Der eliminierte 7. Oktober
Vor bald zwei Jahren überfiel ein palästinensisches Terrorkommando Israel, um einen Krieg vom Zaun zu brechen. Der Krieg dauert an, aber der Angegriffene gilt nun als Aggressor. Wie das möglich wurde, hat mehrere Gründe.
Kürzlich hat sich die Hamas noch einmal in Erinnerung gebracht. Die Hamas, diese palästinensische terroristische Vereinigung aus dem Gazastreifen – Sie haben schon einmal von Ihr gehört? Ich frage nur, weil sie eher selten vorkommt in dem, was man Diskussionen oder Nachrichten nennt. Das ist umso bemerkenswerter, weil sie am 7. Oktober 2023, also vor fast oder eben mal gerade zwei Jahren in einer Kommandoaktion Israel überfallen hat. Israel reagierte auf diese Kriegserklärung mit schweren Angriffen auf den Gazastreifen. Was dann passierte, ist auf mehrere Arten bemerkenswert, auch für Deutschland.
EIN MOMENT NUR
Nach dem 7. Oktober 2023 versuchte man sich in Deutschland tatsächlich für eine kurze Zeit, ja, einen winzigen Diskursmoment lang in das Land Israel hineinzuversetzen, in die israelische Gesellschaft, ihre Menschen. Gerade hatten in einem pogromartigen Überfall Terroreinheiten der Hamas, des Islamischen Dschihad und „ganz normale“ Palästinenser an dem betreffenden Schabbat die Grenzen des Gazastreifens mit Pickups, Motorrädern, Fahrrädern, Gleitdrachen, Schlauchbooten und zu Fuß überwunden, um im Grenzgebiet jeden Israeli, dessen sie habhaft werden konnten, zu quälen, zu vergewaltigen und zu ermorden. Am Ende waren rund 1.200 Israelis und Gastarbeiter tot: Greise, Babys, Zivilisten, Soldaten – einfach jeder, der das Pech hatte, sich an diesem Morgen in der Nähe des Gazastreifens aufzuhalten, um zu schlafen, zu arbeiten oder zu feiern. Zudem wurden über 250 Menschen entführt und – nachdem sie in den Straßen Gazas zur Schau gestellt wurden – in Häusern und unterirdischen Tunneln eingekerkert. Doch damit nicht genug. Es passierte noch etwas, was die Welt zuvor noch nicht gesehen hatte: In den globalen sozialen Medien verbreiteten sich schon während des Massakers ungefiltert die Taten der Mörder und Vergewaltiger, denn sie selbst hatten die Videos ins Netz gestellt, um sich mit ihrem Blutrausch vor aller Welt zu brüsten. Sie machten keinen Hehl daraus, dass sie ihre Bestialitäten genau so begehen wollten – und dass sie Stolz darauf waren, Juden gedemütigt, geschändet und ermordet zu haben.
Israel und seine Regierung waren geschockt, das Schutzversprechen durch den eigenen Staat war gebrochen, die Verwundbarkeit offensichtlich. Dieses Entsetzen lähmte die Institutionen und die Gesellschaft, überall hörte man das Kaddisch Trauender, das Entsetzen und der Schmerz übermannte selbst die Hartgesottenen.
Und für einen kurzen Moment war auch Deutschland nach diesem Geschehen schockiert, es gab viele Menschen, die mit Israel trauerten. Das zeigte sich auch in der Empörung darüber, dass in der Bundeshauptstadt palästinensische Gruppen ungehindert in der Öffentlichkeit den Mord an den Israelis feiern, auf den Straßen jubilieren, Allah preisen und Süßigkeiten verteilen konnten an Gleichgesinnte, die auch so empfanden: dass der schlimmste Massenmord an Juden seit dem Holocaust etwas ist, das man wie eine gewonnene Meisterschaft feiern darf.
