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Das Herz der Finsternis

Glaubt man der Linkspartei, war Kindesmissbrauch ein reines Westthema, etwa der katholischen Kirche. Dabei waren die Heime der DDR für viele Kinder und Jugendliche – besonders aus unangepassten Familien – eine Hölle, die bis heute weitgehend beschwiegen wird.

Vor etlichen Jahren kam ich auf einer Feier mit einem Mann ins Gespräch. Er lebte in Norddeutschland, war über 70, sah blendend aus, groß, ehemals blond, jetzt weißhaarig, mit blauen Augen und einem sympathischen Lächeln. Typ: Sky Dumont. Ein erfolgreicher Geschäftsmann mit einer netten Familie, wie sich herausstellte.

Ich fragte ihn, woher seine Familie käme – und er sagte, er wüsste es nicht. Und als ich stutzte, sagte er mir, dass er seine „Existenz“ der Aktion „Lebensborn e.V.“ verdanke. Von Lebensborn wusste ich nur, dass es Himmlers Kinderprogramm war, um arischen Nachwuchs für die SS zu züchten. Er hatte keine Ahnung, ob er aus einem Zeugungsakt zwischen einem SS-Mann und einer deutschen „Zuchtstute“ (sein Zitat) stammte, oder ob er ein Mitbringsel aus den eroberten Gebieten, zum Beispiel aus Norwegen oder den Niederlanden war. Genetisches Beutegut, das Himmler – falls es seinen Ansprüchen genügte – ebenfalls für den „reinrassigen“ Aufbau des Dritten Reiches requirierte. Mein Gesprächspartner wusste nur, dass er erst in einem Heim aufwuchs, irgendwo bei Bremen und dann zu einer SS-Familie bei Kiel kam. Der Mann verschwand im Krieg, zur Pflegemutter hatte er zeitlebens eine gute Beziehung, aber auch sie konnte ihm über die Herkunft nichts sagen, nicht mal, woher sein Name Heinrich stammt. War es sein echter Name oder nur eine Art Seriennummer, ein Klon des großen Reichsführers SS in Mini-Ausgabe.

Nationalsozialistische Genlotterie

Ich wollte eine Geschichte über ihn machen, aber er lehnte ab. Er habe sich sein ganzes Leben mit der Frage nach seiner Herkunft gequält, und wenn er darüber sprach, meist nur Unverständnis geerntet. Einige versuchten, in ihm einen gefährlichen Wiedergänger der SS zu sehen, so als würde sich bei diesem Treffer in der Genlotterie auch automatisch die Schuld auf das Kind übertragen, andere schlugen fast die Hacken zusammen, als sie „Lebensborn“ hörten und ihre Augen begannen zu leuchten. Er hätte sich manchmal gewünscht – so wie die Speer-Kinder – zu wissen, wer seine Eltern waren und welche Verbrechen sie begangen hätten. Dann hätte er wenigstens einen  sauberen Schlussstrich ziehen können. Für sich, für die Öffentlichkeit. Aber so …? Da blieb nur Schweigen.

In der Bundesrepublik begann erst nach 20 Jahren und weit nach den Nürnberger Prozessen die große Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen. Dann aber gründlich. Die Studentenbewegung und die außerparlamentarische Opposition outeten alle, die sich schuldig gemacht und geglaubt hatten, sie könnten schon wieder hohe Ämter in Politik, Verwaltung. Medien und Justiz bekleiden und die gehofft hatten, mit der Wirtschaftswunder-Euphorie werde sich auch das Interesse an ihrer früheren Funktion erledigen. Es war eine Fehleinschätzung, wie sich zeigte, denn spätestens nach 30 Jahren war von der alten NS-Funktionselite nichts mehr übrig geblieben: entlassen, bestraft, pensioniert, biologisch rückstandsfrei abgebaut. So hatte es den Anschein. Deutschland – ein Musterland, an dem man erfolgreich Vergangenheitsbewältigung lernen kann?

