Ein moralisches Rätsel
Die Soziologin Eva Illouz hat sich die Frage gestellt, wieso die progressive Linke den Opfern des 7. Oktober jede Form von Mitleid verwehrt hat. Herausgekommen ist ein Essay in bester aufklärerischer Tradition, der absonderliche Mythen und Dogmen offenlegt.
Aus der Menschheitsgeschichte kennen wir viele Anlässe für die Frage, wieso Einzelne oder Gruppen, die viel auf ihre Rechtschaffenheit und ihren Gerechtigkeitssinn geben, Opfern eines grauenerregenden Gewaltverbrechens selbst das kleinste Maß an Mitleid und Trauerbezeigungen vorenthalten können. Man erinnere sich nur an Papst Pius XII., der zwar vom Holocaust wusste, dazu aber schwieg; oder an die kommunistischen Emigranten im Moskauer Hotel Lux in den 1930er Jahren, als sich etliche – manchmal aus Angst, oftmals aus Überzeugung, es habe alles seine revolutionäre Richtigkeit – in der Zeit des stalinistischen Terrors gleichgültig gegenüber jenen Genossen zeigten, die man verhaftete, folterte und zum Tode verurteilte.
Die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz hat diese Frage in einem längeren Essay neu gestellt – und zwar an die sogenannte „progressive Linke“, die angesichts des palästinensischen Massakers an 1200 Menschen in Israel am 7. Oktober 2023 kein Mitleid für die Betroffenen und ihre Angehörigen zeigte. Doch das hätte vielleicht als Impuls für die Beantwortung der Frage in ihrem Buch mit dem Titel „Der 8. Oktober“ nicht gereicht, weil es auch immer mal wieder andere Barbareien gibt, die in unserer Infotainment-Kultur als Nebensachen weitgehend ignoriert werden. Es kam noch etwas Anderes hinzu an dem besagten Tag nach dem Massaker: Es war die offen zur Schau getragene Freude über die teils bestialischen Morde, die Vergewaltigungen und Misshandlungen. Jubelschreie, Begeisterung, Respektbezeugungen für die Täter – immer kamen diese unzähligen Freudesbekundungen von den sogenannten „Progressiven“: von Linken, Postkolonialisten, Antirassisten, Gendertheoretikern usw.
Noch etwas muss die Autorin zum Schreiben motiviert haben: Eva Illouz versteht sich selbst als eine Linke, sie wollte also sicher auch herausfinden, wie ihr weltanschaulich Nahestehende, wie Weltverbesserer, die sie selbst kannte, sich nicht nur als gleichgültig gegen das Leid anderer geben, sondern das bestialisch zugefügte Leid sogar frenetisch begrüßen konnten. Was war der Grund dafür, dass linke Ideale wie Menschenrechte, Gewaltlosigkeit, Antifaschismus und Feminismus in Zusammenhang mit dem 7. Oktober 2023 außer Kraft gesetzt waren?
MYTHEN EINES EXOTISCHEN STAMMES
Illouz hätte es sich leicht machen und als alle Ideale erdrückende Kraft Antisemitismus mutmaßen können – tatsächlich müssen wir davon ausgehen, dass Antisemitismus keine geringe Rolle gespielt hat, denn der Antikapitalismus der Linken geht seit seinen Anfängen bis heute eine enge Verwandtschaft mit dem Antisemitismus ein. Auch stehen die Überzeugungen der „Progressiven“ längst nicht immer auf so festen ethischen Fundamenten, wie sie selbst inbrünstig glauben. Die linke Selbsteinschätzung ist sehr oft eine moralische Selbstüberschätzung. Aber Illouz blieb skeptisch und wollte es genauer wissen. Und sie benutzte ein Verfahren, das in den siebziger Jahren noch in aller Munde war, um das es heute aber seltsam still geworden ist: Ideologiekritik. (Der Grund für die diesbezügliche Stille liegt auf der Hand.)
Illouz sieht die Ursache für das mangelnde Mitleid und die gleichzeitige Verhöhnung der Massaker-Opfer in einer manichäischen Zweiteilung der Welt begründet, die Hass zu einem Prinzip der identitären Linken gemacht hat: „Israel wurde jener Achse des Bösen zugeschlagen, zu der die weiße Hautfarbe, Privilegien, Kolonialismus, Kapitalismus, Männlichkeit und der Klimawandel gehören. Die Kräfte des Guten dagegen sind die Einheimischen, FLINTA, Palästinenser, die schwarze Hautfarbe, der Islam und die Natur.“
Diese Entwicklung sei auch deshalb so erschreckend, weil man in der Zeit der Aufklärung noch davon ausging, dass die Fähigkeit zum Mitleiden dem Menschen weitgehend angeboren sei – Illouz zitiert Rousseau und Schopenhauer als Gewährsmänner dieser Annahme. Und sie hätte aus dem Mittelalter Thomas von Aquin anführen können, der Mitleid nicht nur als emotionales, sondern auch als ein vernunftbestimmtes Phänomen ansah, aus dem eine menschliche Tugend erwachsen könnte.
