Wer Gomringers Werk studieren möchte, kann jetzt nur noch zum Buch greifen. Amrei Marie

Barbarei sieht anders aus

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Ein Gedicht wird bald nicht mehr auf einer Hauswand in Berlin zu sehen sein. Albern? Ja. Untergang des Abendlandes? Nein.

Avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

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Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Viele mögen vor August vergangenen Jahres nicht viel von  Eugen Gomringer gehört oder gelesen  haben. Nun aber hören wir fortwährend von ihm. Seit 2011, sechs Jahre lang, konnte jeder, der an der Alice Salomon Hochschule in Berlin Hellersdorf vorbeiging, sein Gedicht in spanischer Sprache an der Südfassade lesen, überlesen/sehen oder sich dabei so seine Gedanken machen. Sechs Jahre lang passierte nichts. Dann stellten plötzlich Studentinnen fest, dass es sich bei dem Acht-Zeiler des mit dem Poetik Preis der Hochschule ausgezeichneten Eugen Gomringer  um ein sexistisches Machwerk handelte. Daran war allein das allerletzte Wort, „Bewunderer“, schuld.

Eigentlich ein schönes Wort, wer will nicht bewundert werden? Doch das Pech ist, dass dieses Wort auf das Wort Frauen folgt und Frauen zu bewundern ist sexistisch – ohne wenn und aber.

Trigger Warnings

Nun soll das Gedicht übermalt werden und mit einem Gedicht der nächsten Preisträgerin des Poetik Preises der Schule ersetzt werden, vermutlich bis zum nächsten Gedicht eines weiteren  Preisträgers. Nun kommt das umstrittene Gedicht nicht ganz weg, wird nicht dem Vergessen und der Ausradierung anheimgegeben.  Es wird stattdessen auf einer Tafel verewigt werden, die auf derselben Wand angebracht werden soll und für alle, die den sexistischen Unterton übersehen haben oder nicht kapieren, mit Erläuterungen versehen. Trigger warnings in der Poesie.

Der Stein des Anstoßes, „ein Bewunderer“, steht am Ende einer Aufzählung: „Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer.“  Könnte es sein, dass der Bewunderer nicht nur die Frauen, sondern auch die Blumen und die Alleen oder gar das Gesamtkunstwerk aus Alleen, Blumen und Frauen bewundert – eine bezaubernde Parkszenerie wie wir sie aus vielerlei Kunstwerken kennen?  Syntaktisch zumindest ist das nicht auszuschließen.

Die Studentinnen freilich klammern die Bewunderung für Alleen und Blumen völlig aus und fixieren sich ganz und gar auf die nicht weiter beschriebenen Frauen. Und um die Befindlichkeiten der Studentinnen nicht weiter zu stören, müssen jetzt auch die Blumen und Alleen dran glauben.

ASTA nicht so ernst nehmen

Auf diesen Schelm setzen jetzt die Verteidiger des Verbleibs des Gedichts  an der Fassade noch anderthalbe. So beklagte unsere Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Übermalung des Gedichts als “einen erschreckenden Akt der Kulturbarbarei“. Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner? Das Gedicht wird nicht verbrannt, es wird auch nicht verboten oder zerrissen, es wird sogar auf einer Tafel für immer eingeritzt sein – wenn auch mit trigger warnings. Barbarei sieht anders aus. Wo war Frau Grütters Barbarei-Aufschrei als der Immerather Dom, ein neoromanisches Gotteshaus, im Rheinland  gesprengt wurde, um mehr Braunkohle zu fördern, die nur unseren CO2 Footprint erhöht? Das ist wahrlich Barbarei und von Frau Grütters war da nichts zu hören.

Das schlichte Gedicht des Eugen Gomringer hätte nie so viel Aufmerksamkeit bekommen, wenn die Befindlichkeiten von weiblichen ASTA-Mitgliedern nicht so ernst genommen worden wären. Der Dichter sollte sich freuen, über Poesie wird ja sonst nur in Russland heftig gestritten und diskutiert. Das nächste Gedicht an der Wand wird wahrscheinlich so unstrittig sein, dass ein Lyrikstreit nicht zu befürchten ist.




Promovierte 1976 über die englische Open University an der Universität Hamburg. Anschließend Postdoc-Forschung in den USA über verschiedene Aspekte amerikanischer Hochschulen. Gutachtertätigkeit im Bereich der vergleichenden Hochschulforschung. Journalistische Mitarbeit bei Die ZEIT, Süddeutschen Zeitung, Die Welt, FAZ, Tagesspiegel überwiegend im Bereich Bildung und Gesellschaft. Von 1998-2010 Jurymitglied beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung. Mitglied im Kuratorium der START Stiftung, Mitglied im Beirat des ELES Studienwerks. Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher, u.a. „Sie flohen vor dem Hakenkreuz“ (Hrsg), Rowohlt, Das Beste von Allem, Rowohlt, Mütterkriege, Herder, Eine Kindheit in Vormaurischer Zeit, Berlin Verlag. Verheiratet, zwei Töchter.