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Das Konzert der Forschung und seine Feinde

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Wie ein Orchester sich mit einer neuen Partitur vertraut macht, lernt die Wissenschaft gerade das neuartige Coronavirus kennen. Und wir alle sind bei den Proben dabei. Umso ärgerlicher, dass manche ohne Recherche und Verstand in die ersten Konzertproben brüllen.

So wie der Franzose David Fray hat wohl noch niemand die Klavierkonzerte von Johann Sebastian Bach eingespielt. Wellen musikalischer Argumente lösen einander ab im Zwiegespräch von Orchester und Klavier, mal in leiser zärtlicher Symbiose, mal in wildem Streit — aber immer nachvollziehbar, folgerichtig, stimmig.

Die Entstehung der Aufnahme mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen im Jahr 2008 wurde von einem Kamerateam begleitet. Die Dokumentation kann man sich auf Youtube anschauen. Darin erklärt Fray seine Ideen für die Interpretation der Noten Bachs, er diskutiert mit seinen manchmal nicht sonderlich überzeugten Kollegen. Das ist ein seltener Einblick in die Tiefe und Verwobenheit, in die Ideen und die unfassbare technische Expertise, die in das Endprodukt geflossen sind.

Niemand bei Verstand käme auf die Idee, Orchester und Solist einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie sich an vielen Stellen zunächst uneinig sind, dass sie manche Stellen immer wieder korrigieren und schleifen müssen, bis am Ende alles stimmt. Und niemand mit einem Hauch von Verständnis für Musik würde sich beschweren, dass dieser Prozess der Verfeinerung und des freundlichen Streits zwischen den Musikern veröffentlicht wurde.

Leider sieht sich die Wissenschaft zunehmend genau diesem Vorwurf ausgesetzt. Wir wollen Antworten, die richtigen und zwar sofort! Dabei ist der Prozess der Forschung nicht weniger tief, nicht weniger verwoben und verlangt ein ebenso großes Maß an Expertise. Unfreiwillig haben wir in den vergangenen Wochen einen seltenen Einblick in dieses Spiel der Wissenschaftler erhalten, in ihre methodische Kritik, ihre Uneinigkeit über Interpretationen von Daten, ihre Verbesserungsvorschläge.

Ein Haufen grölender Säufer

Wir sind das Kamerateam, mit dabei wie ein Orchester tausender Experten mit verschiedensten Instrumenten nach und nach zu einem Verständnis eines neuen Virus und seiner horrenden Auswirkungen gelangt. Dabei lernen die Forscher die Noten dieses so zerstörerischen wie faszinierenden RNA-Komponisten gerade erst kennen. Das Ziel ist: eine stimmige Interpretation der virologischen und epidemiologischen Daten. Dabei tun sich Solisten mal hier und mal da mit Ideen hervor, ihre Stimme sticht heraus, um dann wieder im Hintergrund zu spielen.

Die Bühne, auf der sich das ganze abspielt, ist allerdings weniger sicher als der Übungssaal der Kammerphilharmonie Bremen. Es ist, als hätte jemand David Fray und die Kammerphilharmonie Bremen auf die offene Straße gezerrt, wo sie nun zunehmend verunsichert ihre Proben abhalten müssen.

Darin liegt eine große Chance! Nicht nur können die Zuhörer nun miterleben, wie Forschung entsteht, wie sie trotz allem Streit („Clinch”) in dieselbe Richtung strebt, wie die Interpretationen sich wandeln, je mehr Daten aus aller Welt in die Partitur des Coronavirus einfließen — und wieder wegradiert werden. Wir haben auch die Chance unser Gespür für wissenschaftliche Stimmigkeit daran zu schärfen: statistische Verteilungen, Fehlerintervalle, Signifikanzen — wie greifen diese Begriffe ineinander, um am Ende eine Annäherung an die Wahrheit über Sars-CoV-2 zu bilden? Und ja: welche Fehler können selbst dem besten Forscher dabei unterlaufen?

Doch manche Kommentatoren benehmen sich derzeit wie ein Haufen grölender Säufer, die dem Orchester auf offener Straße in die Ohren brüllen: Wir wollen Techno! Wie, die haben schon wieder ihre Meinung geändert! Was erlauben Drosten!

