Die SPD und die Schweizer Uhr
„Von einem 93-Jährigen Optimismus zu erwarten, ist ein bisschen viel verlangt.“ Diesen Worten des Altkanzlers Helmut Schmidt aus einem späteren SPIEGEL-Interview hätte mein Großvater wahrscheinlich uneingeschränkt zugestimmt, trotz seiner jungen 92 Jahre. Das Leben war beschwerlich geworden, in gnadenlos immer kleiner werdenden Umlaufbahnen der Selbstbestimmung. Er und die SPD aber – das kann man mit Fug und Recht behaupten – war eine ernsthafte Langzeitbeziehung, Parteibuch inklusive. Gerade dem Genossen Helmut Schmidt stimmte mein Großvater häufig zu. Der Autor dieser Zeilen durfte in seiner exklusiven Position als Enkel – es muss wohl zur Bundestagswahl 2002 gewesen sein – seinen Großvater in dessen Eigenschaft als Vorsitzenden der örtlichen SPD-AG „60plus“ zu einem großen Gerhard-Schröder-Wahlkampfspektakel begleiten. Ein Ereignis, das, jedenfalls soweit sich das retrospektiv bewerten lässt, mein Interesse an Politik maßgeblich mitbegründete. Bis zuletzt war er ein politischer Mensch. Er ist vor einigen Wochen von uns gegangen.
Ein guter Anlass, darüber zu sinnieren, was Sozialdemokratie für meinen Großvater bedeutete. Etwas Wichtiges vorab: Die Sozialdemokratie, ihre Werte, Ziele und das konkrete politische Handeln, waren für weite Teile der Bevölkerung außerordentlich attraktiv – was sich in heute irreal anmutenden Wahlergebnissen bis über 40 Prozent manifestierte. Opa wusste: „It’s the economy, stupid“, bevor es cool war.
Seine ersten Lebensjahre verbrachte er aber, geboren 1933, unter dem Hakenkreuz als Pimpf im Jungvolk. Und, ja, es wurden, mutmaßlich auch unter mittelbarer oder unmittelbarer Beteiligung meines Großvaters, Juden beschimpft, verachtet, entmenschlicht. Eine Schande und Schuld, die ihn Zeit seines Lebens nicht losließ. Es folgten: die vollständige Zerstörung der Heimat, Kinderlandverschickung, Hungerwinter, Vater im Gulag. Die finanzielle Not – wir sprechen hier von Umständen, die sich mit unserer zeitgenössischen Lebensrealität kaum vergleichen lassen – zwang ihn, trotz bester Zensuren die Schule abzubrechen und eine Lehre zu beginnen. Auch dieser Makel begleitete ihn bis ins hohe Alter.
Harte Arbeit und viele, nach heutigen Maßstäben viel zu frühe, Kinder bestimmten die folgenden Jahre und Jahrzehnte. Und natürlich der erste Luxus: mit der dem eigenen selbst erarbeiteten Auto gen Italien, Gardasee. Später dann: Eigenheim und dicker BMW. Ritueller Cognac am Abend. Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und immer mehr Bücher. Reise in die Vereinigten Staaten (für die Elterngeneration meines Großvaters wäre allein das eine weitgehend absurde Vorstellung gewesen). OMEGA-Armbanduhr. Flugschein!
Bewusst ausgeklammert werden hier: Versuche, mit fränkischem Schulenglisch auf Diplomatenniveau zu parlieren. Unüberwindbare Besserwisserei. Und eine, sagen wir es vorsichtig, gewisse kognitive Dissonanz zwischen politisch propagiertem und tatsächlich gelebtem Frauenbild.
Fremdeln mit der SPD
Wie sich unschwer erkennen lässt: Man kann nicht behaupten, dass mein Arbeiterkind-SPD-Großvater den Verzicht propagierte. Und daraus lässt sich, zurückhaltend formuliert, auch ableiten, warum er gerade in den letzten Lebensjahren mit der Partei und mit dem, was heute „links“ ist, punktuell fremdelte. Sein Verständnis von Sozialdemokratie bestand maßgeblich aus folgenden Maximen: „Ich will in die Lage versetzt werden, durch meine eigene Leistung mein gerechtes Stück vom Kuchen abzubekommen. Gleiche Chancen, und insbesondere gleiche Bildungschancen, unabhängig von der Herkunft. Solidarität mit denjenigen, die sie benötigen. Und dazu, absolut gleichwertig: nie wieder Antisemitismus, nie wieder Hass, nie wieder Krieg.“
Dementsprechend und für meinen Großvater galt das lehrbuchmäßig: Jeglicher Konsum, jeglicher Luxus war Symbol im eigentlichen Wortsinne, ein „sýmbolon“, ein Wahrzeichen für – und man entschuldige hier meine drastische Wortwahl: „Sieh her, Welt, wohin ich es aus dieser unfassbaren Scheiße geschafft habe.“ Die präzise Schweizer Armbanduhr, jeden Tag am Handgelenk, ist in so einem Zusammenhang eben tatsächlich mehr als ein Zeitmesser: eine materialisierte tägliche Vergewisserung, eine Mahnung, eine Erinnerung an einen langen, steinigen Weg aus den oft zitierten einfachen Verhältnissen zu einem relativen Wohlstand.
