21. September 2026

Ein Sieg des Antizionismus

Bei der Wahl in Berlin wurde zum ersten mal der Zionismus zum innenpolitischen Thema. Und die Linke hat mit dem Antizionismus gewonnen. Das ist die Zäsur des 20. September 2026.
Bild: KI generiert; Gemini nach Prompts von A.P.

Am Freitag vor der Wahl hingen am Rio-Reiser-Platz in Berlin-Kreuzberg Plakate mit der Losung: „Keine Stimme für AfD-Faschisten und CDU-Zionisten!“ Ich hatte gerade ein Enkelkind von der Kita abgeholt. Über dem Eingang hing ein Transparent: „Free Palestine!“ Es war nicht von der Kita, sondern von der städtisch geförderten Jugendeinrichtung im zweiten Stock. Einige Tage zuvor warb die Direktorin einer Grundschule auf einer Versammlung prospektiver Eltern damit, die Lehrerschaft würde immer versuchen, von den Kindern zu lernen. So hätten die Kinder neulich kritisiert, dass die ZDF-Kindernachrichtensendung „Logo“, die im Unterricht verwendet wurde, „zu israelfreundlich“ sei.

Diese Wahl in Berlin war die erste, bei der eine Partei – die Linke – ihren Antizionismus bewusst zur Schau gestellt hat; so wurde der Zionismus zum innenpolitischen Wahlthema. Und die Linke hat mit diesem Thema gewonnen. Das ist die eigentliche Zäsur des 20. September 2026. Ausgerechnet in Berlin ist die moderne Variante des Antisemitismus zu einem Faktor geworden, mit dem man Wahlen gewinnen kann.

Linke und rechte Antisemiten bekamen in Berlin 42 Prozent

Dass die einzige Gewinnerin neben der Linkspartei die AfD war, die Rassismus mit Ressentiment gegen den „Schuldkult“ gegenüber den Juden – Stichwort „Vogelschiss“ – verbindet, muss zusätzlich beunruhigen. Zusammen haben linke und rechte Antisemiten 42 Prozent der Stimmen in der deutschen Hauptstadt bekommen.

Und zwar nicht, „obwohl“ sie antisemitisch sind, sondern weil sie es sind. Noch vor wenigen Jahren schien es so, dass die Linke eine Partei der abgehalfterten Alten sei; zur Bundestagswahl 2024 trat sie mit der „Aktion Silberlocke“ an. Elif Eralp hat die Partei in Berlin zur Partei der stark akademisch geprägten Jugend und der muslimischen Wähler gemacht: Der Antizionismus ist der Kitt, der dieses Bündnis zusammenhält, und der viele junge Wähler von den Grünen weggelockt hat, der einzigen Partei übrigens, die – in Gestalt von Parteichef Felix Banaszak – am Wahlabend den Antisemitismus zur Sprache gebracht hat.

Die Linken-Führung macht es wie die AfD-Führung: formal distanziert sie sich von den radikalen Parolen, die an der Basis zur Mobilisierung genutzt werden, oder behauptet, davon nichts zu wissen; aber indem sie keine Disziplinarmaßnahmen gegen die betreffenden Funktionäre und Parteigliederungen ergreift, signalisiert sie: Weitermachen. Kein Wunder, dass bei der Wahlparty der Linken nicht nur der Chef des Remmo-Clans, sondern auch ein bekannter Vertreter der palästinensischen Terrortruppe PFLP der Partei ihrer Wahl ihre Aufwartung machten.

Nun kann man – und wird man in den nächsten Tagen – viel über Koalitionsarithmetik, Partei- und Staatsräson reden. Ob SPD und Grüne den siegreichen Antizionisten die Hand reichen, ist nicht ausgemacht. Sollten sie es aber nicht tun, was zu hoffen ist, bleibt das Problem, das vor allem CDU und SPD, in geringerem Maße auch die Grünen, als die seit Jahrzehnten etablierten Regierungsparteien in Berlin zu verantworten haben: das Anwachsen des Antizionismus zur Leitideologie an Universitäten und Schulen und im muslimisch-migrantischen Milieu.

Es geht den Antizionisten nicht um Gaza oder die Westbank; es geht um Israel. Es geht um die Juden hier, denen eine Selbstverständlichkeit – die Loyalität zum Jüdischen Staat – zum Vorwurf gemacht wird, die zusammengeschlagen werden, wenn sie eine Kippa oder einen Davidsstern tragen, ob an der Sonnenallee oder an der Freien Universität im bürgerlichen Dahlem, denen unterstellt wird, eine Partei – die CDU – zu ihrem Werkzeug gemacht zu haben, die aber in Wirklichkeit selbst in jener Stadt, wo sie zahlenmäßig am stärksten sind, eine für alle Parteien vernachlässigbare Wählergruppe sind. Parteiräson schlägt Staatsräson.

Die Eliten haben im Kampf gegen den Antisemitismus versagt

Im Kampf gegen den Antisemitismus haben die Eliten der Stadt versagt, vom Bürgermeister bis herunter zu den Lehrern, die vor ihren muslimischen Schülern Angst haben oder ihrerseits von der Ideologie des Postkolonialismus angefressen sind. Bezeichnend ist, dass das Jüdische Museum Berlin, bei der Gründung gefeiert als Flaggschiff des deutschen guten Gewissens, zu seinem 25. Jubiläum nur einen israelischen Gastredner einlädt: den in seiner Heimat völlig unbekannten, hierzulande aber ekstatisch gefeierten Antizionisten Omri Boehm. Der für das Museum zuständige Staatsminister Wolfram Weimer unternimmt nichts.

Wenn man fragt, wie Deutschland in den Jahren vor 1933 dem Wahn verfallen konnte, ausgerechnet die Juden seien an den Problemen des Landes schuld, sollte man sich in Berlin nur umsehen: Wenn man mit dem Antizionismus eine schon totgesagte Partei wiederbeleben und zum Sieg führen kann, ist alles möglich.  

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