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Bericht aus dem Raubtiermaul des Lebens

Dies ist ein Buch wie wenige. Dabei zeigt sein Aufbau keine Besonderheiten: Es hat einen Prolog, zehn Kapitel, eine Danksagung. Aber auf seinen 240 Seiten geht es um alles, also das Leben: Liebe, Leid, Kummer, Hass, Verzweiflung, Schönheit, Leidenschaft, Trauer – das volle Programm. Was hinzukommt und was dieses Leben mit einem besonderen Schicksal auflädt, wie es nicht jedem widerfährt, wird eher beiläufig auf Seite 31 erwähnt: Die Autorin, Gabriele von Arnim, will nicht mehr mit ihrem langjährigen Partner zusammen sein und sagt ihm das. Später an diesem Tag wird er mit einem Schlaganfall zusammenbrechen. Ob das eine die Folge des anderen ist, ob dies wahr ist oder nur ehrlich – eine Unterscheidung, die die Autorin selbst einmal macht –, können wir nicht wissen. Sie verlässt ihn jedenfalls nicht. Die folgenden zehn Jahre bis zu seinem Tod wird sie sich um ihn kümmern, sucht Hilfe, findet manche. Der Trennungssatz spielt jedenfalls keine Rolle mehr. Er ist entwertet durch die neuen Umstände. Doch nicht wenige werden sich fragen: Warum ist sie nicht gegangen, warum bürdet sie sich diese Verantwortung, diese Mühen, dieses fremde Schicksal auf? Weil die Liebe nicht erloschen ist? Weil sie ein schlechtes Gewissen, Mitleid oder Anstand hat? Weil sie eine Opferbereitschaft besitzt, von der man nicht weiß, woher sie kommt? Es gibt in diesem Buch keine Antwort.  

Der Mann, der von diesem Schicksalstag an ein Pflegefall ist, war von den 1970er bis Ende der 1990er Jahre einer der renommiertesten Journalisten Deutschlands. Eigentlich spielt das keine Rolle, es könnte auch ein Jedermann sein, und die Autorin wird den Namen auch nicht nennen, um an Offenheit, ja, Intimität nicht sparen zu müssen und gleichzeitig den Menschen zu schützen. Natürlich kann das nicht funktionieren, doch wer das Buch liest, denkt wegen der Offenheit und Intimität tatsächlich nicht an eine bestimmte Person, sondern an sein beispielloses Leiden, das in der Anonymität beispielhaft wird. 

Was da zu lesen ist, sollte man nicht lesen, wenn einem schon bei Dr. House oder Emergency Room der Magen wegsackt. Denn zur dargestellten Leidensgeschichte gehören zwei Schlaganfälle, Lungenentzündungen, Embolien, Koma, Fehldiagnosen, Behandlungsfehler und zunehmende Hinfälligkeit bis zum Tod. Des Weiteren Fieber, Intubationen, Katheter, Gehirnströme, Luftröhrenschnitt, Hirnblutungen, Rotze, Spucke, Pisse, Scheiße. Warum sollte man davon lesen wollen?

DIE GROSSE KRAFT DER LITERATUR

Es gibt in der jüngeren Literaturgeschichte einige herausragende Bücher, die sich mit Tod und Siechtum befassen. Der Schriftsteller Harold Brodkey schrieb kaltblütig reflektiert in  Die Geschichte meines Todes über seine AIDS-Erkrankung und sein Sterben. Der Journalist Jean-Dominique Bauby, nach einem Schlaganfall fast vollständig gelähmt und gefangen im Locked-in-Syndrom, diktierte mit einem Auge blinzelnd seinen Erfahrungsbericht Schmetterling und Taucherglocke . Die Essayistin und Autorin Joan Didion verfasste mit Das Jahr magischen Denkens ein Buch über die Trauer nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes. 

Es liegt eine große Kraft in dieser Literatur, in diesen drei Büchern. 

Das Buch von Gabriele von Arnim muss in diese Reihe gestellt werden, weil es nicht nur in seiner thematischen Dichte, dem feinen Stil, der poetischen Sprache und seiner Offenheit mithalten kann, sondern weil es uns genauso klüger macht, die Augen öffnet und als literarisches Exerzitium vorbereitet auf das Unvermeidliche: selbst einmal siech und Leidender zu sein oder verzweifelt Mitleidender. Nur die wenigsten werden dieser Rollenverteilung entgehen. Bis diese Entscheidung gefällt ist, kann man sich durch solche Bücher wie das von Gabriele von Arnim stärken.   

Diese Art reflektierter Erfahrungsberichte hat nichts mit Ratgeberliteratur zu tun, die bar der persönlichen Umstände, Gefühle, Erfahrungen immer genau weiß, wie man handeln muss in solchen Fällen von Tod, Unfall oder Krankheit, die das Leben mit scharfer Klinge in ein Vorher und Nachher geteilt haben. Dieses Buch ist intensiver als jeder sozialkritische Roman und mehr „hardboiled“ als das ganze wohltemperierte Schreibschulengeschreibsel. Was es so fesselnd macht, so gewinnend, so anders als die anderen genannten Bücher – das ist der dargestellte zehnjährige Kampf um Selbstbehauptung: „Wie geht man um mit der Angst, der fiesen Gefährtin. Wie schafft man die Balance, in der Krankheit zu sein und im Leben zu bleiben. … Wann wird Aufopferung erbarmungslos.“ Die Fragezeichen der Autorin fehlen, weil keine Antwort gegeben, aber das Bemühen beschrieben werden soll, der Einsamkeit und dem Eingesperrtsein noch einmal zu entkommen. Gabriele von Arnim geht den Weg der Zweifel und der Zerrissenheit, der Kränkungen und der Krisen, der Ohnmacht und der Erschöpfung mit einem in sich gekehrten Existentialismus. Was daraus entstanden ist – ist ein leidenschaftliches Requiem aus dem „Raubtiermaul des Lebens“.

Schließlich kommt das Ende: ergreifend die Beschreibung, wie sie am letzten gemeinsamen Weihnachten Kochen und Pflegen meistert, noch einmal alle Kräfte aufbringt, um das feierliche Beisammensein dem gebrochenen Mann so angenehm wie möglich zu machen – und sich selbst auch. Doch wie das Ende einen Prolog hat, so hat es auch einen Epilog. Nach dem Tod des Mannes folgen nicht nur die lange schmerzliche Trauer, sondern auch die Nachwirkungen von zehn Jahren Kummer, Sorge, Isolation, Erschöpfung sowie die Mühen der „Resozialisierung“ und die langsame Wiederentdeckung der Lebenslust. „Vielleicht ist es leichter, gern zu leben“, resümiert sie, „wenn man Krisen gelebt hat, wenn man sich erlebt hat in der Herausforderung und im Danach – wenn die Kraft wiederkommt und auch die Lust, wenn eine Wehmut bleibt und eine Zärtlichkeit, eine auch ängstliche Wahrnehmung für die Verletzbarkeit von uns Menschen.“

Vielleicht ist es so. Aber sollten wir letztlich, wenn es geht, nicht jede Minute das Leben genießen? Wir sollten es uns zur Aufgabe machen. Dieses Buch kann dabei helfen. 

Gabriele von Arnim: Das Leben ist ein vorübergehender Zustand. Rowohlt Verlag: Hamburg 2021, 22 Euro