Der Antisemitismus nimmt seit Jahren zu. Und er hat noch Verstärkung bekommen: den Antizionismus. Das ist kein Zufall, das ist Teil einer antijüdischen Kampagne. Aber diesmal kommen die Brandstifter von links, und sie gehen bedrohliche Allianzen ein.

Manchmal erzählen Politiker Märchen. So die Berliner Grünen jüngst auf einem ihrer Treffen, auf dem sie ihre Stadt inbrünstig dafür lobten, dass man in ihr sein könne, wer und wie man sein möchte. Ein schwerer Irrtum und eben allerhöchstens ein Märchen, geboren aus einer besonderen Art berlinischer Selbstbeweihräucherung und politischer Blindheit. Denn Juden können in Berlin schon lange nicht mehr sein, wie sie sein wollen. Das Leben in der deutschen Hauptstadt ist für sie teilweise zum Spießrutenlauf verkommen. Schon seit vielen Jahren ist das ein Problem, aber seit dem 7. Oktober 2023 ist es existentiell geworden für Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens. Nicht nur in Berlin, nicht nur in Deutschland, nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Eine Zeitlang wurde der 7. Oktober allein als Pogrom von Palästinensern an rund 1200 Israelis verstanden, mithin als den bis dato größte Massenmord an Juden nach dem Holocaust, dessen verheerende Wirkung man dadurch noch verstärkte, indem man den Opfern nur einen Tag nach dem Massaker die Schuld zuschob, das angegriffene Israel umgehend des Völkermords bezichtigte, Palästinenser in westlichen Metropolen die teils bestialischen Taten feierten, während ihre Sympathisanten sie in westlichen Medien leugneten oder als legitimen Widerstand der islamistischen Hamas rechtfertigten. Doch damit nicht genug. Mittlerweile müssen wir diesen Tag auch als Fanal für eine globale Intifada verstehen, als einen Kampf mit noch weitergehenden Zielen, fußend auf einer perfiden Doppelstrategie gegen jüdisches Leben von Sydney über Berlin und London bis Toronto. Diese Doppelstrategie funktioniert durch die virulente Gleichzeitigkeit von Antisemitismus und Antizionismus.

DER ANTISEMITISMUS IN DER DOPPELSTRATEGIE

Mit antisemitischen Aktionen macht man das Leben in der Diaspora gezielt unbehaglich, angstbeladen, gefährlich, ja unmöglich. Es ist ein Risiko, die Zeichen jüdischen Glaubens zu tragen. Es ist fast ausgeschlossen, gefahrlos israelische Küche oder koschere Waren anzubieten; Anschläge auf Restaurants und andere Geschäfte gefährden durch Sachbeschädigung und den Verlust an Gästen jüdische Existenzen. Synagogen, jüdische Gemeindehäuser und Wohneinrichtungen können nicht ohne Polizeischutz und andere Sicherheitsvorkehrungen bestehen, weshalb fast bei der Hälfte der Gemeinden die Zahl der aktiven Mitglieder am Gemeindeleben abgenommen hat. Mordanschläge, Attacken, Demonstrationen, Protest-Camps, Hass-Graffiti („Tod den Juden!“, „Kill all Jews!“, „Nur ein toter Jude ist ein guter Jude!“), also Aufrufe zu Pogromen an öffentlichen Orten sowie selbstbewusst vorgetragene Darbietungen von Hassparolen sind längst keine Seltenheit mehr. Einschüchternde Feindmarkierungen durch das Hamas-Dreieck an Wohnhäusern und anderen Gebäuden sind überall zu finden. Boykottaufrufe und Anschläge gegen Firmen, die mit israelischen Partnern kooperieren, und Proteste an Universitäten, die mit israelischen Universitäten wissenschaftlichen Austausch betreiben, gehören fast schon zum Alltag. Kinos, Theater- und Musikbühnen verkommen immer mehr zu Orten antisemitischer Agitation. Neuerdings kommen geschmacklose öffentliche Laien-Darstellungen in der Öffentlichkeit hinzu, die das uralte Motiv von Juden verbreiten, die Kinder ermorden, um ihr Blut zu trinken.

Das besonders Schlimme dieser Anschläge, Boykotte, Demonstrationen, Proteste und Diffamierungen ist vor allem: Sie haben Erfolg. Der Antisemitismus wirkt, der Israelhass funktioniert: Die Solidarität mit Israel und der jüdischen Bevölkerung nimmt weltweit ab und die Isolation zu. Die Angst, wegen einer Zusammenarbeit mit Juden bzw. Israelis selbst kaltgestellt zu werden, grassiert unter Wissenschaftlern und Künstlern, die sich sonst ihrer besonderen Zivilcourage rühmen, aber wenn es um Juden geht, eine Feigheit, Blasiertheit und Anpassung an den Tag legen, die peinlich ist und nichts Gutes verheißt.

Die Arten dieser Aktionen bzw. Straftaten können hier gar nicht alle dargestellt werden. Ihre Zahlen steigen seit Jahren. Im Jahr 2024 lag in Deutschland die Zahl antijüdischer Straftaten wie Volksverhetzung, Sachbeschädigungen, Beleidigungen und körperliche Attacken bei über 6200 und damit deutlich höher als im Jahr davor; das sind rund 17 Straftaten täglich. Darüber hinaus darf man die Dunkelziffer nicht unterschätzen, denn die meisten antisemitischen Zuschriften, Drohanrufe und E-Mails an jüdische Institutionen etc., aber auch antisemitische Schmierereien und persönliche Beleidigungen bleiben ungezählt.