Jean Baudrillard hat für diesen Vorgang, und ohne meinen Großvater je gekannt zu haben, das passende Vokabular geliefert. Im „System der Dinge“ von 1968 beschreibt er, wie Gegenstände aufhören, in erster Linie Gebrauchsgegenstände zu sein, und stattdessen in ein Zeichensystem eintreten: Die Uhr zeigt nicht mehr die Zeit an, die Uhr zeigt ihren Träger an. Der Wert liegt nicht im Nutzen, sondern vor allem in der Differenz – im minimalen Abstand zur Uhr des Nachbarn, zum Auto des Kollegen, zum Urlaubsziel des Bruders. Es wäre ein Leichtes, dieses Verhalten moralisch-antikapitalistisch aufzuladen und meinen Großvater als Getriebenen eines Codes zu lesen, der ihm die Bedürfnisse längst vorgeschrieben hatte, bevor er sie sich leisten konnte. In Baudrillards Gedankenwelt sind die Zeichen daher am Ende referenzlos, sie verweisen nur noch aufeinander. Nur traf das bei meinem Großvater und seiner Generation so nicht zu. Die OMEGA hatte Referenzpunkte – und zwar wirklich ausgesprochen konkrete: den Hungerwinter, die abgebrochene Schule, den Vater im Gulag. Sie war kein leeres Zeichen. Sie war ein Beleg, was in der neuen Welt möglich ist.
Partei ohne Bezugspunkt
Man kann kaum fragen, was aus dieser Sozialdemokratie geworden ist, ohne in den Verdacht der Nostalgie zu geraten, und vermutlich auch zu Recht: Das Milieu, aus dem mein Großvater kam, ist verschwunden wie die Zeitungen, die er las; und keine Partei kann etwas dafür, dass es die Arbeiterbiographie mit Eigenheim und Aufstiegsversprechen in der Breite so nicht mehr gibt. Auffällig bleibt trotzdem, dass die Partei für einen Menschen wie ihn zuletzt keine Sprache mehr fand. Nicht, weil sie ihn verraten hätte – dieses Wort ist zu groß und außerdem zu bequem und billig –, sondern weil sie ihm vor allem erklärte, was er lassen solle, und immer seltener, was er werden könne. Wer etwas leisten will, um sich etwas leisten zu können, hört anderswo mehr Zuspruch. Für eine Partei, die aus genau diesem Versprechen entstanden ist, ist das ein bemerkenswerter Verlust, und ich schreibe das nicht mit Genugtuung.
Vielleicht liegt hier die eigentliche Ironie. Baudrillards Diagnose, dass Zeichen irgendwann nur noch aufeinander verweisen, trifft am Ende weniger auf die Uhr zu als auf die Partei. Beschlusslagen, Vorstandsklausuren, Flügelkämpfe, Personalfragen: ein geschlossenes System, das nach innen präzise funktioniert und nach außen immer weniger bezeichnet. Man verständigt sich in einer Sprache, die nur versteht, wer sie ohnehin spricht. Der Referent, der Bezugspunkt, also das Leben, aus dem heraus einmal formuliert wurde, ist abhanden gekommen. Geblieben ist ein Code, der sich selbst genügt. Das ist womöglich nicht einmal eine Eigenart der SPD, sondern das Schicksal jeder Organisation, die lange genug existiert. Es fällt bei ihr nur mehr auf, weil der Anspruch irgendwie mal größer war.
Die Uhr trage ich inzwischen selbst, und ich kann nicht mit Sicherheit sagen, was sie an meinem Handgelenk noch bezeichnet. Vielleicht ist sie genau das leergelaufene Zeichen, von dem Baudrillard spricht: ein schönes Objekt, geerbt statt erarbeitet, dessen Referent mit seinem Träger gestorben ist, ein Zitat ohne Quelle. Vielleicht ist sie aber auch das Gegenteil, nämlich der Beleg selbst, der sichtbare Beweis, dass der Weg, den sie einmal markierte, tatsächlich zu Ende gegangen wurde – und zwar bis zu einem Enkel, der über solche Fragen schreiben darf, statt die Schule abbrechen zu müssen. Wahrscheinlich stimmt beides, und wahrscheinlich muss man das aushalten. Die Uhr selbst hat dazu keine Meinung. Sie geht einfach weiter, mechanisch und präzise.
Es ist eine Schweizer Uhr.
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