Mit der roten Fahne die Mehrheit im Griff Boris Kustodiev (1878–1927)

Wie Fanatiker denken

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Salonkolumnist Sebastian Geisler analysiert rational, dass Jeremy Corbyn zurücktreten müsse, damit Labour eine Chance bei den anstehenden Unterhauswahlen in Großbritannien hätte. Damit hat er völlig Recht und liegt gleichzeitig auch völlig daneben.

Denn was Geisler nicht begreift, ist das Denken von Fanatikern, wie es Corbyn und seine Getreuen sind. Das spricht sehr für Geisler: Er betrachtet die Situation, überlegt sich, was die wohl taktisch klügste Antwort auf Mays Neuwahltrick sein könnte, und kommt zur völlig logischen Antwort: Rücktritt Corbyn, Kampagne gegen einen harten Brexit, Bündnis mit anderen Pro-EU-Kräften.

Eine Niederlage hilft auch nicht

Das wird nicht passieren, weil die Analyse nicht in Betracht zieht, wie Fanatiker wie Corbyn denken. Viele meiner Freunde in der SPD verfolgen die Entwicklung Labours mit Entsetzen, aber sie haben noch Hoffnung: Bei einer Niederlage, immerhin, dann endlich wird Corbyn zurücktreten und Labour könnte der neokonservativen Tory-Regierung Paroli bieten. Sie liegen leider falsch, davon bin ich fest überzeugt. Ein aktueller Bericht im Independent bestärkt mich in dieser Auffassung.

Man muss dazu begreifen, dass es in allen linken Parteien die beständige Sehnsucht nach der ganz reinen und puren Lehre gibt. Einer linken Partei ist jegliches Regierungshandeln insgeheim irgendwie suspekt, denn es klappt eben nicht alles, manches geht schief, und Kompromisse gehören dazu. Erfolgreiche linke Parteien können dieses Gefühl niederkämpfen und erreichen dadurch kleine Fortschritte für die, für die sie da sein wollen: Für die kleinen Leute, für die, die von ihrer Hände oder ihres Kopfes Arbeit leben.

Kompromiss als Verrat

Corbyn und die Corbyn-Leute, in Großbritannien werden sie Corbynistas genannt, können dieses Gefühl nicht niederkämpfen. Kompromisse sind für sie Verrat, die Partei muss rein und sauber bleiben, dann kommt irgendwann die große Mehrheit und die Erlösung. Wer da religiöse Motive zu erkennen meint, liegt sicherlich nicht völlig falsch. Leider haben diese Leute mittlerweile die klare Mehrheit in der Labour-Partei. (Dass sie diese Mehrheit haben und sie auch nutzen können, ist die Schuld von Ed Miliband und seiner Parteireform, aber das ist ein anderes Thema.)

Das Ziel der Corbynistas ist es, aus der Mitte-Links-Partei Labour eine Linksaußen-Partei zu machen, vergleichbar mit der Linkspartei in Deutschland und Syriza in Griechenland. Dass die Partei damit gerade in einem Mehrheitswahlsystem nie wieder auch nur ansatzweise in die Lage versetzt wird, die Regierungsmehrheit zu erhalten, ist diesen Leuten egal. Man muss es noch einmal wiederholen: Das Ziel ist es nicht primär, die Regierung zu stellen und Gutes zu erreichen. Das Ziel ist die Reinheit der Lehre.

100 Prozent müssen es sein

Sie wollen keine Kompromisse, sie wollen zu 100 Prozent Recht haben. Nicht zu 70 Prozent, nicht zu 80 Prozent und auch nicht zu 90 Prozent. Es müssen die vollen 100 Prozent sein.

Was diese Fanatiker damit erreichen, ist klar: nichts. Sie erreichen nichts. Labour ist dem Untergang geweiht, falls Corbyn nicht doch aus welchen Gründen auch immer ein Erbarmen mit dieser 117 Jahren alten ehrwürdigen Institution haben sollte. Ich rechne nicht damit. Diese Spalter regieren lieber über eine reine und wahre 10-Prozent-Partei als in einer 40-Prozent-Partei Kompromisse eingehen zu müssen.




Sozialdemokrat, anderen Argumenten und Ideen gegenüber zugänglich. Bekämpft ab und an den Liberalen in sich. Lebt und arbeitet in Mannheim. Hat Geschichte, Germanistik und Theologie studiert.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com