Hinter Büschen, hinter Hecken Agenda-Setter sich verstecken Michael Miersch

Willkommen in der Tumultukratie

Manche Minderheiten sind sehr erfolgreich darin, Mehrheiten zu manipulieren. Um reichlich Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme zu ernten, muss man sich nur laut und lange genug empören.

Nackt zu schwimmen und in der Sonne zu liegen gehörte in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts zu den Stilmitteln, mit denen Jugendliche zeigten, dass sie sich freier und tabuloser fühlten als die Alten. Wer sich als Rebell inszenierte, und das waren damals einige, lag im Sommer unbekleidet am See. Leute, die nicht auf Badehose oder Bikini verzichten wollten, waren in unseren Augen verklemmte Spießer und zeigten, dass sie den repressiven Charakter bürgerlicher Normen noch nicht genügend verstanden hatten.

So ändern sich die Zeiten, heutzutage betrachten manche Mitbürger Bikinis nicht als Ausdruck von Schamhaftigkeit, sondern umgekehrt als Zeichen westlichen Sittenverfalls. Aber das ist nicht Thema dieser Kolumne.

Damals fiel mir zum ersten Mal ein erstaunliches Verhaltensphänomen auf: Mehrheiten passen sich zuweilen ganz automatisch und ohne zu murren einer Minderheit an. Denn es reichte, dass ein oder zwei weniger hippiemäßig eingestellte Mitschüler mit am Strand waren, und alle legten wieder Badekleidung an.

Warum war das so? Welche unausgesprochenen sozialen und psychologischen Me-chanismen waren da am Werk?

Meine Vermutung: Tolerante Mehrheiten geben nach, wenn sie das Gefühl haben, die jeweilige Minderheit würde zu sehr darunter leiden, sich anders verhalten zu müssen als gewohnt. Dass wir Nackten uns bedeckten war somit eine freundliche Geste gegenüber denjenigen, die wir als weniger frei, entspannt und selbstsicher – und somit als schwächer – betrachteten.

Erfreulicherweise denken und handeln heute viele aufgeklärte Menschen in diesem Sinne. Das hat zu zivilisatorischen Fortschritten geführt und die westlichen Gesellschaften humanisiert. Städte lassen es sich einiges kosten, Bauten und Infrastruktur, so zu gestalten, dass Menschen mit Behinderungen überall am sozialen Leben teil-nehmen können. Wir sprechen alle Englisch, wenn nur ein Mensch in einer Gruppe kein Deutsch versteht. Wir verzichten in Flugzeugen und Kantinen auf bestimmte Speisen, weil Allergiker sie nicht vertragen.

Doch mittlerweile sind manche Minderheiten dahinter gekommen, wie man das freundliche Verhalten der Mehrheit strategisch nutzen kann. Um reichlich Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme ernten, muss man sich nur laut und lange genug empören und behaupten, dass eine Anpassung von Seiten der eigenen Minderheit keinesfalls infrage käme.

Man könnte es „Tumultukratie“ nennen, vom lateinischen Wort für Lärm: tumultus. Es gewinnt der, der laut, intolerant und am schnellsten beleidigt ist. Am besten haben dies manche Aktivistengruppen begriffen. Sie verstehen es meisterlich, die mediale Lärmmaschine zu bedienen, um ihre Vorstellungen so lange ins allgemeine Bewusstsein einzutrommeln, bis alle sie als Norm akzeptieren.

Anti-Bahnhof-Demonstranten in Stuttgart und die Abendländler in Dresden schafften es durch geschickte Inszenierung, als vorherrschende Stimme ihrer Großstadt wahrgenommen zu werden. Obwohl Umfragen und Wahlen zeigten, dass sie deutlich in der Minderheit sind. Organisationen wie Greenpeace oder Peta spielen in der gleichen Aufmerksamkeitsliga wie Gewerkschaften, Parteien oder Kirchen. Dabei verfügen sie über keine Mitgliederbasis und ihre Kampagnen haben kein demokratisches Mandat.

Bio-Produkte machen lediglich 4,4 Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus (bei Fleisch liegt der Anteil unter einem Prozent). Doch eine über-aus erfolgreiche Medienpräsenz suggeriert, Bio sei ein Megatrend. Viele Menschen, die sich Bio nicht leisten können, haben deswegen ein schlechtes Gewissen und halten sich für eine aussterbende Minorität. In den schicken Vierteln Münchens und Berlins führen Supermärkte manche Waren nur noch in der überteuerten Bio-Version. Und niemand beschwert sich, weil die Minderheit die Mehrheit fest im Griff hat. Noch krasser ist es beim Veganismus, einer anderen vermeintlich boomenden Ernährungsdoktrin. Ihr folgen real weniger als ein Prozent der Bevölkerung, doch die genießen eine überwältigende öffentliche Aufmerksamkeit.

Auch auf dem Feld der Religionen funktioniert Tumultukratie. Strenge Muslime, die ihren Frauen Kopftücher oder gar Gesichtsverhüllung vorscheiben, sind eine Minder-heit in der muslimischen Minderheit. Doch sie haben es geschafft, als DIE Muslime wahrgenommen zu werden. Wer ihre vorgestrigen Sitten ablehnt, gilt als intolerant und sogar „rassistisch“ (als ob religiöser Fanatismus eine Rasse wäre).

Leider wird in der Tumultukratie oftmals übersehen, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen zwei Sorten Minderheiten gibt. Behinderte, Allergiker oder auch Homosexuelle sind nicht aus freien Stücken eine Minderheit. Es ist ihr Schicksal. Sie sind daher darauf angewiesen, in ihrer jeweiligen Besonderheit unterstützt zu werden. Es ist ihr gutes Recht, dass die Mehrheitsgesellschaft Rücksicht auf ihre Bedürfnisse nimmt.

Anders bei Glaubensgemeinschaften wie strengen Muslimen, Veganern oder Abendlandrettern. Sie haben sich freiwillig für eine Ideologie oder Religion entschieden. Dafür verdienen sie nicht mehr Rücksicht und nicht mehr Aufmerksamkeit als Zeugen Jehovas, Kommunisten oder Heavy Metal Anhänger. Niemand sollte sie wegen ihrer Einstellung belästigen oder gar ausgrenzen wollen. Doch niemand ist verpflichtet sich ihnen in irgendeiner Weise anzupassen. Sie haben ein Recht auf freundliches Ignorieren – auf mehr nicht.




Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.


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