Der kommende US-Präsident Gage Skidmore

Yusuf

Nach einer Uberfahrt in New York schöpft unser Autor etwas Hoffnung. Vielleicht wird sich Donald Trump am liberalen Amerika die Zähne ausbeißen

Meine Mutter und ich waren Fisch einkaufen – bei “Geshmake Fish”, unserem netten kleinen koscheren Fischladen in Riverdale. Vorher hatten wir bei “Key Foods” einen Sack Kartoffeln und Gemüse geholt, wir waren schwer beladen. Also bestellte ich uns ein Uber-Taxi. Der Name unseres Fahrers, der auf meinem iPhone erschien, war “Yusuf”. Ein muslimischer Taxifahrer, nichts Besonderes in New York.

Als das Uber-Taxi neben uns hielt, stellte sich heraus: Unser Fahrer war nicht nur Muslim, er war auch noch richtig gläubig. Sein Kinnbart reichte ihm bis auf die Brust herab. Ein freundlicher junger Mann, der uns half, unsere Einkäufe zu verstauen.

Ich setzte mich neben ihn, meine Mutter auf den Rücksitz. Dort lag das “Time”-Magazin mit Donald Trump auf dem Cover. “Iiii, die Fresse will ich eigentlich grade nicht sehen”, sagte meine Mutter, und so fingen wir also an, über Trump zu reden. “Der Mann ist so verrückt”, sagte Yusuf und lachte. “Ein echter Rassist! Dabei hat er einen jüdischen Schwiegersohn. Und seine Tochter ist, glaube ich, sogar zum Judentum übergetreten. Wie kannst du einen jüdischen Schwiegersohn haben und Rassist sein?“ Meine Mutter warf vom Rücksitz ein, sogar Hitler habe den jüdischen Arzt seiner Mutter, Dr. Bloch, unbehelligt nach Amerika fliehen lassen. Kurze Pause. „Bei dem Thema `Genozid´ kenne ich mich ziemlich gut aus“, sagte Yusuf dann. „Ich bin aus der Dominikanischen Republik. Mein Onkel hat Haitianer gehasst. Er hat seine Haut gebleicht, damit er mehr wie ein Weißer ansah. Er hat Tausende von ihnen umbringen lassen. Wir haben ihn angefleht: Onkel, das kannst du doch nicht machen. Aber er hatte die Macht.“

„Moment mal“, sagte ich. „Dein Onkel war Trujillo?“

„Ja. Er hat die Schwarzen gehasst. Er hat in den Dreißigerjahren sogar die Einwanderung von Juden erlaubt, damit sie die Dominikanische Republik `weißer´ wird. Stell dir das vor. Irre.“

„Ich weiß“, sage ich, „die deutsche Schriftstellerin Anna Seghers war deshalb in der Dominikanischen Republik im Exil. Und du bist wirklich mit dem Diktator Trujillo verwandt?“

„Ja“, sagte er.

„Kennst du `Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao´ von Junot Diaz? Ein toller Roman.“

„Ja, und `Das Fest des Ziegenbocks´ von Mario Vargas Llosa. Musst du auch lesen! Alle meine Verwandten sind katholisch, weißt du. Ich bin zum Islam übergetreten, meine Frau ist Marokkanerin. Ich bin mit Haitianern befreundet. All dieser Unsinn mit den Rassen … Allah hat uns als Menschen erschaffen. Punkt. Versuche doch mal, mich ethnisch einzuordnen! Was bin ich? Ein Latino, ein Muslim? Der Neffe eines Massenmörders? Was?“

„Ein typischer New Yorker“, sagte ich.

„In New York mixt sich alles“, sagte Yusuf. „Ein Grund, warum ich diese Stadt liebe. Das wird auch dieser Trump nicht kaputt kriegen. Inschallah.“

„Salam, Yusuf“, sage ich am Schluss, als er uns vor unserer Haustür absetzte. Dann holten wir unsere Einkäufe aus dem Kofferraum, und er fuhr mit seinem Uber-Taxi  davon.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com