Andere versuchten mit einem Zahlenvergleich zu begreifen, was da eigentlich passiert war und was es bedeutete für eine Gesellschaft, die in Frieden leben wollte, wenn man, auf Deutschland hochgerechnet, durch einen Terroranschlag mit einem Mal 10.000 Tote zu beklagen hätte: Freunde, deren Kehlen und Bäuche aufgeschlitzt; Eltern, deren Schädel zertrümmert; Kinder, deren Leiber enthauptet wären. Wer vermag sich so etwas vorzustellen? Und dann wären auch noch 2.000 Geiseln in den Händen der Terrorbanden. Was würde Deutschland in diesem Fall tun: Mörder hätten eine blutige Spur durchs Land gezogen und dann noch Verwandte, Geliebte und Nachbarn entführt? Und als Nachtisch bekäme man ununterbrochen zerstörerische Raketensalven serviert. Wie könnte die Gesellschaft mit solch einem Schrecken, der nicht enden will, der nicht enden soll, umgehen?
Man redet in Deutschland gerne von „Narrativen“ – dieser Imagination aber, die Mitleid und Verständnis für Israel ermöglicht hätte, wollte man sich letztlich nicht aussetzen. Der Vergleich wurde nicht wirklich gezogen. Die Menschen in Israel aber hatten keine Wahl – für sie war dieser Terror keine Imagination, er war Realität. Das Land stand still. Es gab zunächst auch keine militärische Reaktion. Raketen, die weiterhin auf Israel flogen, konnte der Iron Dome abfangen.
In Deutschland aber – weil man sich der notwendigen Imagination, der tiefen Anteilnahme, der Empathie für Israel verweigerte – nahmen in kürzester, nein, in allerkürzester Zeit die Demonstrationen für die Aggressoren und gegen Israel zu und damit auch bestimmte Narrative. Das fiel auch dem damaligen Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck auf: Er müsse keine vier Wochen nach dem Überfall auf Israel feststellen, sagte Habeck in einer Rede, dass die öffentliche Debatte aufgeheizt, mitunter verworren sei. Antisemitismus zeige sich auf Demonstrationen, in Angriffen auf jüdische Läden, in Drohungen. Während es schnell große Solidaritätswellen gebe, wenn es zu rassistischen Angriffen komme, sei die Solidarität bei Israel rasch brüchig. Das Existenzrecht Israels dürfe aber nicht relativiert werden. Die Sicherheit Israels sei Deutschlands Verpflichtung. Natürlich müsse sich Israel an das Völkerrecht und internationale Standards halten. Aber wann, fragte er, würden solche Erwartungen je an die Hamas formuliert?
EIN ASYMMETRISCHER KRIEG
Die Frage blieb unbeantwortet, denn das Drehbuch der Hamas und ihrer Verbündeten war längst schon beim nächsten Kapitel: Israel war aus mehreren Richtungen – Gaza, Libanon, Syrien – durch Raketen unter Dauerbeschuss. Aber welche Regierung – auch eine linke – hätte, konfrontiert mit den Leichen von 1200 Landsleuten und noch 250 als Geiseln in der Hand von zu allem entschlossenen Terroristen und angesichts der Erfahrungen mit dem Holocaust und den sechs Millionen getöteten Juden, mit fast achtzig Jahren Attacken und Kriegen aus der Nachbarschaft, mit stets erneuernden Drohungen gegen Israel, das Land auszulöschen und die Einwohner ins Meer zu treiben und zu ermorden – welche Regierung hätte sich da nur auf Verhandlungen ohne militärischen Druck einlassen wollen, zumal die Hamas wegen der Geiseln am längeren Hebel saß und bloße Verhandlungen bedeutet hätten, dass die Täter und die Verantwortlichen sehr wahrscheinlich niemals zur Rechenschaft gezogen und zu weiteren Taten ermutigt worden wären?
