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2020 – Jahr des Fortschritts

Ein Ereignis erschlägt das andere. Wenn in einem TV-Programm das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft läuft, hat der beste Spielfilm auf dem Konkurrenzkanal keine Chance. Ein großer Terroranschlag verdrängt jede Landtagswahl auf Seite zwei der Zeitung. Und wenn eine Seuche die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt, verkleinert dies alle anderen Ereignisse – so dass manches Wesentliche kaum noch wahrgenommen wird.

Während das Virus alle Aufmerksamkeit aufsaugte, ereigneten sich 2020 gleich drei global bedeutende technische Fortschritte. Allerdings wurde nur einer von einem großen Publikum wahrgenommen, denn er hatte direkt mit COVID-19 zu tun. Getrieben durch die große Not wurden erstmals RNA-Impfstoffe zugelassen. Millionen Menschen – auch in Deutschland – werden sich bald durch eine gentechnische erzeugte Substanz immunisieren lassen. Das wäre vor einiger Zeit noch undenkbar gewesen. Wer kann sich noch daran erinnern, dass Joseph Fischer, der erste grüne Landesminister, die gentechnische Herstellung von Insulin verhinderte? Lang ist’s her. Die breite Akzeptanz der medizinischen Gentechnik scheint mit den von BioNTech/Pfizer und Moderna entwickelten Impfungen besiegelt.

Energie und Fleisch – Die Menschheit könnte zwei riesige Probleme lösen

Zweiter Meilenstein des Fortschritts: Im Juli ging 2020 das größte energietechnische Projekt der Geschichte in die Endmontage, der Fusionsreaktor ITER im französischen Kernforschungszentrum Cadarache. Im Dezember nahm China seinen Kernfusionsreaktor Tokamak–HL–2M in der Provinz Sichuan in Betrieb. Kein CO2–Ausstoß, kein radioaktiver Müll, keine Explosionsgefahr, keine Landschaftsverbauung, kein Schreddern von Vögeln und Fledermäusen – und trotzdem kommt am Ende richtig viel Energie raus. Falls ITER sich nach Fertigstellung 2025 als Erfolg erweisen sollte, verheißt die Fusion von Wasserstoff–Isotopen unbegrenzte Energiereserven. Ein Menschheitstraum rückt näher und könnte auch hierzulande die Energiefrage neu beantworten. Denn obwohl die Grünen strikt dagegen sind, ist Deutschland beim internationalen ITER–Projekt mit dabei.

Der dritte und vielleicht folgenreichste Sprung in die Zukunft fand – in deutschen Medien kaum bemerkt – in Südostasien statt. Am 2. Dezember, dem Tag als in Großbritannien der erste RNA–Impfstoff zuglassen wurde, erhielt in Singapur das erste im Labor hergestellt Fleischprodukt auf Basis von Zellkulturen eine amtliche Zulassung: Hühnchen–Nuggets, für die kein Huhn geschlachtet wurde. Investoren aus aller Welt stecken seit ein paar Jahren große Summen in die Entwicklung von Laborfleisch. Bisher ist die Produktion noch ziemlich teuer, sie benötigt weiter Blutserum von Tieren und erreicht bisher nur die Konsistenz von Fleischkäse, Bouletten oder Nuggets, nicht von Steak oder Braten.

Sollte in ein paar Jahren tatsächlich wohlschmeckende Fleischprodukte aus Zellkulturen erschwinglich sein, ist kaum auszudenken, wie stark sich die ganze Welt dadurch verändern würde. Mehr als 60 Milliarden Nutztiere werden Jahr für Jahr geschlachtet, verkündet der „Fleischatlas“ der Heinrich–Böll–Stiftung, 58 Milliarden davon sind Hühner. Diese Tiere verbrauchen enorme Mengen Futter, Wasser und Landfläche. Sie hinterlassen Gebirge aus Kot und Seen aus Urin. Ihr Atem und ihre Darmgase tragen erheblich zum Klimawandel bei. Ganz zu schweigen von dem ethischen Dilemma, dass wir Menschen für unsere Ernährung andere Lebewesen töten, die Schmerz und Angst empfinden. Laborfleisch könnte unser aller Leben und die Ökologie des Planeten stärker verändern als das Auto, die Empfängnisverhütung oder das Internet.

