskutiertes Thema mitzubekommen. Der Draht dieser Subkultur zur restlichen Gesellschaft scheint komplett unterbrochen zu sein oder hat nie existiert.

Am Anfang war der Stamm. Der Stamm bildete die erste soziale Struktur, die über die Mutter-Kind-Verbindung hinausging, eine überschaubare Gemeinschaft größtenteils verwandter Individuen. Man half sich gegenseitig und grenzte sich von benachbarten Stämmen ab. Dass es so war, darin sind sich die Wissenschaftler einig. Mache, wie der Biologe Edward O. Wilson, sagen, der Mensch sei bis heute ein Stammeswesen geblieben. Kratze man nur ein wenig an den modernen gesellschaftlichen Großstrukturen, kämen Stämme zum Vorschein. Gemeinsamkeiten durch Staatsangehörigkeit erweisen sich als schwächer als die Bindung an die jeweilige Subkultur.

Die Stämme heißen heute nicht mehr Langobarden oder Cherusker, sie müssen auch keinesfalls ethnisch oder religiös sein. Zum Zusammenhalt genügen gemeinsame Überzeugungen oder Hobbys, und manchmal schon eine gemeinsame Angst. Entscheidend ist der Kommunikationsabbruch zum Rest der Gesellschaft und das Gefühl, mit diesem Rest nichts mehr zu tun zu haben.

Wühlen in der geistigen Rumpelkammer

Die Suche nach Identität ist für viele plötzlich ungeheuer wichtig. Statt sich in der Welt umzuschauen und neue Möglichkeiten zu entdecken, wühlt man in der geistigen Rumpelkammer nach Religion und Herkunft. Konstruierte Gemeinsamkeiten sollen kuschelwarme Wir-Gefühle stiften und Sicherheit geben in einer komplexen Welt. Doch Ressentiment und Misstrauen gegen die jeweils anderen werden gratis mitgeliefert.

(Dieser sehr lesenswerte Artikel der Schweizer Website „Geschichte der Gegenwart“ zeichnet die – überraschend kurze – Geschichte des heute so bedeutsamen Konzepts „Identität“ nach: http://geschichtedergegenwart.ch/identitaet-das-andere-der…/).

Um geschlossene Milieus zu finden, muss man nicht nach Neukölln oder Duisburg-Marxloh gehen. Auch Gamer-Community, Fußballklub, Veganer, Yoga-Zirkel, Baumarkt-Treff oder Facebook-Gruppe können dauerhaft im eigenen Saft schmoren ohne etwas zu vermissen. Zwischen akademischer Mittelschicht und den Geringverdienern gibt es kaum noch Verbindungen. Sächsische Wutbürger leben in einem völlig anderen Deutschland als Schwabinger Gutbürger.

Selbstreferenzielle Blasen

Gerade die sich aufgeklärt, tolerant und gebildet Fühlenden sind oft weitaus stärker in einer selbstreferenziellen Blase eingebettet als sie glauben. Das gilt insbesondere für die Berufe, die mit dem Deuten und Interpretieren der Realität befasst sind – etwa Journalisten und Künstler. In den mit Kultur befassten Kreisen werden die Wahrnehmung und der Informationsfluss nicht weniger stark gefiltert als am Stammtisch der Eckkneipe.

Der Stammesangehörige wohnt in einem eigenen gefühlten Territorium. Seine kompletten sozialen Bedürfnisse werden darin befriedigt. Wenn ihn der Staat nicht in Form des Finanzamtes belästigte, er würde ihn kaum bemerken. Notgedrungen zollt er Tribut, wie ein Massai der tansanischen Zentralregierung.

Das Absterben der Leitmedien und jeglicher Form von kulturellem Kanon beschleunigt den Trend zur Neo-Stammesgesellschaft. Die einzige Institution, welche die  Subkulturen teilweise öffnen und verbinden könnte, ist die Schule. Doch ob es dort gelingt, Sinn und Bedeutung eines demokratischen Gemeinwesens zu vermitteln, spielt in den diversen Schulreformdebatten keine Rolle.

Je näher am Häuptling, desto mehr Macht

Für Karl Popper bestand die Hauptgefahr für Freiheit und Demokratie darin, dass sich Menschen überfordert fühlen von der Komplexität offener Gesellschaften. Denn es kostet Geduld und Nerven, wenn Interessengruppen miteinander auf zivilisierte Weise und eingehegt durch das Gesetz verhandeln müssen.

Die Führer totalitärer Bewegungen versprechen eine Entwirrung dieses vielstimmigen politischen Basars. Sie bieten an, stattdessen auf staatlicher Ebene die einfachen und persönlichen Hierarchien einzuführen, die in Stämmen üblich sind. Je näher am Häuptling, desto mehr Macht. Momentan finden offenbar viele Menschen innerhalb und außerhalb Europas dieses Wir-Angebot attraktiv. „Wer ist wir? Ich nicht!“,  formulierte der Kabarettist Gerhard Polt einmal die Skepsis gegen solche Offerten. Doch leider ist das Bestehen auf eine wir-lose individuelle Freiheit nicht populär.




Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.


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