Carl Schmitts später Vollstrecker
Natürlich hat Trump nie Schmitt gelesen – aber seine Einflüsterer. Die Methode Trump ist nicht Wahnsinn, sondern die autoritäre Neuordnung der Welt. Europa hat nicht mehr viel Zeit, das zu verstehen.
Was zum Satan will Donald Trump mit Grönland? Rohstoffe? Zugang zur Arktis? Einen Punkt, von dem aus er die russische Kriegsmarine abschrecken kann? Der letzte Punkt ergibt am wenigsten Sinn. Dänemark ist in der NATO, wenn die Vereinigten Staaten ihre Truppenpräsenz auf Grönland verstärken wollen, können sie das jederzeit tun. Auch Schürfrechte auf Grönland können wir Amerikaner jederzeit erwerben. Und wenn wir Ansprüche auf die Arktis sichern wollen, bringt uns die Annexion von Grönland keinen Schritt weiter. Also: Was will der amerikanische Präsident?
Die einfachste Erklärung ist, dass es sich bei um Trump einen verrückten und dummen Menschen handelt. Zweifellos ist diese Erklärung richtig. Es rächt sich jetzt, dass es über die Jahre beinahe tabu war, öffentlich über Trumps Geisteszustand zu reden. Dabei braucht man keine psychiatrische Ausbildung, um Folgendes zu erkennen. Erstens: Trump ist ein bösartiger Narzisst, und zwar seit seiner Kindheit. Zweitens: Der IQ von Trump ist dermaßen niedrig, dass er, wenn er nicht 500 Millionen Dollar von seinem Vater geerbt hätte, bestenfalls eine Anstellung als Straßenfeger gefunden hätte; wäre Trump schwarz, säße er jetzt wahrscheinlich im Gefängnis. Drittens: In den vergangenen Jahren ist Trump rapide verfallen. (Man vergleiche Videoaufnahmen von heute mit Videoaufnahmen, die vor zehn Jahren gemacht wurden. Man vergleiche Videoaufnahmen von 2015 mit jenen aus den Achtzigerjahren.)
Allerdings hat der trumpistische Wahnsinn Methode. Und diese Methode heißt Carl Schmitt.
1939, kurz vor dem deutsch-sowjetischen Überfall auf Polen, veröffentlichte der nationalsozialistische Jurist Carl Schmitt einen Aufsatz über die “Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte”. In diesem Essay bekannte er sich zu einer ursprünglichen Monroe-Doktrin; die Amerikaner, schrieb Schmitt, hätten diese Doktrin spätestens mit ihrer Intervention in Europa während des Ersten Weltkriegs verraten. Schmitt bezog sich hier auf den amerikanischen Präsidenten James Monroe, der 1821 erklärte, dass die europäischen Mächte kein Recht hätten, den amerikanischen Kontinent weiter zu kolonisieren.
Laut Carl Schmitt folgte daraus: Die Welt war in drei Einflusssphären geteilt; in jeder Einflusssphäre hatte ein autoritär regierter Staat das Sagen. Dieser autoritäre Staat durfte tun, was er wollte, ohne sich um Regeln zu kümmern. Den Vereinigten Staaten gehörte die Neue Welt. Asien gehörte den Japanern. Europa gehörte dem Deutschen Reich. Und keiner durfte sich in die Angelegenheiten der anderen Einflusssphäre einmischen. (Darum das “Interventionsverbot für raumfremde Mächte”.)
Der Gegenentwurf zu dieser Großraumordnung war für Carl Schmitt das britische Weltreich. Das Empire war laut Schmitt erstens liberal, zweitens heuchlerisch und drittens von den Juden dominiert: Schmitt hatte ein Porträt des britischen Premiers Disraeli über seinem Schreibtisch hängen, um, wie er sagte, den Feind stets fest im Blick zu haben. Disraeli, ein zum Christentum konvertierter sephardische Jude, war Premierminister unter Königin Victoria. Er betrachtete das Empire als Vehikel, um Ost und West, Europa und Asien in einen fruchtbaren Austausch miteinander zu bringen. Für Carl Schmitt aber waren maritime Imperien wie das britische, das auf dem Freihandel basierte, betrügerische Unternehmungen, die nur einer winzigen globalen — lies: jüdischen — Elite nützten.
Carl Schmitts Essay über die Großraumordnung spielte im Dritten Reich keine große Rolle. Zu schnell tauchten deutsche Soldaten in Nordafrika auf. Offenbar wollte Nazideutschland nicht nur Europa unterwerfen, sondern weiter expandieren. Aber in jüngster Zeit hat Carl Schmitts Idee neue Anhänger gefunden: in Moskau und Peking. Die Chinesen leiten von Carl Schmitts Doktrin das Recht ab, sich Taiwan zu holen. Die Russen begründen unter anderem mit dieser Idee ihren Vernichtungskrieg gegen die Ukraine.
Natürlich hat Trump nie Carl Schmitt gelesen. Aber viele Leute in seinem Umfeld sind fanatische Schmittianer. Ich habe vor zehn Jahren Curtis Yarvin interviewt, einen Softwareentwickler aus Silicon Valley, der sich selbst einen Neoreaktionär nennt und die liberale Demokratie für einen Irrtum hält. Er gehört zu den wichtigsten Einflüsterern von J.D. Vance, dem amerikanischen Vizepräsidenten, und wird von Peter Thiel, eine Multimilliardär mit faschistischen Neigungen, finanziert.
Yarvin erzählte mir damals mit leuchtenden Augen nicht nur von seiner Lektüre des konservativen Revolutionärs Arthur Moeller van den Bruck, dessen Buch “Das Dritte Reich” er im Original gelesen hatte. Yarvin erzählte auch von seiner Bewunderung für Carl Schmitt.
Bleibt am Schluss die Frage, ob Carl Schmitt etwa Recht hatte. Vielleicht ist eine Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte ja gar nichts Schlechtes? Vielleicht ist sie einfach das Naturwüchsige und das Völkerrecht eine Illusion? Vielleicht bricht sogar der Weltfrieden aus, wenn die Amerikaner in ihrer Hemisphäre für Ordnung sorgen, Europa sich den russischen Ansprüchen fügt und China Asien dominiert?
Das Problem ist, dass Großraumordnungen nicht funktionieren. Imperien, zumal diktatorisch geführte, geraten schnell miteinander in Streit. Kleine Völker lassen sich nicht einfach so von großen Völkern überrollen, sondern führen Guerillakriege. Autoritäre Staaten sind notorisch schlecht darin, das Nachfolgeproblem zu lösen. (Was geschieht, wenn Putin stirbt?) All dies ist uns aus der Geschichte wohlvertraut. Die siebzig Jahre Frieden in Europa waren eine Ausnahme; ohne die NATO, ein Verteidigungsbündnis miteinander verbündeter Demokratien, hätte es diese Epoche des Friedens nie gegeben.
Was passiert morgen? Bleiben Trumps Drohungen heiße Luft oder marschieren amerikanische Soldaten in Grönland ein, um die Stars and Stripes zu hissen? Machen unsere Soldaten dann Jagd auf alle Leute, die Dänisch sprechen? Keine Ahnung. Jedenfalls unternimmt die Regierung Trump alles, um die NATO zu zerstören. Dies war von Anfang an ihr erklärtes Ziel; die Europäer haben sich bislang nur geweigert, es zur Kenntnis zu nehmen.