Fortschritt braucht Gesellschaft

Auch die größten Erfindungen nützen wenig, wenn sie nicht mit gesellschaftlichem Fortschritt einhergehen. Dafür liefert Deutschland seit Jahrzehnten traurige Beweise. Neurotische Angst vor Atomkraft, Pflanzengentechnik, Agrarchemie und anderen hilfreichen Neuerungen ist mehrheitsfähig und lässt sich durch Fakten und Argumente nicht erschüttern. Doch 2020 passierte etwas Ungewöhnliches: Die Anti-Aufklärer gingen auf die Straße und wurden plötzlich sichtbar. Als „Querdenker“ vereinigten und versammelten sich die vielen Unterschätzten und Unsichtbaren, die seit Langem landauf landab in Anti–Mobilfunk–Protesten, Mütterkreisen gegen Impfen oder Bürgerinitiativen gegen Genmais aktiv sind. Damit taten sie ungewollt der Aufklärung einen Gefallen. Denn auf einmal nahmen auch Journalisten und Politiker wahr, wie dieses Milieu tickt und wie emsig es ist. Dabei hätte man schon seit der Welle von Verschwörungsglauben, die nach dem 11. September 2001 ausbrach, erkennen können, dass im mittelschichtigen Öko–Eso–Milieu eine Strömung entsteht, die sich quer zum klassischen Rechts–Links–Schema bewegt. Es ist zwar eine Minderheit, aber eine recht aktive, die seit Jahrzehnten ausdauern missioniert.

Mit den Querdenker–Demonstrationen kam ein hässliches Gebräu aus Unbildung, Verschwörungsmythen, Antisemitismus, Naturtümelei, Technikfeindlichkeit, Sektenglauben, Homöopathie und absolutem Gaga an die Oberfläche. Man sah, dass Anthroposophen in Alt–Hippie–Outfit kein Problem damit haben, zusammen mit völkischen Hetzern zu demonstrieren. Plötzlich staunten viele Bürger, dass der sanfte Waldorflehrer, die schrullige Oma aus dem Bioladen und die nette Kollegin mit dem Faible für „Belebtes Wasser“ und „Heilende Steine“ doch nicht so unpolitisch sind, wie man immer dachte. Sondern Ideologien in ihrem Kopf herumschleppen, die sowohl grün als auch braun anschlussfähig sind.

Wichtige Erkenntnisse

2019 wurden die höheren Töchter von „Fridays for Future“ mit ihren apokalyptischen Bußpredigten noch von fast allen Medien und Politikern hofiert. 2020 erschraken die Beobachter angesichts der Querdenker und deren apokalyptischen Visionen. Vielleicht war dies ein erster, kleiner Schritt, der Manche zu dem Gedanken führen könnte, dass Aufklärung, Fortschritt und kritischer Rationalismus es wert sind, verteidigt zu werden.

Neu war auch, wie über COVID–19 gestritten wurde. 2019 war beim Klimathema nur eine Sichtweise moralisch erlaubt. Die Wissenschaft hieß es, sei sich in allem völlig einig. 2020 wurde dagegen deutlich, dass es die Wissenschaft so wenig gibt wie eine absolute Wahrheit. Dass Wissenschaft sich durch Versuch und Irrtum der Wahrheit nähert. Und dass es ein produktiver Prozess ist (oder zumindest sein sollte), wenn Experten sich über Methoden, Schlussfolgerungen und Erkenntnisse streiten.

Sogar die die Grünen diskutieren 2020 erstmals kontrovers über Pflanzengentechnik und distanzierten sich von den Homöopathen. Wenn das kein Fortschritt ist.