Auch das Resultat sehen wir. Selbst die schärfsten Kritiker unter den Experten springen ihren Forscher-Kollegen öffentlich zur Seite, versuchen aufzuklären, zu erklären, dass all das normal ist: die methodische Kritik, die Zweifel, die Meinungswechsel. Ja, es gibt auch unter Forschern Eitelkeiten und Starallüren, Ellenbogenkämpfe um die nächste Runde Forschungsfinanzierung. Es gibt auch jede Menge schlechte Forschungsprojekte. Am Ende aber gibt es immer noch diesen lästigen Faktor, der über Wahrheit und Unwahrheit der vorgetragenen Thesen — und damit über den Forschungserfolg — entscheidet: die Natur und ihre Daten.

Noch lange nicht einstudiert

Zugegeben, das alles ist ein bisher einmaliger Vorgang. Wir dürsten nach klaren Antworten: sollen Kitas und und Schulen wieder öffnen und wenn ja wie? Hilft der lästige Mundschutz und wenn ja wem? Sind Kinder doch gefährdet, wie die Fälle des Kawasaki-ähnlichen Syndroms vermuten lassen? Was richtet Sars-Cov-2 im Körper an? Welche Medikamente könnten helfen und haben wir bald eine Impfung?

Wir wollen zurück zur Normalität. Einige von uns haben Angst um ihre Angehörigen, andere um ihre eigene Gesundheit. Die Einsamkeit treibt uns in die Sonne. Was helfen da schon die ewig wechselnden Empfehlungen und Maßnahmen. Das Orchester der Forschung scheint manchmal einfach nur im Weg herumzustehen.

All diese Emotionen sind nachvollziehbar. Aber sie sind auch gefährlich, wenn wir ihnen mehr Vertrauen schenken als der wissenschaftlichen Erkenntnis. Mag das vor unseren Augen entstehende Konzert der Corona-Forschung noch so sehr wie eine Kakophonie klingen, seine Sätze nehmen langsam Form an: ACE-2 ist der Rezeptor, der dem Virus Einlass in die Zellen gibt, Vaskulitis verschiedener Organe scheint der gemeinsame Nenner aller schweren Verläufe, Remdesivir hilft ein wenig, Aerosole sind als Übertragungsweg wichtiger als gedacht, Kinder sind womöglich so ansteckend wie Erwachsene.

Manche dieser Sätze in der Corona-Partitur sind noch nicht ganz sauber, noch nicht begutachtet, nur als Preprint an die Öffentlichkeit gelangt. Man darf aber nicht vergessen, dass selbst in Fachmagazinen veröffentlichte Forschungsergebnisse keine unumstößlichen Wahrheiten sind. Statistisch signifikante, sauber produzierte Forschungsergebnisse sind im besten Fall Anhaltspunkte für Effekte, die es lohnt weiter zu erkunden. Das Konzert ist noch lange nicht einstudiert.

Uns bleibt da nur, die besten Zwischenergebnisse als Richtschnur für unser weiteres Handeln zu nutzen. Die Alternative wäre blinder Populismus. Da ist es ein Jammer, wenn Forscher sich nun aus der Öffentlichkeit zurückziehen, weil ein paar Stumpfköpfe, die nichts von Forschung verstehen, mit dem medialem Megaphon in die erste Konzertprobe brüllen. So dringend der Wunsch nach klaren Wahrheiten auch ist, wir müssen die Ungewissheit aushalten, die jede wahre Forschung so durchwirkt, wie die Entstehung musikalischer Wahrheit.




Wollte eigentlich Sänger werden, hat stattdessen in Oxford Hirnforschung studiert. Promotion im Jahr 2012 über das Gehör der Ratte. Rückkehr nach Deutschland und Wechsel zum beruflichen Schreiben im Jahr 2014. Seither freier Wissenschafts- und Investigativjournalist mit Fokus auf Hirnfragen und künstliche Intelligenz. Veröffentlicht vor allem in Spektrum, Technology Review und der NZZ. Hier, um Politisches wissenschaftlich zu hinterfragen.