Die Bequemlichkeit der Unvernunft

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Um die Verbreitung des Corona-Virus machen sich dutzende Verschwörungstheorien breit. Sie sind gefährlich und betreffen nicht nur die politischen Ränder, sondern wirken bis in die gesellschaftliche Mitte.

Die Corona-Pandemie erweist sich als beste Grundlage für Verschwörungstheorien: Mal heißt es, das Virus gebe es nicht, dann wird gemunkelt, es sei in Wahrheit viel gefährlicher als zugegeben wird, ehe woanders wieder verlautbart wird, es sei eine planvoll eingesetzte Waffe. Jedenfalls stünden hinter der Pandemie gewaltige Mächte, die jede weitere Entwicklung in der Hand haben. Das Internet macht es möglich, dass solcherlei verschwörungsgläubiges Geraune boomt. Doch es ist nur Ventil eines Bedürfnisses, das sich besonders in Krisen Bahn bricht. 

Die Willkür des Wahns 

Gezielte Komplotte, gelenkte Marionetten, getäuschte Verblendete und erwachte Krieger im Kampf für die endgültige Wahrheit: Eine martialische Terminologie, die auf der einen Seite einen Sumpf aus Verlogenheit, Kontrolle, Intrigen und auf der anderen einen kleinen Kreis der Erleuchteten imaginiert, ist die dichotome Essenz einer jeden Verschwörungstheorie. Das ändert sich auch im Falle einiger Reaktionen auf die Corona-Pandemie nicht. Wer dabei letztlich als Übeltäter hinter der Konspiration ausgemacht wird (zurzeit wahlweise Bill Gates, George Soros, die USA, Israel oder die Pharmaindustrie), ist weniger wichtig als die Eigenschaften, die er erfüllen oder besser: die ihm zugeschrieben werden müssen. Denn je einflussreicher sowie abstrakter und ungreifbarer ein Akteur erscheint, desto perfekter passt er in das Muster gängiger Verschwörungstheorien, die in ihrer paranoiden Betonung der Übermenschlichkeit der von ihnen Angeklagten kaum verbergen können, dass die Lösung für sie weniger in der Auflösung der Verschwörung als in der Ausmerzung der Verschwörer liegen würde. In Gruppen des beliebten Messengers Telegram oder in den Kommentarspalten einschlägiger Youtube-Kanäle suhlen sich die Anhänger von Verschwörungstheorien dementsprechend häufig in fanatischen Strafphantasien.

Sowieso schon verbreitete ideologische Dispositionen blühen in Krisenzeiten besonders auf: So fällt bei der Verbreitung von Verschwörungstheorien auf, wie oft sie mit Antiamerikanismus und Antisemitismus durchsetzt sind. Das Ressentiment reicht teilweise bis in hohe Kreise: Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums mutmaßte beispielsweise, dass das US-Militär hinter der Pandemie stecke, während der einflussreiche russische Rechtsextreme Wladimir Schirinowski das Virus als Biowaffe des Pentagon bezeichnete. Irans oberster Führer Ayatollah Ali Khamenei lehnte sogar angebotene Medizin aus den Vereinigten Staaten mit der Begründung ab, dass es sich dabei nur um einen sinistren Plan handele, das Virus weiterzuverbreiten. Auch der Politikwissenschaftler Muhamad Sadeq Al-Hashemi verbreitete im iranischen Fernsehen das Gerücht, dass die USA hinter Covid-19 stecken würden – mit dem Ziel, die Weltbevölkerung radikal zu dezimieren. Er gab weiter an, dass diese Vorgehensweise an jüdische Verschwörungen erinnere. Letzteres knüpft an die klassische Legende vom jüdischen Brunnenvergifter an, die sich insbesondere im arabischen Raum bis heute größter Beliebtheit erfreut. Übersehen werden sollte in diesem Zusammenhang ebenso wenig, dass schon die Vorstellung einer entwurzelten Schar bösartiger Strippenzieher zum Standard-Repertoire des modernen Antisemitismus gehört.

Das Ausmaß, in dem Verschwörungstheorien um das Corona-Virus auftreten, zeigt, dass sich Verschwörungsideologien nicht auf fanatische Rechtsextreme beschränken. Nicht einmal die Behauptung, Verschwörungs-Phantasien ließen sich in allen extremen politischen Gruppierungen antreffen, wird einer Realität gerecht, in der der krankhafte Wahn keinen Halt vor Parteigrenzen macht. Auch wenn die Extreme zwar den fruchtbarsten Boden für Verschwörungstheorien bilden, verbreiten sie sich aufgrund ihrer total erklärenden und dadurch attraktiven Schematik doch weit darüber hinaus.

