Das Unding und der Überlebenskünstler
Eine der größten Menschheitsgeschichten kommt jetzt in die Kinos: die Odyssee. Sie ist ein unauslöschlicher Teil unserer Kultur. Doch was hat sie uns heute noch zu sagen? Ein Essay über Irrtümer und Erkenntnisse der zeitgenössischen Rezeption.
Dem Hollywood-Tycoon Samuel Goldwyn wird das Zitat nachgesagt, dass ein Film mit einem Erdbeben beginnen und sich dann langsam steigern müsse. Was als Produzenten-Anweisung für einen Blockbuster verstanden werden sollte, lässt sich ohne weiteres auch auf die abendländische Kultur, wenn nicht die Geschichte übertragen. Am Anfang stand der griechische Dichter Homer mit seinem epischen Doppelpack „Ilias“ und „Odyssee“ als schwer zu überbietende Fanfare für die folgenden bald dreitausend Jahre europäischer Zivilisation – Mord und Totschlag inbegriffen.
Gleich im ersten Vers der Ilias wird das Schlüsselwort der nun einsetzenden Geschichte ausgerufen: der Zorn. Von diesem extremen Affekt gepackt wird Achill, der als eigentlich unabhängiger Gewaltunternehmer mit seinen Mannen auf Seiten der Griechen schon seit Jahren vor den Toren Trojas kämpft, ohne dass der Krieg in eine entscheidende Phase geraten wäre. Doch nun passiert etwas, was den eher gelangweilten Achill in die besagte Rage versetzt: Der griechische Heerführer Agamemnon stiehlt Achill seine Konkubine Briseis, woraufhin der Zorn entfacht wird, aber zunächst in Beleidigtsein umschlägt: Achill weigert sich, weiterhin zu kämpfen – was eine erhebliche Schwächung der griechischen Reihen bedeutet hätte. Also gibt Agamemnon Briseis zurück in der Hoffnung, dass sich der Zorn trotzdem nicht so leicht abkühlt und sich gegen die Trojaner richtet, nachdem Achills junger Gefährte Patroklos in der Rüstung Achills von den Trojanern getötet wird. So kommt es auch: Es braucht genau 51 Tage, bis Achills Zorn verflogen ist – ein kurzer Zeitraum, wenn man bedenkt, das Homers trojanischer Krieg zehn Jahre dauert. Aber in diesen 51 furiosen Tagen verliert Troja seinen fähigsten Krieger Hektor, einen Sohn des trojanischen Königs Priamos. Dieser Verlust ist das Vorzeichen für den Untergang der Stadt. Doch wir erleben ihn in der Ilias nicht. Vom Untergang erfahren wir erst in der Fortsetzung der Ilias, in der „Odyssee“, die erst Jahrzehnte später erscheint. Eine schwere Probe für Fans von Abenteuerliteratur.
EIN KANONISCHER STEINBRUCH
Warum sollte uns das alles heute noch interessieren? Ganz aktuell, weil Christopher Nolan, der neben Denis Villeneuve momentane Großmeister der zeitgenössischen Kinos, sich des Materials angenommen und starbesetzt verfilmt hat. Und vor allem, weil sich Homers Werk seit seiner Entstehung über die Jahrtausende zum großen kanonischen Steinbruch unserer Kultur entwickelt hat – vergleichbar nur noch mit der Bibel, mit Goethes Faust und Shakespeares Werken –, aus dem Motive, Figuren wie Erkenntnisse fortgesetzt herausgeklaubt werden können. Homers Werke sind – wie er selbst – mythengesättigt und somit überzeitliche Zeugnisse, die uns mithin noch lange beschäftigen werden.
