Nicht alle Musiker glauben an Gott, aber fast alle an Bach – die ersten Takte der Johannespassion. Preußischer Kulturbesitz / Public Domain

Wie hältst Du’s mit der Religion?

Offenbar verschafft uns der Glaube einen evolutionsbiologischen Vorteil. Warum Religion zum Menschen gehört – ein paar Gedanken zum Sonntag.

Da ich gerade keine Lust habe, den tausendsten Text über Donald Trump oder – Gott bewahre! – über Jeremy Corbyn zu schreiben, hier ein paar Gedanken zur Religion. Sozusagen: mein Wort zum Schabbat.

Die interessanteste Schnittfläche zwischen Religion und Wissenschaft findet sich zurzeit auf dem Gebiet der Hirnwissenschaft. In den letzten fünfzehn Jahren hat die Medizin große Fortschritte gemacht, trotzdem ist vieles noch dunkel und unerklärt. Aber so viel scheint immerhin klar zu sein: Die Neigung zum Religiösen ist im menschlichen Gehirn angelegt. Sie ist angeboren, ein Produkt der Evolutionsbiologie. So etwas Ähnliches wie Religion scheinen übrigens schon Primaten zu haben: Affenforscher berichten, dass etwa Schimpansen, wenn sie sich plötzlich einem Wasserfall gegenübersehen, in eine Art mystische Verzückung geraten. Sie verharren stundenlang und führen eine Art Tanz auf. (Ich finde diese Berichte berührend.) Zum Durchbruch gelangt diese Anlage zur Religion aber erst beim Menschen – vom ersten Moment der Menschwerdung an: Wir begraben eben unsere Toten und lassen sie nicht auf dem Feld liegen, wo sie von Säbelzahntigern gefressen werden. (Eines der großen Dramen der Antike, die “Antigone” des Sophokles, handelt just davon: vom göttlichen Recht, begraben zu warden, das auch für einen Feind des Staates gilt.)

Keine Erfindung böser Menschen

Wenn die Religion evolutionsbiologisch in uns angelegt ist, dann folgt daraus aber allerhand. Erstens folgt daraus, dass die Geschichte vom Priestertrug, die uns die Aufklärer des 18. Jahrhunderts erzählt haben, ein unfrommes Märchen ist: Nein, Herr Voltaire, die Religion wurde nicht von bösen Menschen erfunden, um andere Menschen damit zu knechten. Sie ist nicht das Resultat einer Verschwörung. Sie ist überhaupt nichts, was künstlich geschaffen wurde. Sie ist – im besten und im schlimmsten Sinne – etwas zutiefst Menschliches.

Zweitens folgt daraus, dass man die Religion nicht abschaffen oder verbieten kann. Das schönste Exempel hierfür bietet natürlich der Kommunismus: Lenin und Genossen versuchten, die Religion mit brachialer Gewalt zu beseitigen – sie verwüsteten Kirchen und Synagogen und ließen höhnische atheistische Umzüge veranstalten, von denen die orthodoxen russischen Bauern natürlich zutiefst angewidert waren. Was war das Resultat? Die byzantinische Kirche erstand in ihrer ganzen goldenen Pracht in der Kommunistischen Partei neu – nur dass Gott jetzt halt “dialektischer Materialismus” hieß und die Zaren, die gleichzeitig Gottes Stellvertreter auf Erden waren, als “Generalsekretäre” tituliert wurden.

Religion verschwindet nicht

Die Religion ist aber auch nichts Primitives, das auf einer höheren Kulturstufe von selber verschwindet. Sorry, Genosse Marx! Pech gehabt, Herr Freud! Auch Gesellschaften, die in höchstem materiellem Komfort leben und mit allen Kulturgütern gesegnet sind – denken wir an die skandinavischen Länder – bleiben religiös. Nur ändert die Religion dann halt ihren Charakter: Sie verwandelt sich in den Protestantismus schwedischer Prägung (mitsamt Schwulen- und Lesbenehe und sozialdemokratischer Predigt). Oder sie nimmt den Charakter der verschiedenen New-Age-Kulte an, die jeder Gnostiker der Antike mühelos als “mea res agitur” wahrnehmen würde. Atheisten und Agnostiker waren eine Minderheit; sie bleiben eine Minderheit; und sie werden auch dann noch eine Minderheit sein, wenn Roboter uns von der Plage der Arbeit erlöst haben und niemand sich mehr von Krieg, Seuchen oder Genozid bedroht zu fühlen braucht. Nota bene: Nicht aus dem philosophischen Grund, dass wir auf die “Kontingenzfragen” (warum müssen wir sterben? etc.) keine rationale Antworten gefunden haben; sondern weil das Religiöse zum Menschlichen gehört.

Drittens: Natürlich sagt all dies nichts über den Wahrheitsgehalt der Religionen aus. Kann sein, es ist nichts als Zufall, dass das Universum eine mathematische Struktur ist; dass die vier Grundkräfte des Universums (die starke atomare Kraft, der Elektromagnetismus, die schwache atomare Kraft, die Gravitation) haargenau solche Werte haben, dass Leben möglich wird; dass der Übergang vom Anorganischen zum Organischen halt einfach so passiert ist – irgendwie. Kann auch sein, dass es nur scheinbar der historischen Logik widerspricht, wenn ein unbedeutender Stamm von Ziegenhirten, der am Rand der arabischen Halbinsel lebte und behauptet, er habe einen Vertrag mit dem Schöpfer des Universums geschlossen, sämtliche Pogrome und Völkermorde und den Untergang mehrerer großen Reiche überlebt hat.

Evolutionsbiologischer Vorteil

Aber auch Atheisten müssen sich die folgende Frage gefallen lassen: Warum hat sich die Empfänglichkeit für das Göttliche (in all seinen Erscheinungsformen) in der Evolution durchgesetzt? Sie muss jenen unserer Vorfahren, aus denen sich homo sapiens sapiens entwickelt hat, offenbar irgendeinen evolutionsbiologischen Vorteil verschafft haben. Aber welchen nur? Hat die Religion etwa die Fähigkeit befördert, in Gruppen zusammenzuarbeiten? Aber brauchte man dafür unbedingt einen Sinn im Menschen, der ihn (je nachdem) Götter, die Geister der Ahnen, das große kosmische Geheimnis oder gar den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs verehren lässt? Worin besteht – ganz naturwissenschaftlich und darwinistisch und ohne alles metaphysische Brimborium – der Sinn dieser evolutionären Entwicklung?

Und noch eine klitzekleine Frage hintennach: Warum befördert dieser angeborene Drang zum Religiösen zugleich das Beste und das Schlechteste im Menschen? Warum befähigt Religion den Menschen einerseits, die h-Moll-Messe zu schreiben, herrliche Moscheen zu bauen oder den Traktat Pessachim zu verfassen, verschafft ihm aber andererseits die Rechtfertigung, mit einem Auto in eine Menschenmenge zu fahren oder sich mit einer Bauchbombe inmitten von Teenagern und Kindern in die Luft zu sprengen? Und noch etwas: Warum sind so viele religiöse Urtexte (manche Stellen in der hebräischen Bibel, manche Stellen im Koran, die Bhadavad-Gita) so grausam? Und warum ist es dann aber etwa den Rabbinen gelungen, mittels Exegese aus diesen Texten eine humane Rechtspraxis zu konstruieren; warum gibt es Hindus, die wirklich Heilige sind?

So viele Fragen, so wenige Antworten. In diesem Sinne: Schabbat Schalom und einen schönen Sonntag.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


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