Doch die Vorwürfe, Israel würde Völkermord an den Palästinensern begehen, war schneller in den Medien als ein Plan, wie die Geiseln im Gazastreifen befreit und die Macht der Hamas gebrochen werden könnten. Das erinnert an das Sprichwort, dass die Lüge schon einmal um die Welt gelaufen ist, während die Wahrheit sich noch die Schuhe schnürt. Der Genozid-Vorwurf bestimmte fortan immer mehr den internationalen Diskurs, angetrieben durch die UNO, linke Intellektuelle und Länder wie Südafrika, das bereits drei Monate nach dem 7. Oktober eine Anklage vor dem Internationalen Strafgerichtshof gegen Israel anstrengte. Spätestens von da an spielte der 7. Oktober kaum noch eine Rolle in den öffentlichen Wahrnehmungen. Die Bilder, die die Täter eigenhändig ins Netz stellten und deren Fakten trotzdem im Westen von Intellektuellen, Aktivisten und „Kulturschaffenden“ ignoriert wurden – linke Feministinnen hatten kein Problem damit, von den Tätern gezeigte Vergewaltigungen zu leugnen –, erfuhren eine Überschreibung durch Bilder der Zerstörung, Toter und hungernder Kinder im Gazastreifen.
Spätestens hier wurde deutlich: Der 7. Oktober war nicht nur ein Angriff auf die Integrität und die Sicherheit Israels, er war auch eine Falle. Mit ihm begann (erneut) eine militärische Auseinandersetzung, wie sie vor rund 25 Jahren und spätestens seit dem Al-Kaida-Anschlag vom 11. September 2001 als asymmetrische Kriegsführung im Konflikt mit dem islamistischen Terror genau beschrieben wurde: Es gibt keine klaren Fronten, keine großen Schlachten, dafür Hinterhalte, Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, Häuserkampf, Plünderungen, gezielte Desinformation und vor allem die Aufhebung der Trennung von militärischen Einheiten und Zivilbevölkerung, so dass hinter dem Arzt, dem Journalisten, dem Obsthändler manchmal ein Kämpfer steckt. Durch diese Gemengelage, die die Hamas nicht erst seit gestern durch eine Mischung aus Bomben-Terrorismus, Intifada (bei der sie Kinder und Jugendliche nach vorne gegen die israelischen Soldaten schickte), Partisanenkrieg und globaler Propaganda gekonnt verfeinert hat, können Fragen von Verantwortung und Schuld kaum einfach mit einem Fingerzeig auf Israel beantwortet werden. Aber die Urteile standen, wie gesagt, ohnehin schon von Anfang an fest.
Die Postmodernen wie der französische Philosoph Jean Baudrillard dachten noch, das große Trauma ihres Zeitalters wäre die Agonie fester Bezüge, die Agonie des Realen und Rationalen, was zu einem Zeitalter der Simulation führe. Aber das Reale ist weiterhin sichtbar, es wird nur von Lüge und Leugnung dissimiliert, sprich: abgebaut zur Gewinnung von Energie für die eigenen Zwecke. Es ist eine politische Verstoffwechselung. Daher spielen die Realitäten bzw. die Gegebenheiten des asymmetrischen Kriegs als Erklärungen im jetzigen Gaza-Krieg keinerlei Rolle mehr – sei es, weil man das nicht einzuschätzen weiß oder schon wieder vergessen hat oder weil es politisch nicht in den Kram passt. Darunter leidet eine nüchterne, sachliche Einschätzung.
Die eigene Prophezeiung und Motivationslage sowie die martialischen Reden aus der israelischen Regierung genügten vielen Aktivisten und Medien als Beleg, dass ein Völkermord stattfinde. Ein Völkermord muss aber als absichtliches Töten einer Ethnie deutlich sein. Doch wer kann das auf einem Kriegsschauplatz, auf dem mit allen Mitteln gekämpft wird, erkennen – zumal die Opferzahlen allein auf Nachrichten einer Terrororganisation beruhen, die den Krieg begonnen und noch lange Zeit mit Raketenbeschuss fortgeführt hat? Israel hat oft genug vor Angriffen per SMS, Telefonanrufen und Flugblättern gewarnt, auch sichere Korridore geöffnet, damit Zivilisten die Kampfgebiete verlassen können. Das bedeutet natürlich ein andauerndes Hin und Her für große verängstigte Menschenmengen, die jeden Tag mehr hofft, dass der Krieg bald endet.