Doch machen wir uns nichts vor: Das Abendland hat ein gespanntes Verhältnis zu Homer und seinem Werk. Kunstgiganten und der sie umflorende Geniekult ziehen in Verbindungen mit einer unklaren Vita- und Quellenlage neben den ehrbaren, um Fakten bemühten wissenschaftlichen Aufklärern leider häufig auch spekulative oder gar halbseidene an, die, mit einem gewissen missionarischen Eifer, das Leben und Wirken des verlässlich immer wieder genannten Autors mal hierhin, mal dorthin verorten. So ist es bei Homer seit der Antike schon, als sich einige um Klarheit über Herkunft und Lebenswandel bemühten, andere wild fabulierten. Sicher ist nur, dass sich Homer in keinem Einwohnermeldeamt verewigt hat. Er dürfte aber zwischen dem 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. gelebt und sich hauptsächlich an der westkleinasiatischen Küste (heute Türkei) und den vorgelagerten griechischen Inseln aufgehalten und womöglich als Lehrer verdingt haben. Vielleicht, so glaubten manche, war er sogar blind, was seinen Status als „blinder Seher“ selbst schon ins Mythische überhöhte und ihn selbst der Figur des Teiresias aus der Odyssee anverwandelte, wenn er sich da nicht tatsächlich selbst listig im Epos verewigt hat.
Über die Jahrhunderte kann man feststellen, dass die Untersuchungen und vermeintlichen Gewissheiten oft mehr über die Biographen und ihre Wunschvorstellungen aussagten, als über die vorliegenden Fakten. Seit dem 19. Jahrhundert – also noch vor dem im 20. Jahrhundert laut verkündigten Tod des Autors – gibt es schließlich Zweifel, ob es sich nur um einen Rhapsoden und nicht vielmehr um eine ganze Autorengruppe handelt, es also Homer gar nicht gab und wir es nur mit einer literarischen Boygroup mit leichtgängigem Namen aus der Ägäis zu tun haben. Die Dekonstruktionskultur der Freizeitherostraten, die sich gern an jedem abendländischen Denkmal parasitär abarbeiten und eine erquickliche Ruhmesrente einzuheimsen hoffen, teilt Homer mit Shakespeare, der auch nicht einfach der Autor Shakespeare sein kann, ja zuletzt sogar schön postkolonialistisch korrekt als Venezianerin marokkanischer Abstammung „identifiziert“ wurde.
Aus Homers Werken sind heutzutage nur die Figuren und Motive bekannt, die von Zeit zu Zeit von der Popkultur in Literatur, Musik und Film zitiert und aufgefrischt werden – gelesen werden die (durchaus schwierigen) Werke kaum noch (wie auch James Joyces Homer-Adaption „Ulysses“), eher die Schrumpfvariante in Form populärwissenschaftlicher Sekundärliteratur. Wenigstens das. Der ehemalige Eliteschüler Boris Johnson war wohl der letzte Politiker (oder der erste seit der Renaissance?), der aus dem Stegreif das Homersche Werk zitieren konnte (und dann auch noch auf Altgriechisch!). Wie zu erwarten, hat ihn das aber nicht zu einem guten Politiker gemacht.
Immerhin: Jeder, der sich als Eigner eines durchschnittlichen Sprachschatzes glücklich schätzen darf, hat schon einmal das Wort „Odyssee“ gehört und benutzt, und dafür muss er nicht in die Ägäis oder den Weltraum, denn eigentlich braucht es nur eine Reise im europäischen Fernbahnnetz, und man ist schon mittendrin in dem, was man eine „Odyssee“ und im Austausch mit anderen Fahrgästen als eine passende, wenn auch ironisch gefärbte Beschreibung nennen kann: nämlich das verzögerte und abenteuerreiche Ankommen in der Heimat, zu der es uns letztlich immer hinzieht. Nicht zu vergessen die mittlerweile wohl zeitloseste Trope unserer Kultur: das Trojanische Pferd, das, als Inbegriff von List und Täuschung, in der digital-sinisteren Welt einfach als „Trojaner“ im Gebrauch ist.
