Wie ich einen DNA-Test gemacht habe

Für um die 100 Euro kann man eine Speichelprobe an Labors schicken und seine genetische Herkunft untersuchen lassen. Das ist hochinteressant – und könnte auch für Böses eingesetzt werden.

Der Kalifornier Kendrick Lamar rappt in seinem neuen Song „DNA“: „I got loyalty, got royalty inside my DNA“. Und später im Text: „Drippin’ gold inside my DNA“. Aber was habe ich in meiner DNA? Um das herauszufinden, habe ich einen Test gemacht, hier in den USA bei der von einem Israeli gegründeten Firma MyHeritage für 90 Dollar.

Dafür läuft hier auch Fernsehwerbung. Eine Afroamerikanerin findet zum Beispiel heraus, dass ein Großteil ihrer Gene auf eine Herkunft aus Westafrika hinweist. Sie zieht sich danach traditionelle nigerianische Kleider an.

Erstaunlich genau

Ich habe den DNA-Test gemacht, weil ein Kumpel ihn gemacht hatte. Sein Vater stammt aus Italien, seine Mutter aus Tschechien.

Er machte also diesen Test, für den man eine Speichelprobe in ein Labor, ich glaube in Utah, schickt. Dabei kam heraus, dass er zu 60 Prozent Italiener sei, zu 32 Prozent Osteuropäer und dann noch so kleine Einsprengsel Balkan und Irland.

Ich dachte also, so ein Humbug wird das nicht sein, schließlich hatten sie die Herkunft seines Vaters und die seiner Mutter offenbar deutlich in seinen Genen gefunden. Und der 2,5-Prozent-Ire war vielleicht ein Wandermönch, der Anno 1507 mal durch Italien gelaufen war, witzelte ich ihm gegenüber.

Ich bestellte mir auch die DNA-Box. Ich schabte mit zwei Wattestäbchen Speichel von den Innenseiten meiner Wangen und schickte sie in Plastiktuben eingeschlossen per Post los. Nach etwa vier Wochen kam das Ergebnis per E-Mail. Gespannt klickte ich auf einen Link und eine Weltkugel drehte sich, auf der nach und nach meine von der Firma ermittelte genetische Herkunft aufgeführt wurde.

Zuerst stoppte die Kugel in Skandinavien: 33,1 Prozent Skandinavier. Dann stoppte sie im Osten: 27,8 Prozent aschkenasischer Jude. Dann noch mal im Osten: 23,5 Prozent Osteuropäer. Und dann schließlich in dem Bereich, in dem ich normalerweise lebe: 15,6 Prozent Nord- und Westeuropäer.

Ich fand dieses Ergebnis sehr erstaunlich genau. Der Vater meines Vaters war Jude. Fast genau haben die Gen-Algorithmen dieses eine Viertel Herkunft in meinen Genen sehen können. Manche der Vorfahren meiner Mutter kamen aus Rumänien, also Osteuropa. Das Skandinavische ist interessant.

Ich dachte erst, passt ja, ich wuchs in Hamburg-Altona auf, das war mal Dänemark. Aber eigentlich stammen viele meiner Vorfahren aus Sachsen. Vielleicht hat da mal ein Schwede im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) was gemacht, witzelte mein Vater, als ich ihm von dem Test erzählte.

Test basiert auf Vergleichen

Ich las dann auch einen Testbericht einer Amerikanerin, die den Test bei zwei verschiedenen Anbietern (23andMe und AncestryDNA) gemacht hat. Beide kamen bei ihr fast exakt auf 90 Prozent skandinavische Herkunft, dazu ein bisschen Westeuropa, Großbritannien und ein Prozent Asien. Die wissenschaftlich wichtige Wiederholbarkeit der Ergebnisse scheint also gegeben.

Wie genau es funktioniert, weiß ich nicht. MyHeritage soll die DNA von Menschen aus der ganzen Welt getestet haben, deren Vorfahren seit mehreren Generationen in einem Gebiet lebten oder seit vielen Generationen innerhalb einer Gruppe heirateten.