Zu den perfidesten antisemitischen Aktionen in den Universitäten, auf den Demonstrationen, in den asozialen Medien, gehören aber die unverfrorenen Verlautbarungen von sogenannten braven Bürgern, Intellektuellen, Nachbarn, Migranten und Hamas-Unterstützern, die öffentlich bedauern (sic!), dass sie am 7. Oktober 2023 nicht teilgenommen haben bei der Ermordung, Folterung und Entführung von Juden. Sie scheinen auf die nächste Gelegenheit zu warten und tun alles in ihrer offenherzigen, cool dargebotenen, „progressiven“ Radikalität, dass sich diese Gelegenheit bald ergeben möge.

DER ANTIZIONISMUS IN DER DOPPELSTRATEGIE

Den Antizionismus gibt es spätestens seit der Gründung des Staates Israel, aber in jüngster Zeit ist er als die zweite Säule der antijüdischen Doppelstrategie in die Öffentlichkeit mittels akademischer Einlassungen und auf propalästinensischen Demonstrationen kampagnenmäßig ein- und ausgebaut worden. Er dient einerseits dazu, Antisemitismus, also den mehr oder minder offenen Hass auf Juden, zu verschleiern, und andererseits den Staat Israel zu delegitimieren bzw. seine Existenz abzulehnen. Das beginnt damit, dass man bei jeder Gelegenheit Israel bloß als „zionistische Entität“ bezeichnet und nicht als legitimen Staat.

Damit stellt man sich bewusst auf die Seite der islamistischen Hamas und ihrer Proxies (Stellvertreter) sowie des islamistischen Regimes im Iran: Beide lehnen Israel ab und wollen ein Palästina ohne Juden „from the river to the sea“. Große Unterstützung erhalten sie im Westen bei der postkolonialistischen und propalästinensischen Linken. Diese Zusammenarbeit wird immer offener betrieben und gelingt mittels antisemitischer Brückennarrative von Juden als Kolonisatoren, Kinder- und Völkermördern, als besonders gierige Vertreter des Raubtierkapitalismus, wobei alle Juden grundsätzlich für das Handeln der Netanjahu-Regierung in die Verantwortung genommen werden; es sei denn, es sind Juden, die die Völkermord-These an den Palästinensern unterstützen, das sind in den Augen der Antisemiten und Antizionisten – im Moment noch – die guten, weil nützlichen Juden.  

Die Kooperation der Linken mit islamistischen Organisationen – besonders erfolgreich in Frankreich, UK und Deutschland – ist gerade für die Islamisten von immensem Vorteil, denn die Linke nimmt sie schon lange reflexhaft in Schutz, indem sie jede Kritik am Islamismus als „antimuslimischen Rassismus“ und „Islamophobie“ verunglimpft und zu unterdrücken versucht. Dabei ist aber gerade der Islamismus ein unerschöpflicher Quell des Israel- und Judenhasses.

Das gibt dem Antizionismus gerade in letzter Zeit Schlagkraft: Israel wird per se zum Hyperunrechtsstaat erklärt, der nicht sein darf und der dem Weltfrieden und – das ist die nächste Brennstufe des Schwachsinns – sogar der Klimarettung im Wege steht. So ist ein Erlösungsantizionismus entstanden, oder besser gesagt: konstituiert worden, der als Weltanschauung die Köpfe einer ganzen jungen Generation vergiftet.

DAS ZIEL DER DOPPELSTRATEGIE

Dieser Erlösungsantizionismus wird systematisch gepaart mit – man muss es angesichts entsprechender Attacken und Terroranschläge so sagen – einem Endlösungsantisemitismus. Daraus ergibt sich eine sehr gefährliche Waffe. Man tut gleichzeitig zwei Dinge: Der Antisemitismus macht – wie gesagt – das Leben in der Diaspora deprimierend und gefährlich. Die Juden sollen verängstigt und zermürbt, ihre Aussichten auf ein gedeihliches und sicheres Leben getrübt bzw. eliminiert werden. Doch sie sollen sich zudem nirgends sicher fühlen – deswegen der Antizionismus, der zum Ziel hat, den Juden die mögliche letzte Heimstatt zu verwehren. Das bedeutet, dass sie auf Erden nirgendwo, nirgends akzeptiert und geduldet werden sollen. Was das in Konsequenz bedeutet, kann sich jeder vorstellen.

Keine Menschenfeindlichkeit, kein Menschenhass, keine Passion der Einschüchterung und Ausmerzung ist heute gefährlicher als die der sogenannten „Progressiven“ gegen die Juden. Sie ermutigen damit auch den Judenhass der Neonazis und anderer rechter Antisemiten, die im Moment noch feixend am Spielfeldrand stehen und den linken und islamistischen Juden- und Israelhass wirken lassen.

In Deutschland ist es immer wieder interessant bzw. bestürzend zu sehen, was gegen die Juden in diesem Staat politisch, künstlerisch, juristisch und ethisch noch möglich ist – aber benutz mal ein falsches Personalpronomen bei genderoffenen Personen, dann ist die Hölle los.

Zusammengefasst ist es doch aktuell so: Die Kunst ist frei – es sei denn, sie ist von Israelis. Die Wissenschaft ist frei – es sei denn, sie will mit israelischen Wissenschaftlern in den Austausch gehen. Die Religionsausübung ist frei – es sei denn, sie ist jüdisch, dann kann sie nur hinter Mauern und unter Polizeischutz geschehen. Jeder Mensch ist frei und hat ein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit – es sei denn er ist Jude, dann wird er attackiert und wie ein Aussätziger behandelt.

So ist die Lage im Jahr 2026.