Muss das Bild von Helmut Schmidt verpixelt werden, um niemanden zu triggern?

Deutsche Trigger-Warnungen

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Hat Helmut Schmidt in Wehrmachtsuniform die angehenden Offiziere der Bundeswehr so sehr getriggert, dass das Bild abgehängt werden musste?

Ein Foto Helmut Schmidts, das ihn als jungen Leutnant mit Schiffchen auf dem Kopf und leicht grinsend zeigt, musste aus dem Wohnbereich der Bundswehrhochschule, die seinen Namen trägt, entfernt werden. Schmidt war Offizier im „Dritten Reich“ und natürlich ist das Hakenkreuz auf der Uniform sichtbar. Hätte man es in guter Sowjetmanier wegretuschieren sollen? Das Foto ist hunderfach in Zeitungen und Büchern abgebildet, ist ein Zeitdokument.

Da regen wir uns über hysterische Studenten an amerikanischen Universitäten auf, die zu zarten Sinnes sind, um Madame Bovary oder Tom Sawyer zu lesen, weil die eine oder andere Szene, das eine oder andere Wort sie irritieren könnten. Und was machen wir? Bildersturm nach fast 70 Jahren parlamentarisch verfasster Bundesrepublik?

Von Grass zu Wehrmacht und Fotoalben

Günter Grass war kurz in der Waffen-SS, Schmidt war Leutnant der Wehrmacht. Ulrich de Maizière, Vater des aktuellen Innenministers, einst hoher Offizier in der Wehrmacht, wurde zusammen mit Johann Adolf Graf Kielmansegg zum Gründervater der Bundeswehr. Diese ehemaligen Wehrmachtsoffiziere schufen das Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“ und der „Inneren Führung“. Selbstverständlich hatten auch diese hochverdienten Offiziere einst die Insignien des Nazistaates auf ihren Uniformjacken.

Millionenfach kleben in deutschen Fotoalben und stehen in deutschen Regalen Fotos von Vätern und Großvätern in Uniform mit Hakenkreuzen. Sie waren Kinder ihrer Generation, viele trugen Uniform und viele starben in Uniform. Das ist Geschichte und die kann man kaum durch das Abhängen von Bildern entsorgen. Es gibt sicherlich auch Staatsdiener, die in der Volksarmee dienten und Hammer und Zirkel auf der Unform zeigten. Sollen auch solche Fotos versteckt werden?

Ich sehe was, was du nicht siehst

Diese Art des Großreinemachens entlarvt ein bizarres Geschichtsverständnis: „Was ich nicht sehe, ist nicht da.“ Es ist unerheblich, ob das Abhängen des Schmidt-Fotos angeordnet oder in vorauseilendem Übereifer geschah. Das Foto, das seit mindestens vier Jahren in einem Flur hing, wurde nie von der Leitung der Helmut-Schmidt-Universität beanstandet. Doch plötzlich hat die selbe Leitung veranlasst, das Foto durch „eine unmissverständliche Darstellung“ zu ersetzen. Das Jugendfoto des Bundeskanzlers rückt so fast in die Nähe von Pornografie. Der junge Leutnant Schmidt hing immerhin auf dem Flur einer Hochschule, die Offiziere unterrichet. Sind deren Uniformen auch missverständlich?

Die Erklärung des Sprechers der Verteidigungsministerin von der Leyen machte dann alles in schönster Beamtenprosa noch ein bisschen irrer: „Aus Sicht des Bundesministeriums für Verteidigung hätte die Entscheidung nicht zwingend so ausfallen müssen.“ Zwingend?!

Wie wäre es denn damit: Hängt das Foto von Leutnant Schmidt wieder an die Wand! Und diesmal steckt ihr es auch in einen anständigen Rahmen!




Promovierte 1976 über die englische Open University an der Universität Hamburg. Anschließend Postdoc-Forschung in den USA über verschiedene Aspekte amerikanischer Hochschulen. Gutachtertätigkeit im Bereich der vergleichenden Hochschulforschung. Journalistische Mitarbeit bei Die ZEIT, Süddeutschen Zeitung, Die Welt, FAZ, Tagesspiegel überwiegend im Bereich Bildung und Gesellschaft. Von 1998-2010 Jurymitglied beim Transatlantischen Ideenwettbewerb USable der Körber-Stiftung. Mitglied im Kuratorium der START Stiftung, Mitglied im Beirat des ELES Studienwerks. Autorin und Herausgeberin verschiedener Bücher, u.a. „Sie flohen vor dem Hakenkreuz“ (Hrsg), Rowohlt, Das Beste von Allem, Rowohlt, Mütterkriege, Herder, Eine Kindheit in Vormaurischer Zeit, Berlin Verlag. Verheiratet, zwei Töchter.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com