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Bakterien statt Grafitti – Mierschs Zwischenrufe (4)

Worin besteht das Selbsttest-Risiko?

In den vergangenen Tagen höre und lese ich immer wieder, die Covid-19-Selbsttests, die es hoffentlich bald in Apotheken zu kaufen gibt, seien nicht ohne Risiko. Im Radio klingen die Moderatorinnen bei dem Wort „Risiko“ immer ganz ernst. Das wirft zwei Fragen auf. Erstens: Kennen die Journalistinnen und Journalisten irgendetwas in der Medizin oder der restlichen Welt, was man ohne Risiko tun könnte? Ich nicht. Und zweitens: Worin besteht dieses Risiko? Darin, dass die Tests zuweilen ein falsches Ergebnis liefern. Aber was passiert dann? Wenn der Test mir fälschlicherweise anzeigt, infiziert zu sein, bleibe ich eine Woche zuhause. Lautet das Ergebnis aber falsch negativ, gehe ich unter Menschen wie bisher. Die Gefahr für meine Mitmenschen bleibt also schlimmstenfalls gleich. Für mich selbst besteht das höchste Risiko darin, dass ich eine Woche zuhause bleibe, obwohl es gar nicht nötig ist. Verglichen mit dem Risiko, am Essen zu ersticken (etwa 450 Tote im Jahr in Deutschland), scheint mir dies akzeptabel.

Bisher ungenutztes Empörungspotenzial

Die Woken haben durchgesetzt, dass beim Verkleiden der Spaß aufhört. Es begann mit der Ächtung des „Blackfacing“ und erstreckte sich dann auf Faschingskostüme, mit denen in früheren Zeiten unsensible Personen First Nations (ehemals Indianer), Mexikaner, Araber oder Chinesen in parodistischer Form darstellten. Es sei, hieß das strenge Urteil, eine Form von Rassismus, sich Attribute anderer Kulturen oder Ethnien auf solche Weise anzueignen. Nun fiel mir beim Nachdenken darüber auf, dass es einen Bereich gibt, der von diesem Verdikt bisher verschont blieb: Travestieshows. Jedenfalls habe ich noch von keinem Protest dagegen gelesen oder gehört. Dort werden Frauen parodiert. Schlimmer noch: Frauen werden auf angeblich typisch weibliche Ausdrucksformen und Gesten reduziert. Skandal!!! Wenn ein Indianerkostüm Rassismus ist, dann sind Travestieshows eindeutig Sexismus. Ein Fall für woke Kulturwächter.

Es gibt solche Toten und solche

Der Guardian hat aus offiziellen Zahlen mehrerer asiatischer Staaten errechnet, dass im Zeitraum 2011 bis 2020 beim Bau der Anlagen für die Fußballweltmeisterschaft in Katar mindestens 6.500 Arbeitsmigranten aus Bangladesch, Indien, Nepal, Pakistan und Sri Lanka tödlich verunglückt sind. Über die Arbeiter aus Kenia und den Philippinen gibt es keine Zahlen. In Deutschland führte das zu keiner hörbaren Aufregung. Man stelle sich vor, die 6.500 wären Opfer des Atomunfalls von Fukushima, israelischer Militäraktionen im Gazastreifen oder Afroamerikaner, die von US-Polizisten erschossen wurden. Aber wen interessiert, was in einer kleinen arabischen Monarchie geschieht? Wir lassen uns das Fußballfest nicht vermiesen.

Ein Atlas der Alleskönner

Wenn man tagtäglich Neues über Viren liest, ist es erholsam, sich mit Bakterien zu befassen. Ludger Weß beschreibt in seinem Bakterienatlas 50 besonders originelle Vertreter dieser allgegenwärtigen Wesen, die neben Pflanzen, Tieren und Pilzen eine eigene Domäne des Lebendigen bilden. Weß gelingt eine Verbindung von Naturwissenschaft und fesselnder Erzählkunst, bei der man aus dem Staunen nicht herauskommt. Wer dieses Buch gelesen hat, wird Bakterien nie mehr als primitive Lebensformen bezeichnen. Denn ihre extremen Fähigkeiten sprengen in vielfacher Hinsicht die Grenzen, die Pflanzen und Tieren gesetzt sind.