Es ist vor allem die Filmindustrie, die das Homersche Werk am Leben erhält, denn Odyssee und Ilias bieten alles für einen saftigen Blockbuster: einen raffinierten Helden, Abenteuer zuhauf, intrigante, rachsüchtige Götter, starke Frauen, Verrat, blutige Gemetzel, Begehren und Machtgelüste. In jüngerer Zeit war es zunächst der deutsche Regisseur Wolfgang Petersen, der den Stoff 2004 opulent unter dem Titel „Troja“ mit einer riesigen Starbesetzung verfilmte, aus der Brad Pitt als Achill herausstach und trotz Leinwand-Tod als Superstar geboren wurde. Ende letzten Jahres gab es unter dem Titel „Rückkehr nach Ithaka“ einen Film von Uberto Pasolini über das letzte Kapitel der Odyssee mit Ralph Fiennes als Odysseus und Juliette Binoche als seine Frau Penelope. Sehr ansehnlich verfilmt und gespielt, aber gewiss nur etwas für echte Kinoenthusiasten, da es in dem Film nichts gab, was über die Geschichte hinauswies. Aber die Zeit für eine Wiederentdeckung von Ilias und Odyssee scheint günstig, obwohl sie sich gegen solche unterhaltsamen Großwerke wie „House of the Dragon“, „Game of Thrones“ oder „Herr der Ringe“ behaupten müssen. Oder die Streaming-Plattformen haben den Hunger auf den antiken Fortsetzungsroman über Krieg und Heimkehr erst so richtig anfachen können, zumal die geopolitische Situation Erzählungen zu diesen Themen befördert. Gewiss hängt es auch mit dem Namen Christopher Nolan zusammen, von dem man immer etwas Besonderes erwarten darf, der Genre-Filme wie die „Dark-Knight-Trilogie“ herausragend realisieren kann wie auch intellektuelle Biopics wie „Oppenheimer“. Nolan hat zudem eine Obsession, was das Thema „Zeit“ angeht: In seinem Oeuvre findet sich ein halbes Dutzend Filme, die sich mal mehr, mal weniger als variantenreiche Meditationen über Zeit lesen lassen. Das macht seine Wahl für „Die Odyssee“ umso verständlicher, denn Homers Werk ist ein großes Wechselspiel von gedrängter wie gedehnter Zeit: Der symbolische Kern des zehnjährigen Trojanischen Kriegs, der gewalttätige Zorn des Achill (ebenso vorhanden bei dem Hahnrei Menelaos oder seinem machthungrigen Bruder Agamemnon), wird ja in nur wenigen Wochen des neunten Kriegsjahres erzählt, ohne dass das Ende des Kriegs auch nur annähernd in Sicht käme; die Hauptgeschichte der Odyssee, die wiederum zehnjährige Rückkehr des Helden, besteht aus einer Fülle von Nebengeschichten und mehreren Erzählebenen, die nicht nur den hippologischen Ausgang des Kriegs, sondern auch wichtige Einzelschicksale und das Ausmaß unterschiedlichen Verrats anschaulich machen (hier nur wenige Spoiler!). Inwieweit das eine Rolle in Nolans Film spielen wird, lässt sich bald feststellen.
ERKENNTNISSE UND IRRTÜMER
Dessen ungeachtet bietet uns Homers Fiktion mehr als gute Unterhaltung, nämlich wie in einem Brennglas gebündelte erfahrungsgesättigte Bilder als Anstöße zu – ja, Gedanken, Erkenntnissen, Warnungen und Irrtümer!
Der Denk- und Kunsttausendsassa Bazon Brock aus der Philosophenschule wilder Assoziationsketten hat erst jüngst bei einer schönen Selbsthommage zu seinem 90. Geburtstag ein kleines Action-Teaching-Stück aufführen lassen: „Berlin – Troja unseres Lebens“, wo wir in den verschütteten märkischen Ruinen das Bewusstsein von der Beständigkeit des Wechsels, von der Kontinuität der Brüche und dem Augenblick der Ewigkeit lernen können statt das Schliemannsche Verfahren, den Mythos für wahr zu nehmen – ein Verfahren, das Deutschland letztlich durch Phantasterei und Größenwahn selbst und Europa in zwei Weltkriege gestürzt habe.