Aber die Kraft des Völkermord-Vorwurfs, in den Medien und auf den Straßen westlicher Staaten immer wieder ventiliert, ließ und lässt einen Blick auf die kriegerischen Realitäten gar nicht zu. Ein weiteres Hindernis ist aber die israelische Armee selbst, die eine objektive Berichterstattung verhindert. Trotzdem kann es auch so keinen Zweifel daran geben, dass die palästinensische Bevölkerung einen fürchterlich hohen Blutzoll in diesem Krieg entrichtet.
Und natürlich kommt deshalb auch immer wieder die Frage auf, ob die israelische Kriegsführung verhältnismäßig sei. Das ist nicht überraschend angesichts der Tatsache, dass der Gazastreifen weitgehend wie Grosny nach dem Tschetschenien-Krieg aussieht. Aber was genau ist die Verhältnismäßigkeit in einem asymmetrischen Krieg, wo sich militärische Kommandozentralen in Krankenhäusern und Schulen befinden?
ALLERHÖCHSTE MORALISCHE ANSPRÜCHE
In gewisser Weise ist Israel seit der Gründung die einseitige Klage gegen sein Tun und Lassen gewohnt. Es geht sehr vielen Protestierenden auch nicht um den Schutz der Bevölkerung im Gazastreifen, sondern um die grundsätzliche Delegitimierung Israels. Eigentlich kann das Land nichts richtig machen, und es würden bestimme Gruppen auch selbst dann Kritik üben und eine moralische Makellosigkeit fordern, wenn die Israelis (und die Juden sowieso) nach einem Angriff gegen sie auch noch die andere Wange hinhalten würden. Man verlangt von Israel immer mehr als von jedem anderen Staat, und wenn es die höchsten moralischen Ansprüche erfüllt, dann stellt man sie infrage, und wenn es sie nicht erfüllt, klagt man es mehr an als die vielen anderen Staaten, die fortdauernd die Normen des friedlichen Zusammenlebens ignorieren.
Am liebsten aber schreibt man Israel vor, wie es zu kämpfen habe gegen die Leute, die es auslöschen wollen.
Gewiss macht die andauernde Bedrohung durch unerbittliche Todfeinde wie den Iran, der andauernde Kampf ums Überleben gegen Terrorgruppen wie Hamas und Hisbollah eine Gesellschaft auf Dauer auch stumpf gegenüber eigenen Fehlern, gleichgültig gegenüber dem Leid anderer, selbstgerecht mit einer Tendenz zur Radikalisierung. Und trotzdem haben erst kürzlich Hunderttausende für Verhandlungen und eine Beendigung des Krieges in Israel demonstriert, in Opposition zur eigenen Regierung.
EIN PAAR KNÖPFE DRÜCKEN
Aber die Hamas, die diesen Krieg begonnen hat, kommt im Westen, in Europa, in Deutschland als verantwortlich für diesen Krieg weiterhin kaum vor. Demonstrierende in den europäischen Großstädten loben sie höchstens, verbreiten ihre Symbole, ermutigen sie in ihrem Kampf, setzen sich in Boote mit Kurs auf Israel und den Gazastreifen. Forderungen werden an die Hamas nicht gestellt. Dabei sind Deutsche unter den verbliebenen Geiseln der Hamas. Aber – so muss man das Schweigen und die Indolenz der Politik und der Öffentlichkeit interpretieren – es sind ja „nur“ Juden: Da strengt man sich nicht so an, das sind ja keine richtigen deutschen Staatsbürger. So sind auch die Geiseln weithin verschwunden, obwohl die Hamas und der Islamische Jihad immer wieder Videos der letzten Überlebenden aus dem Tunnelwerk unter dem Gazastreifen veröffentlichen – sie werden weitgehend gar nicht zur Kenntnis genommen und flugs überspielt von den Bildern hungriger Palästinenser.
