Der Brexit kommt. Dass die Idealvorstellungen der "Brexiteers" in Großbritannien nicht erfüllbar sind, ist nicht die Schuld der EU - und erst recht keine Strafe CC0 Public Domain/Daniel_diaz_Bardillo

Wieso das Gerede von der „Bestrafung“ der Brexit-Briten Unsinn ist

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„Nur Sekten machen ehemaligen Mitgliedern das Leben schwer“, heißt es jetzt mit Blick auf die Verhandlungen zwischen EU und UK. Dass der Vergleich absurd ist, zeigt ein einfaches Beispiel.

Nun hat Großbritannien also tatsächlich den berüchtigten Brexit-Brief nach Brüssel geschickt. Der Austritt aus der Europäischen Union ist beantragt, der Countdown bis zum Ausscheiden des Vereinigten Königreichs aus der EU läuft. Und irgendwie wird man mit der Situation jetzt umgehen müssen. UK-Regierungschefin Theresa May spricht gern vom „bestmöglichen Deal“, den sie für ihr Land nun erreichen wolle. Und der Trennungsschmerz ist auch auf dem Kontinent spürbar. Schon wird in Deutschland die Ansicht hörbar, man dürfe die Briten jetzt nicht „bestrafen“.

Die Chefin der „Bild“-Zeitung will „Schaden begrenzen!“ Zwar sei es „erschreckend, wie planlos die Regierung das Volk in den Brexit hat ziehen lassen“, schreibt sie in ihrem Kommentar, aber es sei „auch beschämend, wie laut in Brüssel darüber nachgedacht wird, an den Briten nun ein Exempel zu statuieren.“

Davon abgesehen, dass die Tory-Regierung mitnichten das Volk hat planlos in den Brexit „ziehen lassen“, sondern es aktiv ohne Konzept über die Klippe reißt, kann von „Exempel statuieren“ seitens der EU kaum eine Rede sein. Auf wen genau die Autorin sich bezieht, ist unklar. Dass aber in Brüssel natürlich bekannt ist, dass die Idealvorstellungen der „Brexiteers“ nicht machbar sind, steht außer Frage. „Nur Sekten machen Ex-Mitgliedern das Leben schwer“, heißt es weiter. Erfüllt die EU Brexit-Britannien jetzt nicht dessen absurde Wünsche, kommt das für die „Bild“-Chefin offenbar mindestens unanständigem Nachtreten gleich.

Die EU ist keine Sekte – sondern ein Club

Eine sehr seltsame Vorstellung von der EU, die – trotz mancher Romantik – weniger Sekte ist als vielmehr Club. Als wäre der Vergleich nicht oft genug bemüht worden: Wer seinem Kegelverein die Mitgliedschaft kündigt, der kann dann auch die Kegelbahn nicht mehr benutzen. Mit Nachtreten hat das nichts zu tun. Schon gar nicht, wenn man seinen Vereinskollegen auch noch mitteilt, man gedenke zwar weiter die Bahn zu nutzen, aber künftig die Regeln des Clubs nicht mehr einzuhalten und außerdem keinen Mitgliedsbeitrag mehr zu zahlen, auch keinen freundschaftlichen Zuschuss in die Vereinskasse.

Man muss es noch einmal deutlich sagen: Was die „Brexiteers“ für Britanniens Zukunft ankündigen, ist schlichtweg unerreichbar. Die Brexit-Befürworter in der Regierung wollen die EU verlassen und das Prinzip der Freizügigkeit aufgeben, um sich EU-Migranten zum Beispiel aus Polen aus dem Land zu halten, zugleich aber möglichst schrankenlosen Handel mit der EU treiben.

Dass das nicht geht, ist ein Grundprinzip jener Gemeinschaft, die die Briten über Jahrzehnte mitgestaltet haben. Großbritanniens Außenminister Boris Johnson wollte zwar vor Monaten schon nicht einsehen, dass freier Verkehr von Waren im Europäischen Wirtschaftsraum mit dem freien Verkehr von Menschen untrennbar verbunden ist, aber dass die EU ihre Grundpfeiler aufgibt und sich damit selbst schwächt, um die populistischen Versprechungen und Lügen der „Leave“-Kampagne realistischer zu machen, wäre schlichtweg irrational.

Selbstgewähltes Schicksal ist keine Bestrafung

Mit „Bestrafung“ hat es nichts zu tun, wenn die EU ihren alten Kegelbruder nicht ohne Mitgliedsbeitrag (oder wenigstens Nutzungsentgelt) und Einhaltung der Vereinsregeln mehr auf die Bahn lässt. Und ja, es ist völlig legitim, dass der Kegelverein EU die verbleibenden Mitglieder beisammenhalten will, die sich zurecht fragen würden, wieso man den Abtrünnigen nun großzügig mit durchschleppen sollte, selber aber weiterzahlen und die Regeln einhalten muss.

Nein, es sind die „Brexiteers“ der Tory-Regierung, die sich und ihrem Land schweren Schaden zufügen, indem sie jüngst rücksichtslos Kurs auf den sogenannten „schmutzigen Brexit“ genommen haben, der ein Ausscheiden Großbritanniens ohne einen Deal mit der EU bedeuten würde.

Zwischen „Bestrafung“ und unglücklichem, aber selbstgewählten Schicksal muss man unterscheiden – bei allem Trennungsschmerz.




Sebastian Geisler ist Redakteur bei der Berliner Morgenpost und studiert Englisch und Politik an der Humboldt-Uni. Unmittelbar vor dem Brexit-Votum drei Trimester am King’s College London und deren School of Management and Business. Dort einer der Älteren, zuvor oft der Jüngste gewesen: mit 23 als jüngster Redakteur ever im Ressort Wirtschaft bei der „Welt“ und bei seiner Ausbildung an der Axel-Springer-Akademie. Noch früher moderierte er bei der "nbc" in Windhoek/Namibia und bloggte aus dem Land für „Zeit Online“. Beim ZDF-Auslandsstudio Johannesburg erfolgreich mehrfach in Südafrikas Kriminalitätsstatistik eingangen. Zu seinen größten publizistischen Erfolgen muss er einen Text über seine Intimrasur in der „Welt am Sonntag“ zählen. Schreibt mit Leidenschaft über das südliche Afrika und gegen alles, was den common sense beleidigt.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com