– Allerdings tut der Autor dieser Zeilen sich immer noch schwer damit, den hier hergestellten Zusammenhang unmittelbar und schlüssig zu erkennen. Aber weil Bazon Brock immer anregend ist, soll er hier erwähnt werden.
Damit gibt sich der Schriftsteller Botho Strauß gar nicht erst ab. In seinem Theaterstück „Ithaka“ von 1996 zeigt er den Odysseus als Herkules, der den Augiasstall voller sich der Völlerei hingebender Freier blutig ausmisten muss, will er selbst seinen alten Platz im Palast und in Penelopes Bett wieder einnehmen. Nicht wenige haben darin zu Recht einen ziemlich deutlichen gesellschaftspolitischen Kommentar von Strauß gesehen, der das Gemeinwesen von zeitgenössischer Wohlstandsverwahrlosung und mittelmäßigen Politikern mit Waffengewalt befreien will. Strauß ermahnt Odysseus mittels Auftritt und Stimme der Göttin Athene, ein „mutiger Aufhalter“ zu sein – also das, was aktuell als alttestamentarischer „Katechon“ bei bestimmten amerikanischen Tech-Bros und Philosophen die Runde macht.
– Das mit dem Augiasstall und dem herrischen Gestus erinnert den Autor dieser Zeilen ganz nebenbei an einen Auftritt von Greta Thunberg, die, als sie noch nicht als Antisemitin über das Mittelmeer fuhr, vor Jahren in Warschau den versammelten EU-Politikern konstatierte, deren Haus gehöre eigentlich auch, ob des langsamen Fortschritts in der Klimapolitik, von ihnen gereinigt.
Aber niemand hat für das Ansehen unseres Helden Odysseus und indirekt damit für uns mehr getan als Max Horkheimer und Theodor Adorno. Odysseus ist ein Spielball der Mächte, der die eigene Ohnmacht überwinden muss und seine eigene Geschichte und die Natur beherrschen. Damit sei er der Urtypus des modernen Menschen, ja des Bürgers, der durch Selbstbeherrschung und Vernunft einen instrumentellen Geist formt, um die Herausforderungen des Lebens zu bestehen – gleich, ob es naturhafte Gewalten, Ungeheuer oder Kriege seien.
– Was aber nutzt das, fragt sich der Autor dieser Zeilen, wenn außerhalb des Leseraums die Gewalt wächst? Er hegt viel plausible Sympathie dafür, die Ilias und vor allem die Odyssee als Emanzipationsgeschichte des Menschen zu lesen. Aber gleich die erste List des Odysseus, der sich für einen Idioten ausgibt, weil er zuhause bleiben will, scheitert durch eine Konter-List der Gestellungsbeamten, die ihn durchschauen und so in den imperialistischen Krieg pressen.
Neben der Macht listiger Täuschung sollte man aus Homers Werk eher etwas von der warnend exemplifizierten Gefahr der Selbsttäuschung lernen. Die Griechen waren überheblich wegen der schieren Größe ihrer Streitmacht und dachten, dieser Krieg würde nicht lange dauern. Die Trojaner wiederum verstanden alle Zeichen und Warnungen falsch, deuteten sie nach ihrem Wunsch und Glauben; so sahen sie zum Beispiel, obwohl Kassandra und Laokoon eindringlich warnten, in dem monumentalen Holzpferd das Eingeständnis der griechischen Niederlage und ihres eigenen Sieges. Nichts aber blendet die Massen mehr als billige Schönheit. Daher nannte der französische Philosoph André Glucksmann nicht von ungefähr die nach Troja halb entführte, halb geflüchtete Helena „das eigentliche Trojanische Pferd“, schließlich ist sie in der Odyssee, nach dem Untergang Trojas, wieder bei ihrem Gatten Menelaos und herrscht mit ihm über Sparta; über ihre Verschlagenheit kann auch nicht hinwegtäuschen, dass sie die Soldaten im Trojanischen Pferd mit Rufen vor der Zeit herauslocken wollte, denn damit hatten die Griechen schon gerechnet. Helenas Gerissenheit ist wahrscheinlich noch größer als die des Odysseus, und auch Penelopes List steht die ihres Gatten in nichts nach. Schließlich hält sie die Freier drei Jahre lang hin, indem sie versichert, sie werde, sobald sie ein Leichentuch fertig gewebt habe, einen Nachfolger für Odysseus auswählen, der auch ihr Gatte würde; aber in der Nacht löst sie die Fäden des Tages wieder, und so gewinnt sie Zeit bis zur erhofften Rückkehr des Odysseus. Was dann passiert, will sie gar nicht recht wissen; und so zieht sie sich in ihre Gemächer zurück.