Und weiter gehen die Demonstrationen auf deutschen Straßen. Zuletzt waren die Soldaten der israelischen Armee (IDF) Ziel der Agitation und Beschimpfung. Das ist kein Zufall, sondern eine konzertierte Aktion, dass auf Demonstrationen die IDF angeklagt wird und nicht Netanjahu. Man weiß ja Bescheid über die Meinungsverschiedenheiten zwischen Regierung und Militär (das eigentlich nicht in die letzten Hamas-Hochburgen vordringen will), über die Verluste unter den Soldaten, die steigende Selbstmordrate, die Ängste unter den Rekruten – also attackiert man wie aus dem Lehrbuch der psychologischen Kriegsführung die Kämpfenden, diejenigen, die ihr Leben riskieren müssen im Häuserkampf oder in den Tunneln. In diesen Kontext gehört auch, dass – und hier kommen wir wieder zum Anfang – kürzlich ein Hamas-Kommando versucht hat, aus einer Gruppe israelischer Soldaten Geiseln zu nehmen, was aber misslang. Die Hamas weiß, dass Geiseln ihr letztes Pfand sind.
Und sie kann sich ja auch ermutigt fühlen von den Genozid-Apologeten, die die Videos der Hamas, die abgemagerte, gedemütigte und verzweifelte israelische und deutsche Geiseln zeigen, nicht als Beleg zur Kenntnis nehmen, dass das Handeln der IDF im Gazastreifen etwas mit dem 7. Oktober zu tun hat und dem wiederholten Bekenntnis der Hamas und ihrer Verbündeten, das ein von Juden bereinigtes Palästina mit Jerusalem als Hauptstadt ihre Vision und ihr Motiv allen terroristischen Handelns ist.
Zusätzlich ist die Tatsache besonders erschütternd, dass die Hamas nur ein paar Knöpfe drücken muss – und die Demonstrierenden in Europa und die moralisch aufgebrezelten Kulturschaffenden auf ihren roten Teppichen folgen gehorsamst und mit Inbrunst. Aber dem Gehorsamen genügt nicht die Erfüllung der Erwartungen, die in ihn gesteckt werden. Er will nicht 100 Prozent für die Sache geben, sondern 200. Er will nicht nachdenken, er will agieren. Er will nicht die Leidenschaft für die gute Sache spüren, er will sie bis zum Kitzel des Fanatismus steigern. Und an dem Punkt befinden wir uns gerade – auf den Straßen und dem Mittelmeer.
NETANJAHU UND DER FRIEDEN
Es gibt noch jemanden, der den 7. Oktober tilgen will: der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Das mag paradox klingen, weil er gerade mit einem Video vom 7. Oktober daran erinnert hat, warum dieser Krieg gegen die Hamas geführt wird. Aber letztlich ist das auch nur eine weitere Szene bei seiner Aufführung des Richard III.
(„Hat mein Gewissen doch viele Tausend Zungen, und jede Zunge bringt verschiednes Zeugnis…“). Netanjahu will den 7. Oktober mit seinem Triumph, einem vollständigen Sieg über die Angreifer überschreiben. Denn Netanjahu hatte im Vorfeld und am Tag des 7. Oktobers versagt. Er glaubte die Gefahr durch die Hamas eingedämmt zu haben; notwendige Truppen für die Grenzsicherung wurden abgezogen für das Westjordanland, wo Siedler, angeheizt durch seine rechtsextremen und ultrareligiösen Koalitionspartner, nicht nur die Palästinenser, sondern selbst die IDF schikanierten, bedrohten und attackierten. Er will den 7. Oktober liquidieren, diese Schande, das Versagen seiner Regierung, seiner eigenen Person. Deshalb muss ein Sieg her, er muss alles Versagen übertünchen, allein er, Netanjahu, vermöge die Schande ungeschehen machen. Welch ein Irrtum.