Das stimmt nicht ganz. Beispiele wie oben zeigen, dass man oft nur an der Oberfläche gekratzt hatte. Das subtile Gift, das der NS-Staat in die Köpfe seiner Bürger eingepflanzt hatte, konnte man nicht so einfach herauswaschen und „entnazifizieren“. Und was auf der Forschungsebene erfolgreich passierte, war in der deutschen Wirklichkeit schnell Schall und Rauch. Oral History war zwar en vogue, wurde aber ziemlich vage, wenn die Quellen abseits der üblichen Geschwätzigkeit über ubiquitäre Alltagserinnerungen zu HJ-Lagern, KdF-Urlauben, Butterknappheit und Volksempfängern nicht sprechen wollten oder konnten. Dann nämlich, wenn es um das Eingemachte ging, um persönliche Schuld und Verstrickung. Oder um die Wiederholung alter Narrative, wenn etwa, wie bei den Flüchtlingen, viele Migranten pauschal als „Eindringlinge“ in den deutschen „Volkskörper“ diffamiert werden.

Die Affäre der Nazi-Jäger mit den Ostsozialisten

Und dann passiert noch einmal das Gleiche. Die DDR-Diktatur ging unter – und wieder gab es Heimkinder, die nicht genau wussten, woher sie kamen. Und plötzlich hatten ausgerechnet jene, die noch vor wenigen Jahren den schonungslosen Offenbarungseid der deutschen Volksseele gefordert hatten, eine unerklärliche Beißhemmung. Lag es an der Wiederholung des Verfahrens oder an der Tatsache, dass viele ehemalige Nazijäger eine mehr oder weniger heimliche Affäre mit dem Ost-Sozialismus hatten, jedenfalls fiel die Abrechnung mit dem kommunistischen System deutlich freundlicher als mit dem nationalsozialistischen aus, auch wenn beide Systeme selbstverständlich nicht auf einer Stufe standen. Dabei gab es übrigens auch in der DDR viele alte Parteigenossen, die mal offen, mal versteckt im SED-Staat Karriere machten. Die brutalsten NS-Schergen versetzte man als Erzieher in die Heime.

So konnte sich die untergegangene DDR schon bald nach der sogenannten Wende als Sehnsuchtsort für gekränkte Ost-Bürger präsentieren, in dem – gängiger Slogan – „nicht alles schlecht war“ und in dem (je nach Alkoholgehalt und Länge des Gesprächs) vielleicht sogar „fast alles gut war“ – abgesehen natürlich von Stacheldraht und Stasi. Und wenn es nach 1989 etwas zu bemeckern gab, und es gab viel, dann war es garantiert ein „West-Problem“. Das betraf sogar Zugunglücke. „Reichsbahntragödie“, titelte das erste Boulevardblatt des Ostens, die Zeitung „Super!“, am 29. Juli 1991: „Die Todeslok kam aus dem Westen“.

Im Osten nichts Neues?

Worüber selten – und noch seltener von den Betroffenen – gesprochen wurde, war das Heimsystem der DDR. Auch hier kam die „Todeslok“ eindeutig aus dem Westen. Man braucht nur einen Abgleich bei Google zu machen und „Kinderheime“ und Missbrauch“ eingeben um festzustellen: Unter den ersten 30 Treffern beschäftigen sich nur drei mit DDR-Heimen, der Rest kommt aus der alten Bundesrepublik, aus Irland und Österreich. Und unter diesem Stichwort sind die jüngsten Skandalfälle noch nicht einmal erfasst: die „Internate“ und „Schulen“ im Odenwald und in Berlin, die monatelang die Schlagzeilen beherrschten – während es umgekehrt hieß: „Im Osten nichts Neues!“

Diese einseitige Geschichtsverarbeitung prägt die Wahrnehmung – auch bei der Politik. Als die Bundesregierung einen Entschädigungsfonds für die westdeutschen Heimkinder in Höhe von 120 Millionen Euro auflegte, packte sie später noch einmal – eher aus Gründen der Parität – 40 Millionen für die ostdeutschen Heimkinder drauf. Wenig später war der Ost-Fonds erschöpft, während der West-Fonds noch nicht einmal zur Hälfte abgerufen wurde. Erschrocken wurde der Ost-Fonds auf 364 Millionen aufgestockt, die Auszahlung jedoch zeitlich limitiert. „Jedes zehnte Heimkind geht leer aus“, titelte der RBB auf seiner Website und: „Die Bundesregierung war nach der Einrichtung des Fonds von der großen Nachfrage überrascht.“