– Denn der Heimkehrer führt den Krieg im Gepäck mit sich. Der Autor dieser Zeilen hat sich immer gewundert, dass kaum Bezug zu den Erfahrungen im zehnjährigen Krieg dargestellt wird. Die Metzeleien im Palast, bei der nicht nur alle Freier, sondern auch die unbotmäßigen Mägde und der Ziegenhirt Melanthios dem Rächer zum Opfer fallen, reichen an die grausigen Beschreibungen der Kämpfe vor den Toren Trojas heran. Die Gewalttätigkeit des Odysseus haben also selbst die paradiesischen Zustände bei den Phäaken und die Jahre der Liebeständeleien bei Kalypso und Kirke nicht heilen können. Die wohl bitterste Erkenntnis aus Homers Werk.
Niemand hat dieses Werk aber so auf den Nenner gebracht wie die französische Philosophin Simone Weil in den 1930er Jahren: Es ist die Gewalt. Homers literarische Darstellung dieser Gewalt – ob vor Troja oder auf Ithaka – ist zwar nie verherrlichend oder parteinehmend, aber in ihrer bitteren, kreatürlichen, splatterhaften Schonungslosigkeit erschreckend und schockierend. Weil erkannte darin, wie Gewalt „heute wie einst die Mitte von jeder menschlichen Geschichte“ sei. Gewalt ist das Unding, das „aus jedem, der ihr unterworfen ist, ein Ding macht“. Aber keiner will dieses Ding sein. Die namhaften Homerschen Helden nicht wie auch die ohne Namen. „Während sie ihre Macht anwenden, berührt sie niemals die Ahnung, dass die Folgen ihres Tuns sie ihrerseits unterwerfen werden.“ In der Ilias finde sich daher kein Mensch, der sich nicht beugen müsste unter die Macht der Gewalt; die Gewalt ist total und totalitär. Die Herrschaft der Gewalt reicht so weit wie die der Natur. Sie macht Sieger und Besiegte zu Brüdern im gleichen Elend, im gleichen Leid. Alles sei Unterwerfung der Seele durch die Gewalt. Simone Weil ging angesichts des dargestellten Leids so weit, im Homerschen Werk ein Evangelium zu erkennen, das uns die Botschaft vermittelt, „dass nichts sicher ist vor dem Schicksal, dass man die Gewalt niemals bewundern soll, die Feinde nicht hassen und die Unglücklichen nicht verachten“. Besonders wichtig war ihr die Feststellung, dass das Bewusstsein vom menschlichen Elend eine Bedingung für Gerechtigkeit und Liebe sein könnte. Das sei die besondere Bedeutung der Illias. Tatsächlich endet sie mit zwei schluchzenden Männern, Achill und Priamos – und geht mit der Odyssee über zu einem Mann, der, mit zerschlissener und gnadenloser Seele, den Krieg mit nachhause schleppt.