Der Blick der meisten Menschen beschränkt sich auf Bakterien als Krankheitserreger, zu denen jedoch nur ein kleiner Teil gehört. Manchen ist noch bewusst, dass sie uns im Darm beim Verdauen helfen. Wer sich mit Essen befasst, weiß, dass wir ihnen Bier, Käse, Sauerkraut und Jogurt verdanken. Doch was einige der im Atlas beschriebene Arten sonst noch draufhaben, übersteigt die verrücktesten Science-Fiktion-Phantasien.

Ludger Weß: Winzig, zäh und zahlreich. Ein Bakterienatlas
Illustration: Falk Nordmann
Aus der Reihe „Naturkunden“ herausgegeben von Judith Schalansky
280 Seiten, 50 Abbildungen
Matthes & Seitz, Berlin

Ist es spießig, Graffiti doof zu finden?

Nein, ist es nicht. Das Taggen ist längst eine Massenbeschäftigung für ideenlose Schmierfinken geworden. Wenn man sich anstrengt, findet man vielleicht unter Tausend Graffitis eines, das einen Hauch von Originalität, Witz oder Talent enthält. Der Rest ist nicht wertvoller als das Pipi, mit dem Hunde ihr Revier markieren und macht Städte noch hässlicher, als sie ohnehin schon sind.

Rückblicke durch rosa Brillen

Robert Habeck sollte man nicht für Extinction Rebellion verantwortlich machen. Die meisten Anhänger des Islam sind keine Islamisten. Rechte CSU-Anhänger haben mit Björn Höcke wenig gemein. Dass Pauschalisierungen falsch sind, ist eine Binsenweisheit. In Rückblicken auf die 70er-Jahre liest man jedoch oft, alle seien damals irgendwie links gewesen. Pauschal und falsch.

Richtig ist, dass viele Jugendliche sich in den 70er-Jahren in linken Gruppen und Parteien engagierten. Historiker schätzen, dass es 200.000 bis 250.000 waren. Das sind mehr, als heute bei „Fridays for Future“ aktiv sind. Auch die meisten Bundestagsparteien haben weniger Mitglieder. Viele Wortführer von damals machten später steile Karrieren. Doch es war keine Bewegung im Sinne eines gemeinsamen Zieles und gemeinsamer Überzeugungen, im Gegenteil. Es gab Totalitäre, die Diktaturen wie in China oder die Sowjetunion verherrlichten. Und es gab auf der anderen Seite antiautoritäre und undogmatische Linke, die eine freiere Gesellschaft erschaffen wollten. Man bekämpfte sich heftig mit Worten und immer wieder auch mit Fäusten. In Frankfurt kündigten die Führer einer maoistisch-stalinistischen Kaderpartei schon mal an, dass sie nach ihrer Machtergreifung Antiautoritäre in Arbeitslager stecken werden. In Berlin sprengten Mao-Jünger die Veranstaltung einer trotzkistischen Gruppe und schlugen mit Eisenstangen auf die Teilnehmer ein, bis mehrere schwerverletzt am Boden lagen. Zwei Beispiele von vielen. Das übliche Wegzwinkern, „Damals waren doch alle irgendwie links“, beschönigt eine irrlichternde und in Gewalt verliebte Zeit.

Weniger ist mehr

Im Schaufenster eines Fahrradladens erfuhr ich, dass Fahrräder ohne Gangschaltung jetzt „Singlespeed Bikes“ heißen. Wieder was gelernt.

Hier geht es zur Webseite von Michael Miersch [1].