Das sollte eigentlich Anlass genug sein, sich mit der Anspruchsgrundlage, die einzeln nachgewiesen werden musste, auch medial auseinanderzusetzen – und zwar in der gleichen Weise, wie man es im Westen getan hatte, etwa bei der Forderung nach Bestrafung der Verantwortlichen. Doch davon kann nicht die Rede sein. Die Frage lautet also: Wie kann es sein, dass Politiker, Erzieher und Lehrer noch immer nicht für die massiven Menschenrechtsverletzungen, die im Namen eines „sozialistischen Friedens-Staates“ verübt wurden, zur Rechenschaft gezogen wurden –  für Missbrauch, Folter, Drill und entwürdigende Unterbringung?  Alles nur, um einen Homunculus der „neuen Humanität“ zu erschaffen, den perfekten, widerspruchsfreien, unkritischen, pflegeleichten sozialistischen Musterbürger. Vielleicht weil viele immer noch daran glauben, dass dieser Job eine der wichtigsten Aufgaben der DDR war?

Margot-Honecker-Kitsch

Es kann kein Zufall sein, dass wann immer die „taz“, der „Deutschlandfunk“ oder ein anderes Medium das Kapitel DDR-Heimerziehung ansprach, plötzlich Jubelberichte in einschlägigen Medien erschienen: Interviews, in denen ehemalige Heiminsassen von ihrer Zeit in den „Jugendwerkhöfen“ schwärmten. Das „Neue Deutschland“ machte daraus am 2. November 2013 unter dem Titel „Geschichten zum Heulen und Wege ins Leben“ ein Rührstück [1] im besten Margot-Honecker-Kitsch:

Sie sind Besucher – und Sucher. Im Sand der Erinnerung finden sie ihre Spuren. Renate sagt: Das Heim hat mir meinen Weg bereitet. Ähnliches sagen Marina, Claudia, Hildegard, Jürgen, Heidi, Henry, Dieter. Zitate aus den Gesprächen: »Es war meine Rettung.« »Es gab mir Balance.« »Diese Entwicklungsmöglichkeiten hätte ich sonst nicht gehabt.« »Uns ging es gut.« »Wir hatten viel Spaß.« »Es war mein Glück.« Das Wort Glück erwartet man nicht.

Dann frage ich, warum sie ins Heim gekommen sind. Sie erzählen ihre Vorgeschichte. Danach wird es zum Heulen. Ich verstehe, warum sie »Glück« sagen und das Heim meinen. Und lieber nicht dort gewesen wären.

Diese Verlogenheit, die die Opfer noch immer dazu zwingt, ihre Leidenszeit als Glück zu begreifen, weil ihnen sonst nur Untergang gedroht hätte, erreicht sogar Wikipedia. Dort wird der sowjetische Erziehungspapst A. S. Makarenko [2] noch immer zum großen Menschenfreund verklärt: „Sein Erziehungsprinzip lautete: Ich fordere Dich, weil ich Dich achte.“ Nicht erwähnt wird die von Makarenko entwickelte „Explosionmethode“, ein sektenähnliches Programm der Gehirnwäsche und körperlichen Bestrafung, das genau jenen Selbsthass erzeugt, von dem die DDR-Apologeten heute profitieren. Ziel der „Explosionsmethode“ war es, bei den Neuankömmlingen eine Art Shock & Awe zu erzeugen, mit der jeder „bürgerlich-liberale Widerstand“ gegen den Geist des sozialistischen Kollektivs durch irrationale und spontane Gewalt gebrochen werden sollte. Der berühmt-berüchtige Jugendwerkhof Torgau war das „Herz der Finsternis“, wie es die Wissenschaftlerin Beate Mitzscherlich formulierte.

Sind also die 135 000 Heimkinder, die es nach Berichten von DDR-Historikern gibt, nur deshalb so schweigsam, weil sie sich entweder hassen oder ihr Glück immer noch nicht fassen können, diesem Terror-System entflohen zu sein? Oder liegt es eher daran, dass sich die Medien lieber für die spektakulären Fälle aus katholischen oder stark weltanschaulichen Kinderheimen interessiert haben. Dieser Frage geht derzeit auch eine unabhängige Kommission für Missbrauch in der DDR unter der ehemaligen Familienministerin Christine Bergmann nach. Die beiden Autorinnen der Fallstudie, Beate Mitzscherlich und Cornelia Wustmann, kommen zu dem Ergebnis, dass das geschlossene System in der DDR und der immer noch in der Partei „Die Linke“ verherrlichte Typus des sozialistischen Menschenbilds die Tabuisierung dieses Themas verstärkte. Und zwar damals wie heute.