– Nicht wenige, so auch der Autor dieser Zeilen, sahen in der Jüdin Simone Weil die vom Katholizismus angehauchte, spirituelle Philosophin, die Gewaltlosigkeit predigte. Tatsächlich war sie, als sie ihren Essay über die Illias schrieb, schon im Begriff, sich vom Pazifismus loszusagen. Die Gewalt des Faschismus trieb sie – im Rahmen ihrer seelischen wie körperlichen Möglichkeiten – in den Widerstand gegen Franco in Spanien und die Nazis im eroberten Frankreich. Aber Ilias und Odyssee selbst bieten keine Antwort auf die Frage, wie mit der Gewalt umzugehen sei. Zunächst musste das nackte Elend in den Homerschen Epen zur Schau gestellt werden. Erst mit den griechischen Tragödien dreihundert Jahre später, mit den aristotelischen Läuterungsmaschinen auf den Bühnen kamen die Antworten. Es war vor allem Aischylos mit seiner Orestie, die an die Ilias mit der Rückkehr des Agamemnon quasi anschließt und eine endlose Abfolge von Gewalt und Blutrache durch ein Gericht und durch Recht beendet.
Peter Sloterdijk hat vor ein paar Jahren mit seiner Meditation über „menis“, den Groll bzw. Zorn, den Faden wieder aufgenommen. Die „Ilias“, als „älteste Urkunde der europäischen Kultur“, sei eigentlich eine „Austreibung des großen Zorns aus der Kultur“, die in der „Odyssee“ mit der Umwandlung der „menis“ in die „metis“, sprich: der Klugheit bzw. List, gelingt. Er versteht Europa als Lehrling des Odysseus, der dem menschenfressenden Polyphem listig mit dem Wortspiel, es sei „niemand“, entgehen konnte. Auch Europa versuchte sehr lange, sich als niemand auszugeben, sich weltgeschichtlich auf eine „Niemandsposition“ zurückzuziehen. Sloterdijk sieht ein thymotisches Zeitalter heraufkommen. Ohne Beherztheit – so übersetzt er „thymos“ – sei eine postheroische Zivilisation allerdings nicht denkbar. Zivilcourage, die „Magerstufe des Muts“, allein werde nicht reichen. Man muss der Gewalt beherzt entgegentreten, um sich in Zeit und Welt zu behaupten.
– Alle Zivilisation ist auf den Verfahren zur Einhegung von Leidenschaften und Gewalt aufgebaut. Es gibt in der modernen Welt schon eine große Abneigung gegen Gewalt, aber sie wird nicht das richtige, das einhegende Mittel immer wieder aufflammender Gewalt finden, wenn sie sie überall walten sieht: in Blicken, Worten, Schweigen, Strukturen. Die westlichen Demokratien und ihre pluralistischen Gesellschaften sind dann erfolgreich, wenn sie nicht nur auf Sitten, Recht und Normen bauen, sondern stets auf einhegende bzw. eingehegte Gewaltmittel. Das Unding, dass uns alle zu einem Ding machen kann, braucht Gewalt als Gegenpart, um seine Macht einzudämmen. Das ist das Paradox, dem wir auch in naher Zukunft nicht entrinnen können. So beruht im Inneren der gesellschaftliche Frieden auf einem tatkräftigen Rechtsstaat nebst potenter Exekutive; im Äußeren auf einer zur Abschreckung fähigen Militärmacht. Homers Werk zeigt, wo wir herkommen. Wir sind, da ist sich der Autor dieser Zeilen sicher, trotz der geopolitischen Unbilden, immer noch auf einem besseren Weg bei der Einhegung von Gewalt. Aber es wird uns kein noch so großes Werk der Weltliteratur und auch nicht das Vorbild Odysseus, der größte Überlebenskünstler aller Zeiten, verraten, wie das dauerhaft gelingen kann.
Homer: Ilias und Odyssee. In der Übertragung von Johann Heinrich Voß. Frankfurt a.M. 1990
Botho Strauß: Ithaka, in: Theaterstücke 1993-1999. München 2000
Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt a.M. 1969
André Glucksmann: Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt. München und Wien 2005
Simone Weil: Die Ilias, oder das Gedicht von der Gewalt. Mit einem Essay von Wolfgang Matz. Berlin 2025
Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit. Frankfurt a.M. 2008