Er ist zwar nicht der erste Staatschef, der eine Gefahr übersieht. Schon Golda Meir hatte 1973, ein Jahr nach dem palästinensischen Terroranschlag auf israelische Sportler während der Olympischen Spiele in München, nicht an einen Angriff Ägyptens und Syriens geglaubt, obwohl der jordanische König persönlich sie von deren Kriegsplänen unterrichtet hatte. Und kann ein Gemeinwesen angesichts von zu allem bereiten Todfeinden rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr die immer gleiche Menge notwendige Sorge und Vorsicht walten lassen? Wohl kaum. Aber bei Netanjahu war es weniger Fehleinschätzung oder Nachlässigkeit denn Hybris, die den 7. Oktober in der Art ermöglicht hat. Und nun will er seinen vollständigen Sieg haben. Iran, Hisbollah, Huthis – er kann sich diese Erfolge, auch wenn sie nicht nachhaltig sein mögen, anrechnen lassen. Er hat trotzdem kurzfristig die Sicherheit für Israel erhöht. So sehen das viele seiner Anhänger, und deshalb folgen sie seinem Plan, auch den letzten Rest des Gazastreifens einzunehmen, um alle Strukturen der Hamas zerstören und ihre Kämpfer töten zu können – selbst wenn es das Leben der letzten Geiseln kosten würde.
Netanjahu fordert sehr viel Vertrauen und Loyalität – nicht nur im eigenen Volk, sondern auch von Europa. Das ist sehr viel verlangt, angesichts der radikalen und blutfordernden Schreierei seiner rechtsextremen Koalitionspartner. Und Netanjahu spricht mittlerweile zu oft von „Missgeschicken“, nachdem Journalisten und Sanitäter getötet wurden. Aber Europa hat sich, da es nicht auf die Hamas, sondern auf Israel Druck ausübt, wieder mal als unsicherer Kantonist erwiesen und in seiner Soft-Power-Besoffenheit als schwacher Partner.
Zwar existiert Israel in einer Vernichtungsumgebung in erster Linie wegen seiner Verteidigungsfähigkeiten. Aber es kann seine Existenz nicht allein auf Gewalt bauen, es braucht den Ausgleich mit ehemaligen Feinden, es braucht die Abraham Accords in einer erweiterten Fassung. Das zu erreichen ist nicht schwieriger, als einen dauerhaften Krieg gegen den palästinensischen Terrorismus zu führen. Eine Voraussetzung gibt es ja schon: Eigentlich haben die arabischen Länder fast alle kein Interesse an den ganzen terroristischen Muslimbruderschaften und dem Hegemoniestreben Irans. Ja, eigentlich könnten sie alle dauerhaft Verbündete werden für Frieden und Wohlstand. Aber es ist bei Netanjahu bislang nicht erkennbar, dass er die wohlmeinenden arabischen Länder wieder ins Boot holen will. Er kämpft für die Zerstörung der Hamas – aber für den Regime Change in Gaza macht er kein richtiges Angebot. Auf der anderen Seite werden die potenten Golfstaaten und vor allem Katar, dass die Hamas mit gepäppelt hat, nicht ohne größere Milliarden-Beträge aus der Sache raus kommen. Wer sich bedenkenlos eine ganze Reihe von immens teuren Fußballvereinen in Europa und im eigenen Land leisten kann, der kann auch in den Wiederaufbau des Gazastreifens investieren.
Vor all dem steht aber nicht die Ausrufung eines Staates Palästina – das ist nicht der erste Schritt zum Frieden im Nahen Osten. Der erste ist tatsächlich die Schwächung aller Hassstrukturen. Dafür muss die Hamas durch militärischen, politischen und finanziellen Druck arabischer Staaten vollständig entwaffnet und von jeder Art von Regierungsverantwortung im Gazastreifen ausgeschlossen werden. Was dem Frieden aber ganz besonders im Weg steht: der Wunsch, ja, der Drang der Palästinenser und Irans, Israel auslöschen zu wollen, der Antisemitismus, den sie von Generation zu Generation weitergeben. Er muss beseitigt werden. Und die Europäer sollten und müssen dafür einen adäquaten Anteil leisten – in ihren eigenen Gesellschaften.