Das nun grassierende moralische Versäumnis der identitären Linken muss in ihrem Manichäismus und den verbreiteten Mythen, sprich: den Ideologien dieses quasi „exotischen Stammes“ begründet liegen, die – wir erinnern uns alle – an westlichen Universitäten im letzten Jahr in einem quasi apokalyptischen Erlösungsantizionismus mündeten, für den die Hamas und die Huthis „Kräfte des Lebens“ seien, die in einem Endkampf gegen die Kräfte des Todes kämpften.
ISRAEL ALS HAUPTSCHULDIGER FÜR QUASI ALLES
Die Analyse von Eva Illouz reicht aber bis in das 20. Jahrhundert zurück, bis zur sogenannten „French Theory“, die – unterfüttert von Antiamerikanismus, Antikapitalismus und Antikolonialismus – als postmodernes philosophisches Konstrukt zwei Prämissen besaß: die Ablehnung der Werte der Aufklärung und der Idee des Westens, mithin die Ablehnung von Vernunftdenken, Universalismus und Liberalismus. Tatsächlich hat dieses Denken in den 1980er Jahren an den sozialwissenschaftlichen Fakultäten des Westens Fuß gefasst. Ein besonders heißer Scheiß waren dabei Poststrukturalismus und Dekonstruktion, also, kurz gefasst, die Behauptung, die Welt sei eine riesige Matrix aus Zeichen und Texten, die allerdings selbst keinen festen Bezugspunkt haben.
Es ist der Autorin hoch anzurechnen, dass sie bei ihrer analytischen Tiefenbohrung bis auf den ideologischen Grund gehen will. Ob man dafür aber bis zur Ursünde der Postmoderne gehen muss, darf bezweifelt werden. Viel ergiebiger, um den Hass auf Israel und die Juden sowie die gleichzeitige Glorifizierung von Terrorgruppen zu erklären, ist der akademische Erfolg des Postkolonialismus. Mit ihm wurde Israel zum quasi letzten kolonialen Staat erklärt, den es fortan und unbedingt zu dekolonisieren gelte. Und dies bedeutete zunächst eine Neuschreibung der Geschichte: „Man blendete die Tatsache aus, dass der Zionismus von Grund auf antirassistisch war, weil er eine Antwort auf und ein Gegenmittel zu Verfolgung und Hass darstellte; dass die Juden in Mandats-Palästina einen antikolonialen Kampf geführt hatten (…); dass sie als Flüchtlinge vor einem sicheren Tod aus Europa und aus arabischen Ländern gekommen waren (…); und vor allem, dass sie in Palästina so einheimisch waren wie die Araber, ja zweifellos mehr noch, da Juden seit 3000 Jahren in Palästina leben.“
Der Erfolg des Postkolonialismus unter den identitären Linken ging einher mit einer Verharmlosung, ja Sympathie für den Islamismus, den man als Bündnispartner im antikapitalistischen Kampf ansieht. Das reicht bis in die Klimabewegung, dessen radikallinker „Vordenker“ Andreas Malm konzedierte, dass der Moment, der die Globalisierung des Dampfes ausgelöst habe zugleich auch „das zionistische Projekt entworfen hat“. Illouz bemerkt zu dieser geradezu dämlichen Schuldzuweisung trocken, dass wohl ausgeblendet werde, dass die größten erdölproduzierenden Länder arabisch sind und der Zionismus ganz sicher nichts mit der Verbreitung von Kohle und Öl zu tun hatte. Dieses Vorgehen von großen Teilen der Klimabewegung ist somit ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte des Antisemitismus, in der Juden mit „phantasmatischen Projektionen“ desavouiert und als Hauptschuldige für quasi alles angeklagt werden. Gleichzeitig kann man sich mit diesen Projektionen selbst als tugendhaft inszenieren und den Kampf gegen die projizierten Verursacher eines neuen rassistischen Kolonialismus als mit allen Mitteln geboten predigen.
Zum Schluss rät Illouz der Linken, sich von neuem auf die demokratischen Tugenden der Komplexität und der Wahrheit zu besinnen. Hass beschädige jedes humanistische Projekt und mache unglaubwürdig. „Sich auf ihn zu stützen, um die Palästinenser zu verteidigen, wird nicht mehr bewirken, als eine gerechte Lösung für sie aufzuschieben.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Eva Illouz, Der 8. Oktober, aus dem Französischen von Michael Adrian, Berlin 2025