Das Verlangen nach Kontrolle

Das Gefühl, dass alles nach Plan läuft, auch wenn es nicht so scheint, ist die Blaupause von Verschwörungstheorien in unsicheren Zeiten. Denn die irrationalen Phantasien mögen für Außenstehende wirr erscheinen, bieten den Verschwörungsgläubigen aber psychologischen Halt. Nichts wird derzeit so gezielt gesucht wie Gewissheiten, an die man sich klammern kann; die nicht auf wackligen Füßen stehen und im Begriff sind, von neuen Entwicklungen immer wieder über den Haufen geworfen zu werden. Jener Sinn für das Alltägliche, für die Sicherheiten, die einem stets gegeben sind, wird durch Krisen fundamental erschüttert.

Glaubt man an Legenden über die Steuerung eines Virus durch finstere, global agierende Cliquen wird nicht nur ein mehr oder weniger klar benannter Ursprung des Übels als absoluter Feind erkannt. Stattdessen machen sich Verschwörungsgläubige gleichzeitig, ohne es offen zuzugeben oder gar bewusst zu begreifen, zu heimlichen Komplizen ihrer imaginierten Gegner. Weil sie ihre reale Machtlosigkeit schon längst anerkannt haben und sich damit begnügen, eine dunkle Zukunft zu beschwören, bleibt vor allem die scheinbare Klarheit unentbehrlich, ein Eingeweihter zu sein, dessen Rufe vor der uneinsichtigen Masse verhallen.

Verschwörungstheorien sind der Inbegriff ungeglaubten Glaubens. Wenn Verschwörungsgläubige nicht unbewusst wüssten, dass all die gezogenen Verbindungen und Mutmaßungen in Wirklichkeit ins Leere gehen und auf ihren Projektionen beruhen, ließe sich ihr Handeln – die aufdringlich-zwanghafte Verkündung ihrer Theorien auf zahllosen Internetplattformen – nicht erklären. Es geht den Verschwörungsgläubigen nicht darum, angebliche Verschwörungen schnellstmöglich zu sabotieren – was im Falle einer realen Bedrohung normalerweise das einzig Vernünftige wäre – sondern um jenen narzisstischen Prestigegewinn durch die Überzeugung, man kenne sich besser aus als alle anderen und könne bald verkünden, dass man es doch alles schon vorher gewusst und gesagt hätte. Verschwörungstheorien vermitteln ein Gefühl von Macht in der völligen Machtlosigkeit. Sie sind ein psychologisches Allheilmittel, das gegen die Realität nicht antreten muss, weil es deren Regeln nicht akzeptiert. 

Man sollte nicht der Illusion verfallen, Verschwörungstheorien seien gezielt gestreute Fake News politischer Taktiker, weil schon die Vorstellung, es handele sich um absichtliche, instrumentell eingesetzte Propagandalügen, den wahnhaften Kern ihrer Phantasien ausblenden. Jener Irrationalismus ist Dreh- und Angelpunkt der Ideologie der Verschwörungsanhänger: keine These ist zu absurd, alles lässt sich irgendwie in das große Ganze einfügen und sei es nur anhand schemenhafter Assoziationen, die als gewichtige Hinweise verbucht werden. Deswegen bringt kein Faktencheck und kein vernünftiges Gespräch etwas, sobald Menschen alltäglichste Nachrichten nicht mehr vernehmen können, ohne sofort jedes Detail in ihr Phantasma einer Weltverschwörung einzubinden. Wichtig ist es dagegen, insbesondere einsame und verunsicherte Menschen nicht in die Welt sogenannter »Alternativer Medien« und fragwürdiger Online-Foren abrutschen zu lassen: Das lässt sich einerseits partiell dadurch erreichen, über die Gefahr verschwörungsideologischer Weltanschauungen zu informieren, bevor Informationen den Betroffenen nur noch als gelenkte Manipulation erscheinen. Andererseits dürfte Mündigkeit jene vielbeschworene und selten anzutreffende Eigenschaft sein, die in der Fähigkeit zum selbstständigen Denken die Regression auf die Unvernunft verhindert und immun macht gegen die totalen Welterklärungen der Verschwörungstheoretiker.

Nico Hoppe ist freier Autor und Journalist. Auf Twitter ist er unter @nihops zu finden.




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