Die Deutsche Bahn ist nicht die Reichsbahn

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Die Empörung über die Entscheidung der Bahn, einen ICE nach Anne Frank zu benennen, ist moralinsauer.

Vor wenigen Tagen erschien an dieser Stelle ein Artikel, der nicht nur in Deutschland, sondern auch international Beachtung fand. Auslöser: Die Deutsche Bahn hat in einer Pressemitteilung bekanntgegeben, dass die neuen ICE-4-Züge nach Persönlichkeiten der deutschen Geschichte benannt werden. Über 100 ICE 4 sollen es insgesamt werden, 25 werden unmittelbar in Dienst gestellt. Unter den ersten 25 Namen ist neben Konrad Adenauer, Bertha Benz und Willy Brandt auch Anne Frank.

Der Artikel auf dem Portal der Bahn zeichnete sich (in seiner ersten Fassung) vor allem dadurch aus, dass die Formulierung zu Anne Frank mindestens flapsig war und, wenn man es auf die Spitze treibt, sogar als Hohn verstanden werden muss. „Neugierig auf die Welt“ war Anne Frank zwar ganz sicher, aber sie wurde ja daran gehindert, dieses Interesse auch auszuleben. Anne Frank wurde als eine von sechs Millionen Juden vom nationalsozialistischen Regime verschleppt und ermordet.

ICEs sind keine Todeszüge

Nils Kottmann, der die Bahn dafür an dieser Stelle angriff, und vor allem seine Leser machen aus einer schlecht formulierten Pressemitteilung aber einen Generalangriff auf die Deutsche Bahn. Da werden die ICEs auf einmal zum Wiedergänger der Todeszüge und die Deutsche Bahn sei letztendlich auch nur die Reichsbahn. Die Mitteilung der Bahn wird einfach maximal nachteilig ausgelegt.

Das ist aber kein offener Diskurs, das ist moralinsaurer Empörungswahn, von dem selbst Claudia Roth noch etwas lernen könnte. Was soll denn die Forderung bitte bedeuten, dass die Deutsche Bahn prinzipiell davon absehen soll, einen Zug nach Anne Frank zu benennen? Soll der Konzern Anne Frank stattdessen verschweigen? Auch der Vergleich mit einem imaginären Whiskey namens „Sitting Bull“ geht fehl, denn es wird nicht jeder ICE 4 künftig „Anne Frank“ genannt, sondern möglicherweise genau einer, in einer Reihe mit anderen Frauen und Männern der deutschen Geschichte.

Einen Zug nach einer Person zu benennen ist, genau wie bei einem Schiff, eine Würdigung. Man kann das schlicht nicht anders sehen.

Es wurden Fehler gemacht

Die Deutsche Bahn hat allerdings einen Fehler gemacht. Sie hätte vor der Veröffentlichung der Pressemitteilung Kontakt mit dem Anne-Frank-Fonds in der Schweiz aufnehmen müssen, denn dieser wurde von Annes Vater errichtet, dort liegen auch die Urheberrechte für Annes weltweit berühmtes Tagebuch. Dort wird das geistige Erbe der Anne Frank verwaltet. Die Deutsche Bahn holt das nun nach und ist auch im Gespräch mit jüdischen Organisationen. (Und die unbeholfenen Zitate wurden entfernt im Artikel auf dem Portal der Deutschen Bahn.)

Wenn diese Gespräche, auch wegen der öffentlichen Erregung, nun zur Folge haben sollten, dass doch kein ICE 4 nach Anne Frank benannt werden sollte, fände ich das schade, aber ich würde es respektieren. Genauso würde ich aber auch von anderen erwarten, dass sie eine andere Entscheidung respektierten und dann nicht weiterhin postulierten, dass moderne ICEs Symbolbilder für den Holocaust seien. Denn wer den Holocaust dadurch derart verharmlost, kann sich nicht bei nächster Gelegenheit darüber beschweren, dass Tierrechtsfanatiker von „Hühner-KZs“ sprechen.


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Sozialdemokrat, anderen Argumenten und Ideen gegenüber zugänglich. Bekämpft ab und an den Liberalen in sich. Lebt und arbeitet in Mannheim. Hat Geschichte, Germanistik und Theologie studiert.


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