So hat man offenbar minimale Unterschiede in den Genen gefunden, welche auf diese Gruppen hinweisen. Algorithmen gleichen das dann mit den neuen DNA-Proben ab und kommen auf die Prozentzahlen, die Schätzungen sind. Wie sich zeigte, sind es ziemlich gute Schätzungen.

Gefährlich

Ich erzählte meinen Geschwistern von dem Test. Ein Bruder sagte mir, dass er das für gefährlich halte und da hat er recht. Firmen, die diese Tests durchführen, wollen – wie in der Eigenwerbung von Ancestry – auch zeigen, wie durchmischt wir alle sind und Nationalismus so ad absurdum führen.

Aber natürlich kann man es für das Gegenteil nutzen, wie etwa das Beispiel der 90-Prozent-Skandinavierin zeigt, eine Art Überskandinavierin. Was, schrieb mein Bruder, wenn Marine Le Pen in Frankreich einführen würde, dass nur jemand Mitglied der Front National werden darf, der einen unter 15-prozentigen genetischen Anteil aus Nordafrika nachweisen kann?

Mein Vater schrieb mir dazu, wie schön man sich mit so einem Test auch alles „erklären und verklären“ könnte: „So kann man seelisch angenehm leben: Alle guten und schlechten Eigenschaften, die Du an Dir wahrnimmst, kannst Du nun erklären und verklären mit Deinem positiven oder negativen Vorurteil gegenüber Skandinaviern, Juden, Ost- Nord- und Westeuropäern. Das heißt: Kein Mensch ist an irgendwas schuld, hat aber auch keine echt eigenen Verdienste – es ist eben alles determiniert in den Genen.“

Und, so denke ich, die Nazis hätten in ihrem Rassenwahn solche Tests exzessiv genutzt – auch wenn viele von ihnen vielleicht so herausgefunden hätten, wie wenig „deutsch“ sie eigentlich sind.

Was auch, wenn Sven, Sohn von Klaus und Erika, mit seinem Test herausfindet, dass er zu 40 Prozent Grieche ist, weil die Mutter mal fremdgegangen war und das ihrem Mann verschwiegen hatte? Familien könnten zerbrechen.

Das Geschäftsmodell

Die Firma hat jetzt meine DNA. Fast wöchentlich kriege ich Mails, in denen mir mögliche Cousinen und Cousins zweiten Grades angezeigt werden, mit denen meine Gene zum Beispiel eine 0,7-prozentige Übereinstimmung zeigen. Ich kann diesen Leuten in den USA und Israel schreiben, aber nur, wenn ich eine Premium-Mitgliedschaft abschließe. Auf der deutschen Seite von MyHeritage (79 Euro kostet der Test in Deutschland) gibt es dann auch ein paar Erlebnisberichte, von Menschen, die verlorene Väter und Schwestern per DNA gefunden haben sollen.

Was, wenn irgendwann eine Krankenkasse meine DNA testet, oder den Datenpool aufkauft und sieht, dass ich vielleicht eine große Wahrscheinlichkeit aufzeige, Hautkrebs zu bekommen? Das kann durchaus helfen, weil ich dann womöglich mehr in der Sonne aufpasse. Aber muss ich dann auch 27,80 Euro im Monat mehr zahlen, weil ein Algorithmus wie bei einer Autoversicherung berechnet, dass ich wahrscheinlich mehr Kosten für das System verursachen werde, als mein Nachbar, der keine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Krebs in seinen Genen hat?

Mein Bruder, der so einen Test auf gar keinen Fall machen will, riet mir, der Firma mit einem Anwalt oder der Presse zu drohen, sollte sie meine Gendaten nicht löschen.

Aber das will ich gar nicht. Es ist alles verrückt, genau zu hinterfragen und kann für böse Dinge eingesetzt werden. Und ich verstehe jeden, dem das zuwider ist. Trotzdem war der Test für mich sehr interessant.


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Til Biermann ist Reporter bei "B.Z." und "Bild" und treibt sich, wenn er nicht in LA ist, in der deutschen Hauptstadt herum. Er schreibt öfters über Sonderlinge.


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